Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 42 (26.5.1884)
- Date
- 1884-05-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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sse: SE2Z 706 if d e r l stützte sich auf einen krückenartigen Stock, der mit einem vergoldeten Knopf verziert war. Der Alte schien wie aus denk Boden gewachsen zu sein; denn man vernahm den Schall seiner Fußtritte nicht. Ganz plötzlich, urplötzlich stand er bei dem Fremden; rückte seine große messingene Brille auf seiner für das schmale Gesicht zu großen Nase zurecht und betrachtete ihn einige Augenblicke prüfend, als wolle er jede Linie seines Gesichtes ins Gedächtniß cinprägen. dann umschwebte ein schalkhaftes, beinahe verächtliches Lächeln seine bläulichen Lippen. — Das Männchen strich mit seiner Hand sein dünnes, mit spärlichem Haarwuchs versehenes Bärtchen und indem er den Fremden mit seinen listigen Augen anblinzelte, flötete es mit seinem schwachen Stimmchen: „Der gnädige Herr scheinen hier fremd zu sein und möchten wohl wissen, wer da beerdigt ist? — Habe ich es gerathcn? — He? — Ja? — Nun Nebb Sch melke ist unberufen, unbeschrien und unbcschlawwert ein gescheiter Kopf, das weiß ein jeder! Ihm hat man nicht nöthig lange Geschichten zu erzählen. er weiß immer den Nagel auf den Kopf za treffen! Ja, er ist b'li schnm ain horoh ein großer Ehochom und ist daher mewin dowor metoch dower — Habe ich nicht Recht?" — „Ich bitte"..! wagte der Fremde unwillig mit den Schultern zuckend cinzuwenden. „Sie wollen also" — siel Nebb Schmelke ein — „wissen, Werda zur ewigen Ruhe gebettet wurde? Ist eine ganz eigenthümliche Geschichte....!" Ein Hnstenanfall unterbrach ihn. „Ist eine ganz eigenthümliche Geschichte" nahm Nebb Schmelke die Fäden seiner Erzählung wieder auf — „wie sie Nebb Schmelke leben trotz seiner fünf und siebenzig Jahre, unbeschrien, noch nicht erlebt! Wenn der gnädige Herr Geduld haben, will ich sie Ihnen haarklein erzählen!" „Ich bitte"! — wagte der Fremde wieder cinzuwenden. „Ach, nur einige Augenblicke Geduld!" Er nahm mit der größten Gemnthsrnhe seine Brille ab, hauchte die Augengläser an und rieb sie mit einem buntfarbigen Taschentnche wieder ab, dann setzte er sie wieder auf, hustete einige Mal und sing zu erzählen an: „Ja. eine ganz eigenthümliche Geschichte!" — wiederholte er nun zum dritten Mal und schüttelte wie zur Bekräftigung dessen mit dem Kopse. — Vor . sechszig Jahren lebte in St... der durch seine Ge- ' lehrsamkeit weit und breit bekannte Rabbi Rüben- ' Oker-Horim d. h. der Scharfsinnige — sichreno liwrockro! Zn ihm strömten wißbegierige Bachurim von allen Theilen der Welt. Steiner galt damals für einen richtigen Lamden, der nicht mindestens zwci Jahre zu den Füßen dieses großen Talmid Ehochoms saß und ans seine scharfsinnige Erklärung des Talmuds lauschte. Auch ich konnte dem Wipensdrange nicht widerstehen. Ich hatte kein Geld, um dorthin zu fahren und mußte meine Reise dahin zu Fuße machen. Drei Wochen brachte ich unterwegs zu und kämpfte mit allen erdenklichen Entbehrungen. Hungrig und ganz ermüdet, mit staubigen und zersetzten Kleidern kam ich iu St... an und hielt meinen Einzug in das Leih-Hamidrasch. Ich setzte mich bescheiden au das Ende eines Tisches hin und hörte den Vortrag. den gerade der Rabbi damals vor einer Bachorimzahl von mindestens Dreihundert hielt, zu. Aber ich verstand nur wenig; ich vermochte nicht dem hohen Godnnkeilflug des Rabbi zu folgen. Nachdem er den Vortrag beendet hatte, richtete sich das große geistvolle Auge des Rabbi fragend aus mich und er streckte mir seine Hand entgegen.. „Schalem alechem!" — sagtet der Rabbi und mein Herz hüpfte vor Freude. — „Woher kommst Du? Was hast Du bisher getrieben? Bei wem hast Du Deine Vorstudien gemacht?" — Mit beklommenem Herzen gab ich dem Rabbi die nöthigen Ausschlüsse. — Der Rabbi schüttelte bedenklich sein erleuchtetes Hanpt. „Es war nicht klug von Dir. Schmelke!" — versetzte er — „daß Du ohne zuerst anznsragen hieher gelaufen bist! Würdest Du zuerst schriftlich bei mir a»gefragt haben, so hätte ich Dir ^abgerathen bierherzukommen. Erstens ist Dein Wiffe» zu gering, um an dm gemeinschaftlichen Schiurim mit den andern Bachnrim Theil z» nehmen. Zweitens dürste es Dir schwer fallen hier Kofttagc zu erhalten. Die Geincinde hat schon .ihre große Last mit den hier anwei enden Bachurim, w'al rischonim onu miztarim, watoh th'ansis olenu?" Ich weinte bitterlich,? als ich diese Worte aus dein Munde des Rabbi vernahm und schaute ihn verzweiflungsvoll an, da gewahrte ich, daß der Rabbi Mitleid mit. mir empfand, denn ein gntmüthiges Lächeln verklärte in jenem Augenblicke sein Angesicht. (Fortsetzung folgt.) Die Fortsetzung der Erzählung „Rur standhaft" erscheint in der nächsten Nummer. Hierzu zwei Beilage»». Verantwortliche Redaction: Dr. Lehman» tu Mainz. — Verlag und Expedition de8 „Israelit" gr. Bleiche -15. I. GottSleben'S Buchdruckerei (MainzerAnzeiger).