Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 36 (5.5.1884)
- Date
- 1884-05-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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606 wiewohl eine Jngendverirrung mich zum offenen Bruche mit dem Judenthmne getrieben, so bin ich int Herzen nicht weniger Jude geblieben als Sie!" "„Ach so!" — rief Dr. Priester ans — „Jetzt begreife ich Ihre Freundschaft für den Amtsrichter Stein! — Er soll ja ebenfalls ein getaufter Jude sein!" Der Stock entfiel Dr. Cervus aus der Hand und er fühlte sein Blut in die Wangen emporsteigen. „Getaufter Jude?" — wiederholte er mechanisch und ein trauriger, trüber Schatten verdunkelte seine klare offene Stirne. — „Wie schauerlich dieses Wort klingt? Bitte sprechen Sie dieses herbe Wort nicht aus! - Bisher betrachtete ich mich noch immer als wahren Juden. Sollten die Paar Wassertropfen etwa wirklich im Stande sein, mein jüdisches Gemüth zu stören?" „Das nicht!" — crwiederte Dr. Priester und schüttelte seinen Kopf bedenklich — „So viel ich mich noch von dem genossenen Religionsunterricht in meiner Jugend zu erinnern weiß, bleibt selbst ein getaufter Jude immer Jude. Ist ja bei den Juden keinen Standesunterschied vorhanden und der jüdische Adel ist der Adel des Geistes. Aber die frevelhafte That, die der Israelit öffentlich begangen, indem er den Namen des Höchsten öffentlich entweiht, kann nach meiner Meinung nur durch offene unumwundene Rückkehr gesühnt werden. Ist etwa Amtsrichter Stein im Herzen auch Jude geblieben?" Mit sprachlosem Entsetzen hatte Dr. Cervus Dr. Priesters Rede zugehört. Seine ganze Gestalt erbebte heftig und er preßte seine beiden Hände auf seine Schläfen. „Sie meinen also" — brach es bebend über seine Lippen — „daß mein Leben bisher nichts als eine Lüge war! Oh ich armer Thor glaubte schon die Reinheit erlangt. zu haben durch die aufrichtige Neue, die mein Herz empfand!" Dr. Priester zuckte die Achseln und erröthete ein wenig. „Das habe ich nicht gesagt, bester Herr!" versetzte er verlegen. — „Woher sollte ich auch so was zu behaupten die Kühnheit besitzen?. Mein jüdisches Wissen ist sehr unbedeutend; auch lebte ich bis vor Kurzem mit manchem Neligionsgesctz in Zwiespalt. Sie werden aber sehr gut thun, wenn Sie sich an unlern Rabbiner wenden, der ein vortrefflicher Mann ist'und Jedem so in's Herz zu -reden versteht!" „Darf ich Sie bitten!" — sagte Doctor Cervus ein wenig ermuntert — „den Herrn Rabbiner zu bitten, daß er einen armen blinden Mann besuche?" „O gewiß! Mit Vergnügen! Sobald er eingetroffen ist, werde ich ihn zu Ihnen begleiten." „Wie? Er ist nicht hier? Ist er verreist?" „Nein. — Rabbiner Stein wird erst die nächste Woche hier cintreffcn." „Stein heißt der Rabbiner?" — entfuhr es Dr. Cervus Lippen und er schaute mit seinen lichtlosen Augen nach der Richtung, wo der Dr. Priester stand, überrascht empor. — „Sagten Sie nicht Amtsrichter Stein sei ebenfalls getan.... Jude? Ist er etwa verwandt mit dem Rabbiner?" „Erstercs kann ich mit Bestimmtheit nicht behaupten; ich glaubte bei Ihnen erst die Gewißheit zu erhalten. — Letzteres weiß ich erst recht nicht!" Der Doctor wiegte bedenklich feinen Kopf hm und her. „Nein, es kann nicht fein!" murmelte er vor sich hin, „es ist rein unmöglich!" und er fügte laut hinzu: „Es thut mir leid Ihnen nicht dienen zn können. Es ist die erste Vermuthung, die ich ausfprechen höre, daß Amtsrichter Stein kein Christ fei. Ich lebte bisher im festen Glauben, er fei Christ! Wir sprachen niemals von Religionsangelegeuheiten. Ein herbes Geschick, das uns beide traf und mir das Leben vergiftete, führte uns zusammen und schlang die Freundschaftsbande um uns. Weiter ist mir von feinem früheren Leben nichts lbekannt. — Also, Sie haben die Güte den Rabbiner Dr. Stein zn mir zu bringen? Sieht er dem Amtsrichter Stein ähnlich?" „Das nicht," — lachte Dr. Priester — „dem Amtsrichter sieht er gar nicht ähnlich. Aber wir gleichen uns, wie ein Ei dein anderen. — Ist es nicht sonderbar?" „Allerdings, wenn Sie mit ihm nicht verwandt sind!" „Verwandt, soweit es mir bekannt ist, sind wir nicht! Aber das hinderte nicht, daß ich für den Rabbiner gehalten wurde, während man bei ihm um ärztliche Hilfe nachsuchte." Ein mildes Lächeln verklärte Dr. Cervus Gesicht. (Fortsetzung folgt.) MM" Die Fortsetzung der Erzählung „Nur standhaft" erscheint in der nächsten Nummer. Hierzu eine Beklage. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des „Israelit" ar. Bleiche 4L. I. ^ottsleben'S Buchdrnckerei'(MainzerRnzeiger).