Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 35 (1.5.1884)
- Date
- 1884-05-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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589 E allen Richtungen fehlte es bei seinem Plaidoycr nicht. Der Angeklagte wurde freigesp rochen, der Gerichtshof unter dem Vorsitz des Direktors Frhr. v. Leonrod konnte keine Ueberzeugung von seiner Schuld sich bilden. Die anerkannt glänzende Verthcidigungsrede Bernstein's gibt nun der klerikalen Presse Veranlassung, gegen die Freigabe der Advokatur und gegen die Zulassung der Juden zu derselben sich scharf auszusprechcn. Da äußert sich ein klerikales Blatt: „Alles in Allem genommen, durfte dieser Fall beweisen, daß es eine äußerst bedenkliche Sache für das Rechtslcbeu und die Rechtspflege ist, die Advokatur freizugeben und dieselbe allzusehr durch jüdische Elemente zu verstärken..cs ist ein Fehler, wenn man im deutschen Reiche orientalischen Gepflogenheiten einen allzüwciten Spielraum läßt." Das ist ein Antisemitismus von neuer, aber sehr gefährlicher Art. Daß die Freigabe der" Advokatie ein Palladium der Freiheit und Rechtssicherheit ist — Mißbräuche und Mißstände gibt es überall, vollkommen ist nichts — darüber sollte man sich doch endlich einmal klar werden; daß aber den Inden die Advokatie verschlossen sein soll, weil sie Juden sind und glänzend und unverschrockcn vertheidigcn, das ist neu. Wenn ein Vertheidiger sich Ausschreitungen erlaubt, dann ist der Vorsitzende da, um ihn in die gebührenden Schranken ^u weisen; das geschah in vorliegendem Falle nicht.' Wir wüßten auch nicht, daß ein katholischer Staatsanwalt oder ein protestantischer Vertheidiger, die sich etwa eine Ueberschreitung ihrer Befugnisse schuldig machten, nur ob ihrer Konfession verunglimpft seien. Diese Form von Antisemitismus ist noch nie dagewesen — da ist Stöcker und Comp, übertroffen. Frankfurt a. M., 23. April. Durch Erlaß vom 19.. v. Mts. ist die landesherrliche Genehmigung zu den Zuwendungen erthcilt worden, die der Baron Wilhelm Karl von Rothschild und dessen Gemahlin der hiesigen israelitischen Waisenanstalt schenkungsweise mit je 10,000 M. gemacht haben. Niedenstein (Niederhessen). Ein erfreuliches Zeichen ist es, wenn man in unserer Zeit, in welcher dicWogcn des Antisemitismus so hochgehen und manche Giftblume des Mittelalters wieder von Neuem zur Frucht sich gestaltet, aucht einen Beweis des .Gegentheils findet. Hiervon ein Beispiel: Der vormals hier stationirte evangelische LehrerH. bekleidet seit dem 1. Februar c. eine andere Stelle. Sobald die hiesige Schulstelle vacant wurde, ordnete der evangelische Pfarrer, Herr Schw arzell. der Königlicher Localschulinspektor ist, an, daß der derzeitige isr. Lehrer Heiser, während der Vacanz, wöchentlich l6 Stunden Nnjei-richj in Deutsch, Realien n- Rechnen an der evangelischen Schule erthcilen solle. Die Mitglieder des Stadtrathcs und die Ausschußmitglieder der Gemeindevertretung stimmten dieser Anordnung des Königlichen Localschulinspcktors sofort bei, und so hat der isr. Lehrer H. bis zum 15 April c. die evangelische Schulstclle mit verwaltet. Es ist dies meines Erachtens der erste Fall in Niederhcsscn, daß ein jüdischer Lehrer eine Vacanz an der christlichen Schule ausfüllte, da es bisher Usus war, daß christliche Nachbarcollegen die Vacanz ausfüllen mußten. Was den evangel. Pfarrer, Herrn Schwarzcll, zu dieser toleranten Einrichtung besondere Veranlassung gab, ist in erster Reihe die gewiß lobenswerthe Absicht, dem Lehrer einen Nebenverdienst zuzuwenden, ferner seine sich in allen Lebensvorfällen gleichbleibcnde Menschenliebe und Toleranz^ Möge der ehrwürdige Herr noch lange seines Amtes walten und Liebe u. Einigkeit unter den Menschen verbreiten. , Hr. Hamburg, 18. April. Der verstorbene Herr I. Lipmann hat in seinem gestern pnblicirten Tcstanlente 1000 M. für das israelitische Waisenhaus für Knaben und fernere 9000 M. ausgcsctzt, die von der hinterlasscnen Wittwe nach eigenem Ermessen Armen und milden Stiftungen zugewendet werden sollen. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Pesth. Die diesjährige ordentliche Generalversammlung der Chcwra Kadischa hat am 14. d. unter Vorsitz des Präsidenten Karl Neuß stattgefunden und nahm folgenden Verlauf: Der Vorsitzende begrüßte die Anwesenden und gab .seiner Freude über die günstigen Verwaltuugscrgcbnisse des abgclaufenen Jahres beredten Ausdruck. Hierauf verlas Secrctär I. L. Weißmann den Bericht, dem wir die folgenden Daten entnehmen: Den Gcsammteinnahmen pro 1883 von 96,387 fl. 78 kr. stehen Ausgaben von 88,448 fl. 15 kr. gegenüber. Aus den ordentlichen Einnahmen resultirte ein Ucbcrschuß von 4339 fl. 63 kr., wodurch das Defizit vom Jahre 1882 per 3280 fl. 4L kr. reichlich hereingcbracht wurde. Die Verwaltung des Siechenhauses — in welchem 28 Benefizianten verpflegt wurden — kostete 9574 fl. 34 kr. Der Legatenfond des Siechenhauses hat die Höhe von rund 53,000 fl. erreicht. (Seit dem Bestände des Siechenhauses — dasselbe wurde am 1. August 1868 eröffnet — haben daselbst 74 Benefizianten, und zwar 46 Männer und 28 Frauen Aufnahme gefunden.) Der Erhaltungsbeitrag zum isr. Spital betrug 11,197 fl. 20 kr., die Unterstützungen der Nothlcidenden, sowie der armen Kranken erforderte 13,734 fl., demnach benöthigte dieser Zweig der Wohltbätwkeit allein die Summe von 24,931 fl.