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Der Israelit · 1884-05-05 · Heft 36 (5.5.1884) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 36 (5.5.1884)
Date
1884-05-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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602 Vorsitz des Kasseler Vorstehcramtes inne hatte. Letztere Behörde enthielt schon damals die treibenden Elemente, welche par force ans ein Abrogirung des Kultus und auf Einführung gesetzwidriger Reformen drängten. - Als Dr. Romann in der Blüthe seiner Jahre, 1841, gestorben war, hatten die neologen Elemente nun freies Feld. Lange Jahre wogte der Kampf um die nunmehrige Besetzung des Landrabbjnats, bis es den Freunden der Reform endlich gelang in der Person des nunmehr pensionirten Dr. Adler einen Landrabbiner ihrer Richtung durchzusetzen. Derselbe faß kaum fest im Sattel, als er auch richtig eine neue Gebet- und Synagogen Ordnung im November 1853 im Landrabbinate durchsetzte. Ob fit derselben der Orgel-Gottesdienst ausdrücklich dekretirt war, ist mir nicht bekannt. Derselbe bildete aber jedenfalls das Ideal der anzuflrcbenden Reformen, wie sich das auch späterhin answics; im übrigen trug sie in allen Bestimmungen das Gepräge ihres Taufpathen, sie war ein Faust-, schlag ins Antlitz der orthodoxen Gemeinden des Knrstaats. Dieselbe war selbstverständlich im Landrabbinate auf entschiedene Gegnerschaft gestoßen, besonders seitens des Kreisrabbinen Wetzlar in Gudensberg. Herr Dr. Adler hatte jedoch für sein Machwerk die Majorität und so ging dasselbe zur Bestätigung an das Ministerium ab. Es unterlag keinem Zweifel, daß kein Ministerium der Welt einer Synagogenordnung die Bestätigung versagen wird, die ihm das zuständige Landrabbinat zur Unterschrift vorlegt. Bon dem Federzug des Ministers — es war Hassenpflug — hing somit das Schicksal der gesaminten jüdischen Zukunft sämmtlicher Gemeinden des Kurstaats ab. Die Herren in Cassel waren ihres Erfolges auch bereits so sicher, daß am Neujahrs- und Versöhnungstage schon nach dem neuen Entwurf der Gottesdienst in der Synagoge abgehalten wurde. Um so besorgter saben die gesetzestreuen Gemeinden des Landes der nächsten Zukunft entgegen. Sie waren machtlos mit ihren heiligsten Anliegen einer Behörde überantwortet, welcher die Vernichtung des überkommenen Vätererbcs als eine Verbesserung des Cultus galt und die dafür ihren ganzen mächtigen Einfluß rücksichtslos in die Wagschaale warf. Besonders aber empfand Rabbiner Wetzlar, der geistige Berathcr der gesetzrstreuen Juden Kurhessens den ganzen schweren Ernst der Situation. Das Attentat, welches das Landrabbinat und das hinter ihm stehende Casseler Vorsteheramt gegen das orthodoxe Judenthum im Schilde führten, war selbstverständlich einstweilen noch Amtsgeheimuiß, außer den Mitgliedern der genannten Behörden und des Ministeriums hatten Niemand ofsicielle Kenutniß davon, aber es wa.r nicht zu verhindern, daß die Kunde dennoch durchsickerte mld im ganzen Lande große Bestürzung verbreitete. Drei Stunden von Gudensberg, dem Rabbinatssitze des Kreisrabbiners Wetzlar, lebte zu Malsfeld damals ein Mann, Namens Heine m an n B en ese v, der vor wenigen Jahren als 80jähriger Greis gestorben ist, bei welcher Gelegenheit seiner auch in diesen Blättern rühmlichst gedacht wurde. Derselbe war ein schlichter Handelsmann, ohne jede moderne Bildung, aber um so durchdrungener von jener wahren Bildung des Geistes n. Herzens, mit der die Kenntniß unserer Thora ihre Kenner ausstattet. Besonders aber zeichnete ihn ein unbestechliches Rechtsgesühk u. eine unwandelbare Charakterfestigkeit aus. Diese Vorzüge und Tugenden hatten feit vielen Jahren das Band inniger Freundschaft zwischen ihm und dem ihm gleichgesinnten Kreisrabviner Wetzlar gewoben. Oft ging Benesev nach Gudensberg, um mit dem treuen Freunde u. Lehrer persönlich zu verkehren, da hörte er denn aus bewährtem Munde.' was von den Casseler Neuerungsplänen aerüchtsweise in sein Dorf gedrungen war. — Rabbiner Wetzlar, der sonst in allen Lagen des Lebens Rath wußte, stand jetzt rathlos und unentschlossen seinem alten Freunde gegenüber. . Benesev aber in seinem geraden Nechtlichkeitssinn, konnte nicht glauben, daß ein Minister seine Hand zur Sanktionrrung dieses Verraths bieten werde, wenn ihn nur Jemand ausklären wollte. Er wollte eine Eingabe an Hafsenpflag richten und ihm den Sachverhalt darstellen, aber der gute Mann konnte so viel nicht schreiben. Als Mitglied des Landrabbinats hielt es Rabbiner Wetzlars Gewissenhaftigkeit für unstatthast, seine Feder einem Unternehmen zur Verfügung zu stellen, das gegen die Beschlüsse des Landrabbinats gerichtet war. Benesev ging nach Hause zurück und den a«= dern Tag begab er sich zu Fuß von Malsfeld nach Cassel, um seine Angelegenheit persönlich vor Haffenpflug zu vertreten. Der Pfarrer zn Malsftkd hatte ihm eine Empfehlung an den Generalsuperintendenten zu Cassel gegeben und letzterer gab Benesev ein Einführungsschreiben an den damals allmächtigen Minister von Hassenpflug mit. (Fortsetzung folgt.) Zettnugsnachrichte» und Correfpondenzer«. Deutschland. Berlin. Der Verleger eines hiesigen Antisemitenblattes hat vor Kurzem an eine große Anzahl von Behörden ein Circular des Inhalts gerichtet, er werde allen Beamten der königlichen Bureaux sein Blatt zu einem ermäßigten Abonnementspreise liefern

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