Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1884-05-12 · Heft 38 (12.5.1884) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 38 (12.5.1884)
Date
1884-05-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449406-2449442--20111-2509691
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Dr. Eervus erhob sich und Dr. Priester reichte ihm seinen Arni und geleitete ihn in's Hans. Im Zimmer herrschte vollständige Dunkelheit. Aber wozu hatte auch der Blinde das Licht nöthig? Seinen Augen vermochte es doch nicht zu scheinen! Dr. Priester klingelte und befahl. der hereintretenden Haushälterin Licht zu bringen.' „Sind keine Briefe und Zeitungen augekommen, Emilie?" frng Dr. Eervus die Haushälterin, welche die Lampe brachte. — „Sie werden , lieber Doctor, bei mir heute die Stelle des Amtsrichters versehen, wenn Ihre Zeit es Ihnen gestattet" — sagte er zu Dr. Priester gewendet. — „Sonst pflegte mir der Amtsrichter alle Abend die Zeitung und die eingetroffenen Briefe vorznlesen; jetzt ist er aber schon zwei Wochen verreist." „Mit Vergnügen!" erlviederte Dr. Priester und lieh ein Brief nach dem andern durch seine Hand geleiten. Plötzlich hielt er inue und wendete ein zierliches Briefchen, welches stark duftete nach allen Seiten und Enden und betrachtete aufmerksam die zierlich geschwungene Schrift einer Dame. . „Ah, Herr Doctor" — rief er aus — „Sie scheinen auch mit Damen in Briefwechsel zu stehen!" „Woraus schließen Sie das?" — entgegnete Dr. Eervus ruhig. Dr.. Priester betrachtete den Blinden einige Augenblicke prüfend und neugierig, dann sagte er: „Da habe ich einen Brief ans Berlin, Art und Weise des Couverts und die Schrift auf der Adresse lassen mich schließen, daß es eine Absenderin ist, nicht ein Absender!" . „Brechen Sie ihn auf und lassen Sie hören" — versetzte Dr. Cervus, indem er sich auf das Sopha niederließ. — „In Berlin kenne ich keine Damen." Dr. Priester riß hastig das Couvert auf und begann zu lesen: . , Lieber Rudolph! Ich weiß, daß Du -mir zürnest und leider habe ich Deinen Zorn ganz und voll verdient. Aber nicht das Weib, das Dich betrogen und Dein Leben vergiftet, wendet sich in der Roth mit einer Bitte an Dich, sondern Deine Ingendgespielin und die wirst Du hoffentlich nicht erbarmungslos von Dir weisen. Du weißt, daß meine Ehe mit dem Amtsrichter Stein keine glückliche war und habe mich deshalb' voll ihm trennen lassen. — Er hatte leider das Recht errungen — dieser Rechtsverdreher — mir, die mir ursprünglich zu meinem Lebellsunterhalt ausgesetzte Summe, verweigern zu dürfen. Ich bitte Dich also, lieber Rudolph, habe Mitleid mit mir und leihe mir ü00 Thaler. denn sonst lassen meine Gläubiger meine Habe versteigern. Meinen herzlichsten Dank im Voraus sagend, begrüßt Dich aufs Beste Deine Dich hochverehrende Martha. Dr. Eervus bot ein Bild des Jammers. Seine Hände nmschloffen krampfhaft den Stock, sein Gesicht bedeckte Röche des Zornes und Unmuthes, während seinen ganzen Körper ein Frostfieber durchschüttelte. Er schien die Anwesenheit Dr. Priesters ganz vergessen zu haben; denn noch immer saß er, die Lippen auf einander gepreßt, ganz erstarrt da. Plötzlich richtete er sich auf und schlug mit geballter Hand ans den Tisch. „Du heuchlerisches Weib, listige Schlange," schrie er laut auf. — „So meinst mich noch einmal so betrügen zu können, wie Du mich einst betrogen hast. — Aber spare Deine Mühe .. .!" Er hob seine Hand weit aus und ein Schlag traf den durch dieses Schauspiel ganz erstarrten Dr. Priester. — „Au," schrie der arnre Dr. Priester und griff nach seiner Backe. „Bitte mich armen blinden Mann gütkgst zu entschuldigen" — sagte Dr. Eervus in bedauerndem Tone. — „That ich Ihnen weh?" „Nun," lachte Dr. Priester — „Sie verstehen gut darauf zu hauen. Ich werde mich für die Zukunft in Acht nehmen. Ihnen billets donx vorzulesen, wenn Sie keine bessere Belohnung dafür wiffen, als eine tüchtige Ohrfeige. — Aber wer ist diese Dame? In welcher Beziehung steht Sie zu Ihnen, zum Amtsrichter Stein?" „Nicht heute, lieber Freund" — lächelte wehmnthig Dr. Cervus — „morgen sollen Sie die Antwort auf jenen Brief schreiben und Alles, was Sie zu wissen wünschen, erfahren. Heute lassenSie mich gütigst allein, ich muß noch darüber, Nachdenken!" Dr. Priester nahm seinen Hut und reichte Eervus die Hand. „Gute Nacht, schlafen Sie recht wohl und schlagen Sie nicht mehr in die Luft; denn Sie könnten die Lampe treffen und viel Unheil anstiste»; sie ist nicht so geduldig wie ich und könnte mit ihrem Inhalte feuerige Rache nehmen." „Gute Nacht, Herr Doctor," erwiederte Eervus tonlos. Noch lange bis der Morgen zu dämnrern begann, hörte man Dr. Eervus im Zimmer auf» und abgehen und bisweilen schrecklich ächzen und stönen. (Fortsetzung folgt) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des „Israelit" gr. Bleiche 45. I. GottSleben'S Bttchdrilckerei(MaülzerZlnzelger)._____

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.