Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 40 (19.5.1884)
- Date
- 1884-05-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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m überwachen. Dieser vertheidigte sich, daß seine Funktion nur darin besteht, während des GöLLcsdienstes bei der Thoravorlefung Anordnungen zu treffen, und daß er den Kultusvorftand von der Baufälligkeit der Gallerie benachrichtigt habe, welcher nichts veranstalten wollte, wiewohl der Vorstand und nicht der Synagogenvorsteher über das Gemeindevermögen verfügt. Man constatirte auch, daß die BaufäÜigkeit der Gallerie früher allgemein bekannt war, da die Frauen dort sich stets die Hände gewaschen haben, wodurch die Balken verfault sind. Nach anderthalbtägiger Verhandlung hat der Gerichtshof denSynagogenvorsteher freigesprochen, hingegen die drei Angeklagten vom Eultnsvorstande zu iLtägigem strengen mit Fasten verschärften Arreste verurtheill. F e ii 11 I e t o rr. Aus dem Leben eines orthodoxen Aabbiners. . Skizze von Vr. Sta . . . 3. Cap'itel. Auf dem Friedhofe. „Na, bei dem muß es dort im Oberstübchen nicht ganz geheuer sein!" murmelte der Todtcngräber, Rebb Susmann, der vor dem Thore des Friedhofes in St.... stand und blickte kopfschüttelnd, sich hinter dem Ohr kratzend, der hohen schlanken Männergestalt nach, welche eiligen und elastischen Schrittes auf dem durchnäßten Kiespfad zwischen den Gräbern dahinschritt und seine Blicke aufmerksam prüfend über die Grabsteine geleiten ließ. Rebb Susmann war im Begriffe sein Werkzeug, mit welchem er ein frisches Grab in die Erde gehauen, in das Wächterhäuschen, das er bewohnte, hineinzulegen; als ein elegant gekleideter Herr auf ihn zukam und ohne mit ihm nur ein einziges Wort zu reden, ihm einen harten, blanken Thaler in die Hand drückte. — Ist das nicht sonderbar? — Rebb Susmann stand mit sprachlosem Erstaunen da. Er öffnete seinen großen Mund, durch welchen schon gar manches Gläschen Schnaps den Weg zur Kehle genommen, von dessen nicht unbedeutender Quantität die mit bläulichem Roth gefärbte Nase lebhaften Aufschluß gibt, — weit auf und vergaß ihn wieder zu schließen. — Na, so was ist ihm in seiner dreißigjährigen Praxis als wohlbestalteter Kabron *) von St... noch nicht vorgekommen! — *) Todlengräber. Plötzlich löste sich die Spannung seines Wesens, denn er besann sich, daß man für ein solches Geschenk wohl auch einen Gegendienst zu verlangen berechtigt sei. Er riß seinen durchlöcherten, von Altersschwäche mit allen erdenklichen Farben colorirten Hirt von seinem gewaltigen Kopf, streichelte seinen struppigen Bart und richtete sich mit süßlichem, dienstbeflissenen Lächeln empor. Er machte eine tiefe Verbeugung nach vornen, eine zur Seite, eine dritte nach hinten, dann schaute er auf und — stutzte. Seine erste Verbeugung galt dem Thor des Friedhofes, seine zweite brachte er einem majestätisch tänzelnden Hahne ehrfurchtsvoll dar, seine dritte endlich ist einem mäckerndcn Geisbock, der ihn mit dummen Augen anglotzte, zu Theil geworden. — Der Fremde aber ist schon längst an ihm vorübergeeilt und geht soeben zwischenden Reihen der Grabeshügel. „Na, gescheit ist der ganz bestimmt nicht! Vielleicht gar Choser Deöh!*) Wie käme er wohl sonst dazu,, dem Rebb Suske für nichts und wieder nichts einen Thaler zu schenken?" — reflectirte Rebb Susmann weiter und betrachtete mit erstaunten Gebährdcn und mit schmunzelndem Gesichte das Geldstück in seiner schwieligen Hand. — Der Hahn und der Geisbock scheinen das Staunen und Verwnndertsein mit Rebb Suske zu theilen; denn Ersterer schlägt seine Flügel weit auseinander und gibt durch ein mächtiges Krähen sein.Erstaunen zu erkennen, während Letzterer mit seinen Hörnern hochaufgcrichtet, sich an Rebb Suske heranschlcicht und einen Zipfel seines Nockes erfaßte, und als dieser ihn von sich trieb, in ein lautes Gemäcker ausbrach. Wahrend der Todtcngräber den Thaler nach allen Kanten und Enden drehte und sich in nicht gerade schmeichelhaften Eomplimenten gegen den Fremden erschöpft, berechnend, wie viel Maaß Branntwein er wohl für diesen Schatz in seine unersättliche Kehle herunterzuschütten im Stande sein wird, blieb der Fremde vor einem Grabcshügel stehen und betrachtete mit Aufmerksamkeit die Inschrift auf dem Grabsteine, dann entrang sich ein tiefes Aufstöhnen seiner Brust. „Vater!" — rief er aus — es war ein Schrei der wildesten Verzweiflung, welcher zumal bei der auf dem Friedhofe herrschenden Ruhe weithin erscholl. Es war ein regnerischer, windiger Tag. Auf dem ganzen Friedhöfe war weithin kein lebendiges Wesen zu sehen. — Ein kalter Nordostwind schien indeß mit der hier herrschenden Stille des Todes nicht ganz einverstanden zu sein, denn er blies heftig *) wahnsinnig.