Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 42 (26.5.1884)
- Date
- 1884-05-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXV. Jahrgung. Beilage zu Nr 48 des Israelit. Leitender Artikel. Der ,.rituelle" Word in Skurz. (In historischer Belenchtung.) Äl. F—g. Tilsit, 19. Mai. Von durchaus compctcnter Seite wird uns mitgctheilt, daß in der katholischen Kirche zu Sturz des vermeintlich von den Inden ermordeten Knaben Cydnlla als eines Märtyrers gedacht wird. Der Bruder des Pfarrers, ein verkommener Student der Medizin, ist es hauptsächlich, der dem Eybulla einen prunkvollen Grabstein setzen läßt, und da auch Veroachtsmomente gegen ihn vorhanden sind, daß er in dem allgemeinen Fanatismus jenes Ocrtchens nicht reine Hand behalten habe, soll sein Bruder, der Ortspriester, geäußert haben, bei der Verhaftung seines Bruders werde das Blut der Inden zum Himmel spritzen. Wie dem Allem auch sei, und ob dieses Gerücht von der Jnscenirung eines Blut- Mirakels sich bestätigt oder nicht-; Eines steht jetzt zweifellos fest: mit mittelalterlichem Fanatismus ist der Mord des 15jährigen E. in Sturz ausgcnutzt worden, uni die Juden, die bei der dortigen, fanatischen Bevölkerung schon ohnehin Quälereien genug auszuhalten haben, aus der Gegend womöglich ganz zu vertreiben. Alan glaubt, wenn man eine Nachricht über diese „Blutgeschichte" in die Hand bekommt, förmlich einen Moment nicht recht daran, daß wir im letzten Viertel vor Beginn des 20. Jahrhunderts leben und die lleberraschung über die Skurzer Vorgänge ist kaum größer, als wenn man lesen würde, eine Anzahl antisemitischer Naubrittcr unter Führung „der von So und So" wären in oas „Judcnquartier" eingebrochen. Oder klingt es etwa nicht cigcnthümlich, wenn wir hören, daß der Rabbiner der wcstpreußischen Stadt Pr. Stargardt neuerdings au euren Freund schreibt: „In dem benachbarten Sknrz bemüht man sich, neue Zeugen ausfindig zu machen,, die noch immer die Juden des begangenen Mordes beschuldigen sollen. Die Antisemiten, die noch Manches aus dem Schlamm und Schmutz aufwühlcn werden, scheuen vor keiner Frechheit und Luge - zurück. Auch meine Person suchte man in die traurige Affaire mit hineinzuzichcn. Ein Weib vom Land verbreitete hier in der Stadt, sie hätte mich in jener Mordnacht in Begleitung von 2 Männern aus meiner Gemeinde nach Sknrz fahren gesehen....." Wenn vom Orient her die Blutaffairen von Damaskus nnd Rho dus noch in frischer Erinnerung sind, wenn der Prozeß von Tisza-Eszlar uns Allen noch in die Ohren gellt, so sollte man doch kaum erwarten, daß in Preußen eine solche Unterwühlung des Bnrgerfriedens in unserer Zeit Platz greifen könne, wie sie in dem fanatisirten Skurz und in der ganzen dortigen Gegend systematisch unter dem rohen Landvolk betrieben worden ist. Wenn das so weiter fortgcht, können wir noch Alles erwarten. Vielleicht macht Sturz bald dem nicht weit davon belcgenen .Mirakclort Dietrichtswalde Konkurrenz. W.allfahrtetcn dock) noch im vorigen Jahrhundert jährlich 70,000 Menschen nach dem durch seine Jndcnschlächtereicn „geweihten" Städtlcin Deggendorf an der Donau. Der Aberglaube, daß die Juden zur Bereitung der Mazzoth, zum Knriren sonst unheilbarer Krankheiten, zum Bestreichen der Sterbenden - n. s. w. Ehristenblnt nothwendig haben, stirbt doch noch einmal an Altersschwäche, denn die Blutbeschuldigung (einst von Rom gegen Ehristen angewandt) ist alt. aber er stirbt sehr langsam. Was das Aussehen der Dinge in Sturz so sehr verschlimmert, ist der künstliche Änfban einer von außen hineingctragcnen Agitation, bei der antiscmischcn Flugblätter, ein Produkt unserer Neuzeit, eine Nolle gespielt haben. Ein zuverlässiger Gewährsmann schreibt uns über diese künstlich in Westprenßen erregte Strömung: „Bei meiner Miltheilung über eine hochgradige antisemitische Stimmung in hiesiger Gegend bleibe ich stehen, wenn auch die Zeitungen nichts darüber berichten. Sie herrscht mit geringen Ausnahmen in allen Kreisen und Klassen hiesiger Stadt und Umgegend. In der Umgegend sind cs namentlich Gutsbesitzer und Geistliche, die dem Antisemitismus stärk huldigen. In hiesiger Stadt ist der finstere Geist leider auch schon in unser neu gegründetes Gymnasium — cs hat noch keine Prima — cingezogen. Erft vor einigen Tagen kam cs in der Sekunda, die unter 32 Schülern 14 Juden zählt, zu einer Schlägerei, welche ans der offenen Feindschaft zwischen beiden Confesfionen hervorging. Die hier erscheinende Zeitung ist von Kopf bis Fuß antisemitisch und „hat gleich nach der Mordthat furchtbar gehetzt. In Skurz selbst präparirt man Zeugen ein, studirt Aussagen ein".... Alle diese schweren Anklagen haben die jetzt stattgefundcnen Verhaftungen bestätigt,