Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 41 (22.5.1884)
- Date
- 1884-05-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449406-2449445--20169-2509752- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
685 Christliche Stimmen über die Verwendung der Arget öeiw Gottesdienste. Don Paul Frifching. I. Ein mir befreundeter israelitischer Cantor klagte mir kürzlich im Laufe des Gesprächs über den Widerstand, auf den die Verwendung der Orgel für den israelitischen Gottesdienst so vielfach stoße. Selbst in Synagogen, in welchen die Orgel schon seit einer Reihe von Jahren festen Fuß gefaßt habe, mache sich von Tag zu Tag eine solche, immer größere Dimensionen annehmende Opposition geltend, daß die Möglichkeit der gänzlichen Beseitigung in vielleicht nicht allzulanger Zeit durchaus nicht ausgcschloffen sei. „O ihr glücklichen Leutchen, die ihr Israeliten seid, ohne etwas von eurem Glück zu wissen!" fiel ich meinen! Freunde in's Wort, der mich fragend anstarrte und an ein Mißverständniß glaubte, als er so gar kein Vcrständniß für seine Cantorenschmerzen bei mir fand. Er wollte schon zu einer breiten Begründung seiner Jereminaden ausholen, aber ich ließ ihn nicht mehr zu Worte kommen. „Sei unbesorgt, ich habe Dich verstanden, jetzt verstehe mich aber auch, und laffe es Dir nur noch einmal sagen, daß ihr wunderliche Käuze seid, wenn ihr alle so denkt und redet wie Du? Ihr wißt's nicht, wie glücklich ihr seid. Hast Du mir nicht vorhin von der Stiefmütterlichkeit ein Langes und Breites erzählt, mit welcher der Staat alle jüdischen Angelegenheiten behandelt, wie er sich nicht um euere Schulen, eueren Cultus, eure Beamten, kurz um alles das nicht kümmert, was ihm seinen christlichen Unterthanen gegenüber Gegenstand der höchsten Fürsorge ist? Sich' mich doch nicht so albern an, sonst kann ich der Versuchung nicht länger widerstehen, Dir den Puls zu fühlen, um mich zu überzeugen, ob Alles richtig bei Dir ist! Schwärmst Du nicht mit allen wahrhaft ehrlichen, freiheitliebenden Männern für die vollständige Trennung von Staat und Kirche? Ihr Israeliten, ihr preußischen Israeliten, seid die einzigen Bürger des Staates, die sich dieser Wohlthat erfreuen, die allen nichtjüdischen Staatsbürgern abgeht, und ihr lechzt nach einem verstaatlichten Judenthum! Ich gebe ja zu, daß der Staat mit seiner Stellung zu den Bekennern des Judenthums nicht von der Absicht geleitet wird, ihnen ein besonderes Beneficium einzuräumen. Aber was geht das euch an, was braucht euch daran zu liegen? Warum wollt ihr nicht die Vortheile euerer Ausnahmestellung freudig genießen, nach denen wir uns erfolglos sehnen? Wenn man euch die Freiheit läßt, euere Synagogen, euere Schulen, eueren Cultus selbstständig ohne staatliche Bevormundung zu regeln und zu verwalten, wenn man euch zwingen! will, glücklich zu sein, warum seufzt ihr über diesen 1 Zwang und sträubt euch dagegen?— Genau so ist's mit den Kirchenorgeln. Wie wären bei uns alle denkenden Freunde eines wahren Gottesdienstes, wie waren vor allen die Kenner von Musik und Gesang so glücklich, wenn ein Sturmwind über Nacht alle Orgelpfeifen aus den Kirchen fegte, und nun erzählst Du, daß in eueren Synagogen ein solcher Sturm im Anzug ist, und Du erhebst Lamentos und Wehklagen?! Du hast ja da in Deinem Notenpult die Meisterwerke von Meyerbeer, Sulz er und N a u m b ur g liegen, weißt Du denn nicht, daß' man die Autorität dieser Meister der Tonkunst überall und auch bei uns anführt, wenn es sich darum handelt, gezogenes Geschütz gegen die Orgelmusik beim Gottesdienst ins Treffen zu führen?" Mein lieber Freund und Ober-Eantor, welcher btcv Verbiete ber drei erwähnten Koryphäen . über die Orgelmusik viel besser kannte als ich, machteein ganz verdutztes Gesicht zu dem Eifer, in den ich mich gegen meine sonstige Gewohnheit hineingeredet hatte. Er wußte von der Verurtheilung, die das Orgelspicl als Begleitung beim Gottesdienste von den verschiedensten Gesichtspunkten aus erfährt, so gut als ich, aber er weiß nur davon, wie er z. N die Schattenseiten des Schnupftabaks kennt, ohne sich von ihm zu trennen. Er ist schon dreißig Jahre an seine Dose und 20 Jahre an seine Orgel gewöhnt, mit der Zeit gewöhnt man sich auch an das Klappern einer Nähmaschine, warum nicht auch an eine Orgel? Dazu kommt noch, daß mein Freund während seiner ganzen Berufsthätigkeit, von ihrem Beginn au bis auf den heutigen Tag mit seinen sämmtlichen Gesangsvorträgen auf die Begleitung der Orgel eingeübt ist. Wenn er plötzlich die Consequenzen seines besseren Wissens ziehen und auf die Orgel verzichten wollte, müßte er alle Gesänge neu einstudiren, was ein wenig zeitraubend und unbequem wäre, und Bequemlichkeit ist eine der vielen Tugenden meines alten Freundes. Schließlich aber, — last no least — kann ein Beamter einer Gemeinde, welche die Orgel aus Motiven eingeführt hat. die ich bis dahin gar nicht kannte, und zu meinem Staunen erst jetzt erfuhr, gar nicht so leicht den Regungen seines guten musikalischen Gewissens folgen. Er kann in der That nichts Befferes thun, als sich par koroo einreden, er sei ein enragirter Freund der Orgelmusik. — Mein l. Freund hatte also meiner ganzen Fluth von Erregung nichts als ein Dämmchen in Gestalt folgender Bemerkung entgegen zu setzen: