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Der Israelit · 1884-05-08 · Heft 37 (8.5.1884) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 37 (8.5.1884)
Date
1884-05-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXV. Jahrgang, Beilage zu Kr. 37 des Israelit. Äeilrmgsnachrichteu und Correspoiidenzerr. Oest.-Ungar. Monarchie. Prag, 5. Mai. Seine k. und k. apostolische Majestät gerußten dem Grob-Industriellen Friedrich Knbinzky den Orden der eisernen Krone taxfrei zu verleihen. ' Mit dieser Auszeichnung ist der erbliche Nitterstand verbunden. Knbinzky ist schon kaiserlicher Rath, Ritter des franz. Iosefsordens und auch Mitglied der Israelitischen Eultus- Gemeinde-Repräsentanz, und Vorsteher des Israelitischen Knabenwaisenhauscs. Feuilleton. Wie ich Uhilosemit wurde. Erinnerung an alte Zeiten. Von Moriz Iokai.*) Was nützt das Leugnen? Ich war in meinem Killdesalter ebenfalls Antisemit, wie alle nnentwickelten Menschen. Die Dienstboten sabnlirten mir den Kops voll, das; die Inden zu ihrem Passahseste das Vl.lt von Ehristcnkindern gebrauchen, und zwischen unserem Hanse und der Schnle lag eben die „Varaiiyay-Knrie", in welcher Inden wohnen durften. Auch der Schächter wohnie dort. Ich sah es jeden Tag. wie die Judenfraucn aus seinen! Thore die Gänse mit geschlachtetem .Halse herausbrachten. Meine Phantasie ergänzte das Nebrige. Schreckliche Dinge geschehen dort drinnen! Ich getraute mich gar nicht allein vor diesen Gewölbthüren vorüberzugehen, wo die finstern Männer mit langem Barte, mit der Hand im Kaftanärmel, mit den Fähen in Pantoffeln saßen; ein Dienstbote mußte mich bis zum Hofe der Schule geleiten oder zum Mindesten mußte sich Kleine Schwester Esther vor unsere Hansthäre stellen und mir uachschauen; und wenn ich an der Thure des Schächters zurückblickte und bemerkte, daß mir Niemand nachschane, weiß Gott, so lief ich auch von der Hälfte des Weges zurück. Und was ich in der Schule aus einem großen dicken Buche — es hieß Hübner— lernte,-war auch nicht danach angethan, um in mir Vorliebe für die Inden zu erwecken. Wie kann man es erlauben, daß diese Menschen, welche einen Heiland so grausam umbrachten, frei herumgehen? Wer meine Ansichten am Vollkommensten theilte, war unser Hund Eziczka. *) Vorgetragen in einer Matinöe des KleinlinderbewahrvereinS: Hei, wie stürmte er herbei, wenn hie und da Me solch bärtige Gestalt in unseren Hof kam! Da war auch ich tapfer und hetzte den Eziczka: „Allo putz! Faß an!" und lachte herzlich, wenn der auswärts Fliehende mit dem Pantoffel klapperte, bis er zum Gassenthore gelangte. Als ich dann größer wurde, schickte man mich nach Preßburg, deutsch zu lernen. Dort erfuhr ich sodann, daß es am Ende der Stadt einen verfluchten Ort gibt, den man Schloßberg nennt. Dieser ist jvon lauter Juden bewohnt und daher das Nest und die Herberge aller gott- und menschenwidrigen Verbrechen, so daß der Student, von dem man erfährt, daß er auf dem Schloßberg war, sofort aus der Schule ausgestoßen wird. Bestärkt in diesem Glauben kehrte ich wieder nach Komorn zurück, wo es dazumal noch ein berühmtes Gymnasium mit drei philosophischen und poetischen Klaffen gab. Ich war bis dahin noch keinem einzigen jüdischen Studenten begegnet, weder im Gymnasium, noch im Lycenm. Wozu hätte auch der Jude Lateiüisch gelernt? Ein Amt konnte er nicht bekleiden, Advokat, Ingenieur konnte er nicht werden.. Wozu brauchte er die lateinische Sprache? Nur um den Horaz zu verstehen: „INimc . est bibendmn, nunc pede libero pulsanda tellus.“ Darf denn der Jude gut gelaunt sein? Wein trinken und. tanzen? Das wäre komisch! Für die Juden war nur eine einzige wissenschaftiche Laufbahn offen: die ärztliche, oder wie man sie damals na nie, die Doctorslaufbahn. (Damals war es nur den Aerzten erlaubt, Zugpflaster und Schröpfköpfe zu gebrauchen, den Advokaten nicht; deshalb nannte man' die Ersteren Doctorcn, die Letzteren Fiskale.) Eines Tages, als wir eben die poetische Klaffe frequentirten, ereignete sich das Wunder, daß sich ein jüdischer Student in unsere Klaffe inscribiren ließ. Er hieß Koricsauer. Er war kein junger Bursche mehr; er hatte die Vierzig überschritten. Bis dahin war er Kalligraph gewesen, unterrichtete im Schönschreiben, kopirte Gratulationen re. Das war freilich ein trauriges Brod. In seinem vorgerückten Alter ambitionirte er, Arzt zu. werden und mußte zu diesem Zwecke früher die Humaniora abfolviren. Die Grammatik und die Syntax erlernte er zu Hause, ohne die Schule zu besuchen, was er nur mit riesigem Fleiß; zu bewältigen vermochte, denn seine Auffassung war i keine allzu rasche.

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