Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 39 (15.5.1884)
- Date
- 1884-05-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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M aroc c o. Marocco. In einer vom Großvczicr an den Sultan gerichteten Illote, in welcher die von der maroccanischen Negierung den europäischen Mächten zuerlannten großen Wohlthatcn aufgezählt sind, heißt es, „das; angesichts der Ordre, wonach alle Naccn und Konfessionen auf gleichem Fuße behandelt werden sollen, es nur gerecht wäre, das; alle fremden Einwohner, Christen und andere, in Marocco das Kostüme der eingeborenen Juden, namentlich in Bezug ' ans die schwarze Kopfbedeckung annehmcu sollten, damit die Gefühle unserer Muselmänner nicht verletzt werden!!" Se. Majestät hat gleichzeitig eine Versammlung von Repräsentanten besohle», welche Borschläge machen soll, auf welche Weise bewirkt werden könne, das; die Fremden ihren gegenwärtigen Wohnsitz verlassen, um gleich den Juden im Innern in besondern Lokalitäten zu wohnen. Wahrlich, das sind schöne Aussichten in Marocco. F e ii i I I t t v ii. Aur standhaft! XI.Il. - , Wien, den 6. August 18'. . Heißgeliebte Ellern! Nicht weiß ich, wie ich Euch all das Gute und Schöne mittheilen soll, das ich m den jüngsten Tagen hier erlebt habe. Mein.Herz ist so übervoll und ich mochte Euch gern Alles ans eimnal sagen. Doch ich will mich zusammcnfapen und Eins nach dem Andern erzählen. Ich wollte, ich könnte dabei sein und die llcbcrraschung beobachten, die Euch der Eingang dieses Brieses bereitet! Im Geiste höre.ich Dich, lieb Mütterchen, rufen: Ja, die Rost Dormitzer ist ein Prachtmadcl! — Und Du. geliebter Vater, fügst bestätigend hinzu: Ich habe cs voraus gewußt, daß er sich bei Dsrmitzcrs heimisch fühlen wird; das ist eine Familie, in die er hincingchort. — Nnd nun höret und staunet, geliebte Eltern: Ich habe die Familie Dormitzer noch gar nicht aufgesucht, habe Dein Prachtmädel, lieb Mütterchen, gar nicht kennen gelernt, habe vielmehr Herrn Dormitzer schriftlich benachrichtigt, das; ich von Wien abreiscn werde, ohne den augclüudigten Besuch abzustattcn. Wahrlich, ich komme mir vor wie Sack, der Sohn des Kiß! Auch ich bm ausgczogen, um im Aufträge meines Vaters etwas zu suche», was mir von nicht großer Wichtigkeit erschien, und gefunden habe ich, was mchr iverth ist als ein Königreich. Ich habe Vernhardine wiedcrgesnndeU, und wie habe ich sic wicdcrgcfnndcn! Man hat Euch falsch berichtet Das holde Mädchen ist nicht mit der Prinzessin gezogen, ist nicht deren Hofdame geworden, hat nicht ihren Glauben gewechselt! Freilich, das Letztere ist in gewissem Sinne der Fall. Ihr, gute Eltern, Ihr müßt mir verzeihen, wenn ich mich nicht klar und deutlich genug ansdrücke, nicht im Zusammenhänge erzähle! Ich bin so freudig erregt, so unendlich glücklich, daß es mir kaum gelingt, meine Gedanken zu ordnen und sie klar und übersichtlich darznstellen. Doch ich weiß ja, daß cs Euch genügt, wenn ich Euch versichere, das; ich der glücklichste Mensch auf Erden bin. Freilich werdet Ihr auch wissen wollen, wie das Alles, so gekommen, und so will ich cs denn versuchen, aussührlicy Bericht zu erstatten. — Meine Reise nach Wien war eine höchst traurige. Die schöne Stadt an der blauen Donau, die mir jetzt so ungemein wohl gefällt, erschien mir schal und langweilig. Ich besuchte die Sehenswürdigkeiten und Kunstsammlungen, ohne daß diese ein rechtes' Interesse mir hätten abgewinnen können. Täglich stand ich im Begriff, die Familie Dormitzer anfzusnchcn und unterließ cs immer wieder. Endlich entschloß ich mich, abzureiscn und - schrieb Herrn Dormitzer den obenerwähnten Brief. Im Begriffe meine Sachen zusammenzupacken, wurde ich durch den Kellner zu einer Dame beschiedcn, die hier im Hotel wohnt. Und wen fand ich? .Frau- Budweis, die Großmutter Vcrnhardincns. Sie wünschte den Sohn ihrer Freundin kennen zu lernen und Dir, lieb Mütterchen, die herzlichsten Grüße zu senden. Und nun erfuhr ich die wundervolle Mähr, die mich in den siebenten Himmel erhob. Bernhardine sollte gezwungen werden, dem Bruder der jetzigen Frau .von Löwcnheim, einem Freiherr» von Wolkcnberg, ihre Hand zu reichen. Sie zog es vor, heimlich dein Vaterhanse zu entfliehen und bei ihrer Großmutter Schutz zu suchen. Ans dem Gute der Frau Budweis ging mit dem lieben Mädchen eine große Veränderung vor. Durch die ernsten und bitteren Erlebnisse \m Vaterhanse angeregt, wurde sic für die Belehrung empfänglich, die ihr durch die Großmutter und ein auf dem Gute lebendes Ehepaar, Herrn und Frau Kalmus in liebevoller Weise zu Theil wurde. Bcrnhardine ist während der Zeit ihres Aufenthaltes ans dem Gute der Frau Vndwcis eine überzengungsvollc Jüdin geworden, die nicht allein für unsere heilige Religion begeistert, sondern auch bestrebt ist, die Vorschriften derselben auf das Pünktlichste zu erfüllen. Sie ißt nnd trinkt nichts Unerlaubtes, sie hat den jüngst verflossenen neunten Ab gefastet und un'. die Zerstörung des heiligen Tempels getrauert, ja, ich habe beobachtet, daß sie am Sabbat von den Speisen nicht genießt, die nach Vorschrift des Arztes