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Der Israelit · 1884-05-19 · Heft 40 (19.5.1884) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 40 (19.5.1884)
Date
1884-05-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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aagaeSKH •- _l LU 2E l;s 674 über den Platz und fuhr heulend zwischen die Zweige der Bäume, die er nach allen Seiten hin schüttelte und krümmte. Der Marin aber scheint weder den Wind noch den reichlich hcrabsallenden Regen zu spüren, ja, er fühlte nicht einmal, daß der Wind ihm den Hut vom Kopfe hcrunterriß und durch die Lust wirbelnd weit von ihm warf, auch dann nicht, als der Wind, mit Heftigkeit durch seine durchnäßten, wicrherabhängenden Locken fuhr, und solche zersausend ihm Regentropfen in's Gesicht warf. — Er stand ebenso unbeweglich da, wieder Grabstein, auf welchen er sich mit der einen Hand stützte. Keine Muskel zuckte in seinem Gesichte und wie znm Steinbild erstarrt waren seine Augen auf die in den Stein eingemcißclten Namenszüge geheftet, gleichsam die Schrift noch tiefer graben wollend. Auf dem Grabsteine prangte mit großen Goldbuchstaben die Inschrift: „Hier ruht der große Rabbi Joseph Löb Stein." Der Fremde war eine sehr vornehme Erscheinung. Seine Gestalt war kräftig und vornehm gebaut , sein Gesicht zeigte jenes Ebenmaß, welches die Künstlerhand am liebsten zur Darstellung classischer Männlichkeit wählt. Er würde mit Recht für einen sehr schönen Mann gegolten haben, wenn die hohe weiße Stirne weniger durchfurcht und von dunkeln Schatten, welche einen tiefen Seelenschmerz verrathen, weniger umgeben gewesen wäre. Auch dürften die großen, räthselhaften, schwarzen Augen weniger düster und finster blicken und der schön geformte Mund nicht von dem scharfen, bittern Zug umspielt sein. Er fuhr mit der schmalen, weißen Hand durch das feuchte, schwarze Haar, in welchem hier und da schon einzelne Silberfäden zu sehen waren, und seine Angen blickten, wie aus einem Traume erwachend, erstaunt auf seine Umgebung. Plötzlich schien er sich zu besinnen, wo er sich befinde; denn mit lautem Aufschrei schlägt er sich die Hunde vor sein Angesicht, welches sich mit einer krankhaften Blässe bedeckte und ein konvulsivisches Schluchzen machte seine ganze Gestalt erbeben. „Dein Mörder, geliebter Vater!" — entfuhr es stöhnend seinen Lippen und er preßte seinen heißen Mund ans den kalten Marmorslein, während Thräne auf Thräne aus seinen Augen floß. — „Dein Mörder wagte cs, den geheiligten Boden zu betreten, in welchen! das Gefäß Deiner edlen Seele, Deines thatenreichen Lebens aufbewahrt ist! O verzeihe, daß ich dem Drange meines Innern nicht widerstehen konnte, und daß der Wunsch, diese Stätte zu besuchen, noch stärker war, als Dein Machtspruch, welcher mich einst aus Deiner Nähe, aus der Wiege meiner Kindheit gebannt! — Ach, der Wunsch war so glühend, so sehnsuchtsvoll, daß ich Nachts und Tag keine Ruhe fand, bis ich zu dein Orte pilgerte, wohin Du durch mein Verschulden frühzeitig gekommen bist. Sieh'! mit gebrochenem Sinne, mit umwandeltem Geiste, voller Demuth und Zerknirschung nabe ich der Stätte Deiner ewigen Ruhe! Aufrichtig und innig bereue ich, daß ich gegen Deinen Willen gehandelt, gegen die Religion meines Volkes mich vergangen. — Es zog mich mit magischer Gewalt zu der Stätte hin, in welcher Du durch meine große Schuld in der Blüthe Deiner Jahre zur ewigen Ruhe gebettet wurdest. Vermag Dein edler Geist, Deine reine Seele, Deine reiche Vaterliebe, dem Sohne Verzeihung angedeihen zu lassen, der es suhlt und empfindet, daß er Dein Leben vergiftet und durch seine fehlervollen und frevelhaften Handlungen Dir das Herz gebrochen hatte? Wird der Fluch, den Dü mit röchelndem Athernznge gegen Dein Kind, das Alles, was Dir heilig und erhaben war, mit Füßen trat, ausstießest, von ihm genommen werden, da die Qualen seines Gewissens noch schrecklicher, noch grauenhafter als der Tod sind? — Ach wie hämmert es da fort und fort! Wie schmerzhaft und brennend sind die Wunden, meines Herzens!? Ein kalter Schauer überrieselt' mich, wenn ich an die vielen Leiden und Schmerzen denke, die ich durch 'nein sinnloses Verfahren erdulden mußte! Wie viele schlaflose Nächte brachte ich zu, seit die Stimme meines Gewissens zum ersten Male erwachte? Nirgends, ja nirgends fand ich Ruhe vor dem tobende» Element meines Gcwinens, nirgends winkte mir der Frieden entgegen! Ich fand kein Betäubungsmittel gegen diesen entsetzlichen Seelenschmerz. Mitten in heiterer Gesellschaft, mitten in berauschenden Freuden stand plötzlich mein Herzblut still und der Ankläger erhob seine Stimme gegen mich! O, diese qualvollen Regungen des Gewissens, dieser zuckende Schmerz der Seele, diese Ruhe- und Freudlosigkeit, sie sind schreck- ■ licher als der Tod! Ja, der Tod muß als ein Erlöser, als ein Befreier aus solchen Qualen begrüßt werden! Kann aber mein Herz nie mehr Ruhe finden? Wird mir niemals das Glück des Friedens zu Theil werden?" (Fortsetzung folgt.) Die Fortsetzung der Erzählung „Nur standhaft" erscheint in der nächsten Nunnuer. Hierzu eine Beilage. I I I! j! Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des .Israelit" gr. Bleiche 48». I. Gottsleben's Buchdrucker« (MainzerAnzeiger).

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