Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 37 (8.5.1884)
- Date
- 1884-05-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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619 rabbinats beiiutzen wollten, um auf eigene Faust die j heiß ersehnte Orgel, wenn auch nicht gesetzlich, ein- ] zuführen, so doch ungesetzlich einzuschmuggeln. Das Vorsteher-Amt, glaubte man mit Recht, würde nicht j nur ein Auge, sondern alle zudrückcn, um endlich j diese große rettende That, a.l der Generationen be- - reit» erfolglos gearbeitet hatten, zu verwirklichen. Und so war es auch. Aber die Herren chatten doch eine Kleinigkeit übersehen. Zwischen den Casseler Gemeinde-Aeltcsteu und dem Vorsteheramt stand noch der Krcisvorstcher, ein gerader, rechtschaffener Mann, der absolut seine Einwilligung zu dem ungesetzlichen Schmuggel versagte. Ware dieser Mann fest auf seinem Posten geblieben, wie er seiner ticfreligiösen Ueberzcugung bis auf den heutigen Tag treu geblieben ist, so wäre die Casseler Synagoge bis zur Stunde .nicht - durch das Kircheuinstrument ihres jüdischen Charakters entkleidet worden. In einer schwachen Stunde entschloß sich der Krcisvorsteher, der Beeinflussungen und Verdächtigungen von füllen Seiten müde, nicht länger die selten einmüthige " Harmonie zwischen den Caffeler Gcmeinde-Aeltesten und dem Vorsteher-Amte durch seine Person zu stören; er legte sein Amt nieder; und damit war der einzige Stein des Anstoßes, über den die Orgel nicht in die Synagoge konnte, beseitigt. Ein neuer Kreisvorstcher wurde ernannt, und damit war die Einführung der Orgel so gut wie entschieden. Es handelte sich nur noch um. eine anständige Form, in welche die offenkundige Gesetzesvcrletznng gekleidet werden sollte. Man berief eine Gemeindevcrsamm- - lung, welcher die Frage der Orgel-Einführung zur Abstimmung vorgelegt wurde, und die Panegyriker der Orgel erzielten eine angebliche Majorität. Der Herr Landrabbiner hielt während der hohen Feiertage einen Cyclus von Predigten, in denen er die Nothwendigkeit und Verdienstlichkeit der Orgel nachwies; was ging's bei dieser rührenden Uebereinsiimmuug zwischen Hirt und Heerde die Macher an, daß diese Einmüthigkeit einem Attentat galt, das sowohl gegen das Religionsals gegen das Landesacsetz gerichtet war?! (Schluß folgt.) Zeitrmg-uaHrichteu und Correspondenzen. R u m a n i e n. Aus Jassy (Rumänien) erhalten wir die nachstehende, herzerschütternde Zuschrift: Hochverehrter Herr Dr. Lehmann! Seit dem gestrigen Tage ist in der Judenschaft Rumäniens eine Calamität eingetretcn, wie sie vielleicht seit Jahrhunderten nicht gewesen. Sie unterscheidet sich von den Cravallen der Kazapen Rußlands dem äußeren Scheine nach dadurch, daß sie ohne Lärm, langsam, mit Bedacht auf legislatorischem Wege zu Stande gebracht wurde; ist aber ihrem Wege nach ungleich intensiver, und hat nebenbei den Nachtheil, daß sie ihre Opfer im Stillen hinwürgt, ohne das Mitleid der Menschenfreunde Europa's zu erregen. Seit gestern sind durch das Verbot des Hausirens, des ambulanten, und des Kleinhandels über 30,000 Seelen jüdischer Confession dem Hungertode preisgegeben. Wir übergehen hier das, was auf anderen Gebieten bisher schon geschehen und was noch in allernächster Zukunft, die jüdischen Handwerker durch eine neue. Gesetzvorlage erwartet (rinystra nSsr n). Das gegenwärtige Unglück ist zu überwältigend. Wir schreiben diese Zeilen unter einem niederdrückenden Gefühl, indem Hunderte von unglücklichen Fabelagcrn und milienvätern das Haus buchstäblich um schleunige Abhilfe bitten. Wir wollen nur noch hinzufügen, daß am 1. Mai alten Styls abermals Hunderte jüdischer Familien brodlos werden, die Tabakfabrikanten, welche bis jetzt per net'as unter .christlichen Firmen Tabak verkaufen, und welche am 1. Mai die Fabriken räumen müssen. Noch ist hinzu?,nfügen, daß auch jene jüdischen Dorsteute, welche bis jetzt andere Geschäfte, als Spiritnosenhandel betrieben haben, ihre Wohnsitze in den Dörfern verlassen müssen. Schleunige Hilfe ist nöthig, sonst ist eine Catastrophe zu befürchten. Seit 17 Jahren ist die Judenfrage in Rumänien eine brennende; man hat sie bis jetzt blos theoretisch behandelt, und sie sich selbst überlassen. Die Zeit von Discussionen ist vorüber, thätiges Einschreiten, materielle Hilfe thut Roth. Die Folge der bisherigen Vernachlässigung sind nicht ausgeblieben. Erheben Sie Ihre gewichtige Stimme mit uns, und rufen Sie um Hilfe. Den Leuten kann dadurch geholfen werden, das; man ihnen entweder zur Auswanderung behilflich wäre, welches ungleich weniger kosten würde, als die der russischen Flüchtlinge, oder durch eine hinreichende Unterstützung, wodurch ihnen ermöglicht würde, ihren ambulanten Handel in einen stabilen zu verwandeln. Äleck. K. Lippe. S. D. Tauber, Rabbiner und Prediger. Jassy, 2. Mal 1884. '■ . NB. Milde Gaben haben Sie die Gute unter Adresse des Hrn. Dr. Lippe senden zu wollen. (Wir sind gern bereit. Gaben cntgegcnzunchmen und an die obengenannte Adresse zu befördern. — Red.)