Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 41 (22.5.1884)
- Date
- 1884-05-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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riefen. Und doch, welche unbegrenzte Gastfreundschaft wurde in diesem Hause geübt! Jeder Glaubensgenosse, der auf Koscherkost reflectirte — eine jüdische Restauration gab es im Städtchen nicht — lud sich bei uns zu Gaste und wurde auf das Freundlichste ausgenommen. Ich erinnere mich, daß einmal zehn Fremde, Reiche und Arme, gleichzeitig an unferm Tische speisten. An einem Sabbatmorgen kam einst eine ganze Familie, aus sechs oder sieben Personen bestehend. Dieselbe war auf der Reise nach Amerika begriffen und fuhr auf einem von ihr gemietheten Schiffe nach Bremerhafen. Sie hatten das Schiff verlassen, um den Sabbat bei Glaubensgenossen zuzubringen. Mein Vater lud sie zun; Essen ein, und meine Mutter hatte nichts dagegen, wiewohl am Sabbat doch nicht gekocht werden durfte. Sie holte Alles herbei, Rauchfleisch, Pökelfleisch, Eingemachtes und was sonst in einem wohlgeordneten jüdischen Haushalte in-einer kleinen Stadt vorräthig zu sein pflegt. — Als ich später in Halberstadt zu den Füßen meiner großen Lehrer o”nt> ft-n» mich dem Thorastudium widme'.-, hätte ich Gelegenheit, Größeres in dem Hause des unvergeßlichen Commerzienrathes Joseph Hirsch 3"s"i zu beobachten. Unsere Weisen schildern uns die Wohlthätigkeit Hiobs: Wenn zwei Arme unterwegs sich trafen, so fragte Einer den Andern: „Woher kömmst Du?" — „„Von dem Hause des Hiob. Und wohin reisest Du?"" — „Nach dem Hause des Hiob." So erging es wörtlich in Bezug auf Joseph Hirsch. Auch sein Haus. war weit geöffnet wie das Haus unseres Vaters Abraham. Diese altjüdische Gastfreundschaft ist in neuerer Zeit immer seltener geworden. Die reichen und vornehmen Häuser sind den Armen meistens verschlossen; höchstens, daß man ihnen in der Küche zu essen geben läßt oder im Speisehaus für sie bezahlt. Aber auch der Mittelstand entwöhnt sich immer mehr der altjüdischen Gastfreundschaft. Wo wurde früher ein Hochzeitsfest gefeiert oder ein Beschneidungsfest, wo nicht auch für die Armen gedeckt war? Heutzutage müssen sie an der Thüre stehen und die Hand ausstrecken nach dem kärglichen Almosen, glücklich, wenn die Festgeber nicht die Polizei requiriren, um sich und ihre Gäste von dieser „unerträglichen Belästigung" zu schützen. Als die Tochter Rabbi Akiba's ihr Hochzeitsfest feierte, bemerkte sie einen Armen, der unbeachtet in einer Ecke stand, zu bescheiden, um zu fordern. Da verließ die Braut ihren Ehrensitz und sorgte für den Armen, und Gott lohnte es ihr und rettete sie am andern Tage in wunderbarer Weise vom Tode, wie es heißt: mvv np-is. „Wohlthun wird vom Tode erretten." -jN'2 d»w wro. „Und es mögen sein die Armen Deine Hausgenossen! Es genügt nicht, daß Du den Armen Dein Haus öffnest und ihren Hunger stillst — Du mußt sie auch freundlich und liebevoll behandeln, wie wenn.sie Deine Hausgenossen wären. Dem Wechsel unterworfen ist das irdische Glück. Gar oft gerathen Söhne und Enkel reicher und vornehmer Leute in die traurige Lage, das Mitleid ihrer Mitmenschen in Anspruch nehmen zu muffen. Damit Gott von Deinen Kindern und Enkeln dieses traurige Geschick abwende, so betrachte Du die Armen, die Du bewirthest und beschenkst, als Deine Kinder und Hausgenossen. Lehre auch Deine Kinder, die Armen als gleichberechtigte Brüder und Schwestern zu betrachten, auf daß diese Unglücklichen nicht verhöhnt und verspottet werden an Deinem Tische, auf daß sie nicht abgewiesen werden, wenn Du nicht zugegen bist. Erziehe Deine Kinder nicht zu groß und vornehm, damit sie nicht stolz und übermüthig werden im behaglichen Gefühle des elterlichen Wohlstandes. i'.iu;ru un nux t>tzr p~isa rmar 103 .rmy inu »n .*po »23 Erziehe Deine Kinder so, daß sie einfach und bescheiden keine zu großen Ansprüche machen an das Leben und den Lebensgenuß. Hiernach wäre der Ausspruch Jose den Jochanans so zu übersetzen: Und es mögen Deine Familienmitglieder sich selbst als Arme betrachten, das heißt: Sorge dafür, daß Deinen Familienangehörigen der bescheidene Sinn nicht abhanden komme. O, wenn doch diese große Lehre des Weisen in unfern Tagen die rechte Beherzigung fände! Es würde dann vieles anders und beffer sein. Die meisten Eltern erziehen gegenwärtig ihre Kinder so, daß diese über den Stand der Eltern hinausstreben, so daß Gewinnsucht und Genußsucht in ihnen gar zu mächtig werden. Willst Du das Glück Deiner Kinder begründen, so erziehe sie in Einfachheit, gewöhne sie nicht an die Genüsse des Lebens, sondern halte sie, wie die Kinder der Armen, zur Sparsamkeit und zur Arbeit an. Diese Lehre gilt namentlich auch für die Töchter, die heutzutage nur zu häufig wie die Prinzessinnen erzogen werden, zum vielbeschäftigten Müßiggänge, zur Uebcrbildung, für Musik und Theater, für Bälle und Concerte statt für die Küche und die häusliche Arbeit. Namentlich im Mittelstände rächt sich ein so thörichtes Verfahren nur zu oft. — Erziehe Deine Kinder für eine einfache, bescheidene, thätige Lebensweise — sie werden es später Dir nicht genug zu danken wissen. (Fortsetzung folgt.)