Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 41 (22.5.1884)
- Date
- 1884-05-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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„Wir haben ja gerade von den Kirchen die Orgel entlehnt, um unserem Gottesdienste einen mehr kirchlichen Charakter durch Einführung dieses Kircheninstruments zu geben, und gegen dieses Moment richtet sich ja eben die Opposition, von der ich sprach. Man kann diese Opposition nur vom jüdischen oder musikalischen Gesichtspunkte aus billigen oder nicht, aber als gläubiger Christ, wie ich Sie kenne, mußten Sie doch die Orgel in der Synagoge jedenfalls als einen Triumph für die Ausbreitung Ihres Cultus freudig begrüßen." Bei diesen Worten sah ich meinem vis-a-vis in seine ehrlichen, schwarzen Augen, aber — zu seiner Ehre sage ich es hier — sie waren niedergeschlagen. Seine ganze Redeweise machte den unverkennbaren Eindruck, als ob sein Herz selbst nicht recht glaube, was die Lippen sprechen, und daß es eben nur das Bcdürfniß war, wenigstens den Schein von Recht bei der Discussion zu retten. In einer Anwandlung von Grausamkeit, die mir sonst fern liegt, schlug ich alle goldenen Brücken ab, die mein Gegner schlagen wollte und weidete mich an der Schwäche seiner Argumente, von denen , ich das letzte zuerst herausgriff, um es vor seinen Augen unbarmherzig zu zerfasern; er hatte es mir auch gar zu leicht gemacht. „Fehlgeschossen, mein lieber Snlzer secundusl Glauben Sie denn wirklich, daß sich eine reiche Tochter glücklich schätzt, wenn sie ihre alte Mutter kommen sieht, um Kleider bei ihr zu betteln? Und wenn die alte Muttcrreligion aller religiösen Bekenntnisse diesen Gang zu ihrer christlichen Tochterreligion thuu muß, dann sollte ein gläubiger Christ triumphiren? Wenn das Fundament, auf dem mit allen Religionen auch die christliche ruht, so morsch und altersschwach geworden ist, daß es, statt die aus ihm emporgewachsencn religiösen Bekenntnisse weiter zu tragen, von ihnen gehalten werden muß, dann mag der Unglaube und die Gottlosigkeit jubeln, der wahrhaft gläubige Christ aber hat keine Ursache dazu, sich über den Verfall der Religion zu freuen, in welcher der Stifter des Christenthums geboren wurde, und der er sein ganzes Leben lang angehörte." Mein Opfer wurde bleich und roth, er wollte reden und sich berichtigen, denn er fühlte die Nothwendigkeit, von der schiefen Ebene loszukommen, auf welche seine Argumente es versetzt hatten, aber ich fuhr unbarmherzig fort: „Das Geständniß nagele ich also fest, daß ihr das Bcdürfniß fühlt, euerem Judenthume einen kirchlichen Charakter zu geben. Aber ihr seid da wieder auf dem Unrechten Wege, wenn ihr das durch Einführung der Orgel zu Wege zu bringen glaubt. Das Abendmahl oder die Messe, das Tedeum oder irgend ein anderes charakteristisches Moment hättet ihr dann in die Synagoge aufnehmen müssen, um ihrem Gottesdienst einen kirchlich-christlichen Charakter zu sichern. Das Orgelspiel ist kein Charakteristikon des kirchlichen Cultus in diesem Sinne, denn es hat Orgeln gegeben, bevor es Kirchen gab. Wohl ist heute die Orgel eine Eigenthümlichkeit der Kirchen, wohl würde jeder, der in dunkler Nacht sich an einem ihm unbekannten Orte befände, wenn er eine Orgel hörte, sofort die Nähe einer Kirche — oder auch Synagoge — vermuthen, wohl mögen daher diejenigen Kreise, welche dem jüdischen Cultus auch keinerlei kirchliche Eigenthümlichkeit beigemischt wissen möchten, in der Orgel ein Aergerniß erblicken, aber diejenigen, welche in dem synagogalen Cultus einen kirchlichen Charakter wünschen. können in dem Orgelfpiel mit Nichten die Erfüllung ihres Wunsches erblicken. Durch die ausschließliche Benutzung der Orgel für den christlichen Gottesdienst, erhält ein vom Orgelspiel begleiteter Cultus allerdings einen kirchlichen Anstrich; ist aber euer Indenthum so morsch und altersschwach, daß es christlicher Stützen bedarf, so ist ihm mit bloßem Anstrich nicht geholfen. Hat das Judenthum zu seiner innern Haltlosigkeit auch noch seine eigene Farbe verloren, so ist es des fremden Anstrichs nicht mehr werth, dann ist nichts mehr an ihm zu conserviren und man sollte dann nicht auf halbem Wege stehen bleiben." Nun wurde mein alter ego fuchswild, — der beste Beweis, daß er nicht nur in: Unrecht war, sondern es auch wußte — und nahm mit dem Eifer eines Kirchenvaters den Fehdehandschuh auf, ja er führte geradezu einen Kirchenvater ins Treffen, in der Hoffnung, daß ich als gläubiger Christ mich vor dieser Autorität beugen würde. Wie ich behaupten könne, die Orgel sei kein Charakteristikon der christlichen Kirche, da doch der Kirchenvater Augustinus in seinem Briefwechsel anDardanus sie geradezu ein symbolum evangolii nennt, und dies eingehend und weitläufig dort auseinandersetzt. „Lieber Synagogen-Bater," erwiderte ich lächelnd, „diese Deine Harmonie mit unserm vorzüglichsten Kirchenvater ist eine zu seltene, rührende Erscheinung, als daß ich sie durch irgendwelche Einwände stören möchte. Ich schenke Dir den Kirchenvater und gestehe Dir, daß mir das Citat fremd war, ich will auch meinetwegen einräumen, daß die Orgel, obwohl älter als das Evangelium, im Laufe der Zeit dennoch als sein Shnlbol verehrt wurde. Aber um alles dieses handelt es sich ja gar nicht zwischen uns. Wir wollen ja keine theologischen Streitfragen schlichten, das mögen die Pfarrer und Rabbiner besorgen, der Musik- und Gesangfreund verhandelt mit dem Cantor über die Zweckmäßigkeit und Unzweckmäßigkeit der Orgelmusik. Du scheinst gar nicht zu