Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 39 (15.5.1884)
- Date
- 1884-05-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2449406-2449443--20131-2509712- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
640 : merksames Auge zugewcndct und feinen Interessen Literarischer Bericht. Das Buch der Weisheit, des Josua bcu Sira; in seinem Verhältnis; zu den salomonischen . Sprüchen und feiner historischen Bedeutung von - Dr. Caesar Selig mann. Breslau, 1883. - Zu den dunkelsten Partien der jüdischen Geschichte gehören die Jahrhunderte von' der Zeit der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft bis zu den syrischen Wirren und den Mackabäerkämpfcn. Während die heiligen Schriften uns ein treues Bild von den Verhältnissen früherer Zeiten entrollen, sind wir, in dieser späteren Epoche der jüdischen Geschichte, auf geringfügige Mitthcilungcn bei Josephus und ans wenige versprengte Notizen in den beiden Talnmdcn und in den Midraschim angewiesen. Für den Anfang dieses 'Zeitraumes fliesten die Quellen ziemlich ergiebig in den Büchern Esra undNchcmia, welche uns mit groster, anschaulicher Treue den Auszug aus Babylon, die Schwierigkeiten der Reise, die Anfänge der Restauration, die Noth der Ansiedler, die Anfeindungen der Samaritaner und die Befestigung der religiösen Einrichtungen durch Nchemia's zweiten Aufenthalt in Jerusalem schildern. Ebenso erhalten wir genaue Berichte über den Ban des Tempels, über die Machinationen der Feinde zur Verhinderung desselben und über die endliche Vollendung der Stadtmauer.. Und als Ergänzung zu diesem Bilde dienen uns die begeisterten Reden der drei letzten Propheten, Chaggai, Sächarjah und Malcachi, in denen sich die Geschichte jener Zeit treu abspiegelt'und die den Stimmungen derselben den jeweiligen Ausdruck verleihen. Seitdem aber die letzte Prophetenstimme verklungen, indem sie den Inhalt aller Prophetenrcden in ihremSchlußworte in den einzigen Satz: „Gedenket der Lehre meines Dieners Moses, die Ich ihm geboten auf Horeb, Gesetz: und Rechte an ganz Israel" zusannnenfastte, seit jener Zeit hören auch die Quellen der Geschichte zu fliesten auf und nur ganz wenige verstreute Notizcn geben Kunde von den Ereignissen jener Zeiten. Und doch, ist cs denkbar, das; die literarische Thätigkeit in jenen Zeiten gänzlich geruht haben soll? Sollte ein Volk, das eine uralte, heilige Literatur besitzt, deren Werke selbst in rein menschlichem Sinne muftcrgiltig für alle Zeiten sind, plötzlich der schriftstellerischen Thätigkeit entsagen? Sollte sich Niemand versucht suhlen Angesichts solcher Vorbilder, den treibenden Jntercsten der Gegenwart, ihren Wandlungen und Bedürfnissen entsprechenden Ausdruck zu geben? Gewiß ist dies geschehen. Gewiß hat cs auch in dieser Zeit hervorragende Männer gegeben, die den Bedürfnissen des Volkes ein aufin Schriftwerken Ausdruck gegeben haben. Aber ihre Werke sind in den traurigen Zeiten, die über Israel hercingcbrochen sind, verloren gegangen, wie so Vieles, was nicht zur heiligen Schrift gehörte und nicht durch halachisches Interesse durch die Tradition erhalten wurde. Nur ein größeres Werk ist uns aus diesem! Zeitraum wenigstens in der Uebersctznng erhalten geblieben, das uns wichtige Einblicke in die Enltnrverhältnissc und in die politische Gestaltung damaliger Tage gestattet. Es ist das Buch Sirach oder »o b p/iuicca im Talmud und in den Midraschim genannt wird. Das. Werk-enthält Lebcnsregeln und Spruche nach Art der salomonischen in und c8 ist offenbar, das; der Verfasser sich dieses Spruchbnch zum Muster genommen hat. So urchcilt auch Professor Delitzsch, — „Zur Geschichte des ncuhebräischen Poesie" p. 131 — „Es ist unverkennbar, daß'Ben Sira die salomonischen Gnomen als Muster nachbildete.und nicht blos nach unbewußter, innewohnender Regel, sondern geflissentlich ihre Schönheiten und Besonderheiten nachprägte." In der That läßt sich diese Abhängigkeit nicht verkennen und der Verfasser des Sirachbuches war sich dessen so sehr bewußt, das; er Eap. 30, V. 25 von sich sagt: „Ich kam wie einer, der nach dem Winzer Lese hält." Das vorliegende Wcrkchen stellt sich nun die Aufgabe, wie aus dem Titel bereits ersichtlich, diese Ucbereinstimmnng im Einzelnen nachznweisen. Der Verfasser zergliedert den Ben Sira seinem- Inhalte und seiner Form nach und, indem er die hcrvorspringenden Eigenthümlichkeitcn hervorbolt, zeigt er zugleich die Abhängigkeit und geflissentlich nachbildncrische Thätigkeit desselben. Dieser Nachweis ist ihm auch vollständig gelungen, wobei er aber mit Recht behauptet, das; Ben Sira trotz seiner Abhängigkeit immer originell bleibt; denn seine Abhängigkeit besteht nicht in sklavischer Nachahmung, sondern in der freieren Nachbildung Bekannt ist. .-aß im Talnmd sehr häufig Sprüche aus Ben Sira citirt werden. Manchmal werden sogar Verse aus Ben Sira kurzweg mit avisi oder 'icwip angeführt*), als wenn cs Bibelvcrsc wären. Aber auch sonst läßt sich Nachweisen, das; Gedanken und Sprüche aus dein Ben Sira in Talmud und Midrasch gebraucht werden, selbst wenn er nicht wörtlich citirt wird. Ich will nur ein frappantes Beispiel anführen, das für viele sprechen mag. Eap. 33, V. 6 im B. S. heißt es: „Warum ist ein Tag bester als die anderen, da doch die Sonne an allen scheint? Jedoch der Herr in seiner Weis- * I Bgl. ihiibiu üoa.; 2'aba .'ianmia „2 b; Icr. chvth llb.