Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 38 (12.5.1884)
- Date
- 1884-05-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449406-2449442--20110-2509690- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
637 gerichte in Lemberg wegen versuchten Meuchelmordes 1 mit zehn gegen zwei Stimmen schuldig erklärt und zu sechszehn Jahren schweren Kerkers verurtheilt wurde. Diese Affaire, welche viel Aufsehen erregte, kam vor den EaHationshof, welcher am 17. Sept. v. I. das Urtheil aufhob und die Angelegenheit zur neuerlichen Verhandlung vor das Lemberger Schwurgericht verwies. Bei der zweiten Verhandlung beantwortete die Jury die Schuldfrage mit drei Stimmen verneinend, mit neun Stiinmen bejahend, wobei jedoch die Worte ..tückischer Weise", ausgeschlossen wurden. Der Gerichtshof vcrnrtheilte darauf Bienenstock wegen versuchten gemeinen Mordes zu sechs Jahren Kerkers. (Segen dieses Erkenntniß haben sowohl der Verurtheilte als auch der Staatsanwalt die Nichtigkeits-Beschwerde ergriffen. Die Verhandlung hierüber wird kommenden Montag vor dein Obersten Gerichtshof durchgeführt. Pesth, 5. Mai. Der Abgeordnete Karl Eötvös erschien gestern zu Nagy-Körös im Kreise seiner Wähler, um'denselben seinen Rechenschaftsbericht zu erstatten. Eötvös sprach vom offenen Balcon herab zur Volksmenge eine Stunde lang mit hinreißender Beredtsamkeit und rief in der großen Versammlung tiefe Bewegung hervor?-Der Abgeordnete ließ die i Thätigkeit des Reichstages Revue passiren, besprach auch die antisemitische Bewegung, seine Stellung zu derselben in Folge der llebernahme der Vertheidignng im Eszlarer Processe, und verweilte bei diesem Gegenstände am längsten, da er wußte, daß die antisemitische Propaganda unser seinen Wählern stark betrieben worden. Er wolle, sagte er, vor seinen Wählern die wahre Sachlage.darlegen und dann deren Urtheil herausfordern. Die Rede Eötvös' wurde mit stürmischem Beifalle ausgenommen. Eötvös zog sich nun zurück, und es wurde hierauf über die Eandidatur für den nächsten Reichstag beratben. selbst die anwesenden antisemitischen Wortführer von Nagy-Körös erklärten sich für die Nominirung Eötvös'. Man holte ihn sodann ab und geleitete ihn in das Local der Eonfercnz, wo Eötvös in glänzender Improvisation die Gründe darlegte, die ihn bestimmen, die Eandidatur abzulehncn. Man wählte ihn hierauf zum ständigen Ehren-Präsidcnten der Unabhängigkcitspartei in Nagy-Körös. Sodann wurde Julius Szent-Petery als Candidat der äußersten Linken ausgerufcn. Von antisemitischer Seite hatte man den Versuch gemacht, diesen Anlaß zu Demonstrationen zu benützen, der Versuch scheiterte jedoch an der Haltung der Bevölkerung. R n ß l a n d. Warschau. Die „Now. Wr." entnimmt Warschauer Blättern nachstehende, ganz unglaublich klingende Geschichte: „In dem Flecken S. des Kreises Nowogrudok wurden in der Woche vor Ostern Nacht für Nacht durch unbekannte Verbrecher Nanbüberfälle und Einbrnchsdiebstählc verübt, durch welche besonders die jüdische Bevölkerung zu leiden hatte. Anfangs wollte es der örtlichen Polizei gar nicht gelingen, Licht in diese dunkle Affaire zu bringen. Endlich aber wurden ihre Bemühungen mit Erfolg gekrönt und einige der frechen Räuber wurden auf frischer That ergriffen. Aber was kam nun an den Tag? Die Verhafteten waren Insassen des Zuchthauses in Nowogrudok, die zusammen mit ihren Gefängnißwächtern in das benachbarte Städtchen auf Raub auszogen und mit dem Morgengrauen stets glücklich in ihre Zellen heimkehrten, ihre Beute im Gefängnis; selbst verbergend. Sie wußten dafür so gute Verstecke anfzusinden, daß die Gefänguißvcrwaltung lange - Zeit keine Ahnung davon hatte. Nachdem nun aber die Polizei in S. diese nächtlichen Naubzüge äusgedeckt hatte, wurde auf höhere Veranlassung in dem Zuchthause Nowogrudok eine strenge Durchsuchung vorgenommen, wobei dann die ganze Schandwirthschaft an -den Tag kam. Unter den Fußböden wurden ganze Niederlagen verschiedenster, den Juden gestohlener Maaren anfgesunden, Am zahlreichsten vertreten waren aber Flaschen mit Branntwein, was erkennen läßt, daß die Sträflinge bei ihren nächtlichen Raubzügen auch auf einen kräftigen Trunk bedacht waren." F e ii i I I e t o tu Mls dem Leben eines orlhodsren Kabbiners. Skizze von Dr. ©t'a .. . (Fortsetzung.) „Nun so täuschend wird die Aehnlichkeit dennoch nicht sein!" wandte er ein. „A'icht so täuschend!" — wehrte Dr. Priester ab, indem ein schalkhaftes Lächeln seinen Mund umspielte. — „Wäre es doch in der That so! — Aber leider ist unsere Aehnlichkeit so srappirend, daß selbst ineine arme Schwester ihn für mich hielt und ich -fürchte, sie hat ihr Herz bei dieseul Mißverständniß an den frechen Räuber meiner Gestalt verloren. — Aber die Lust ist kühl" — unterbrach er sich, während eine stammende Rothe sein Gesicht bedeckte; denn er fühlte, daß er in seinem Eifer etwas gesagt hatte, das nicht für fremde Ohre» bestimmt war — „wäre es nicht besser, wenn wir in's Haus hineingehen. Die Luft ist für Ihre Augen schädlich. Darf ich Sie. stützen?"