Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 35 (1.5.1884)
- Date
- 1884-05-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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gründe. (Sin einzelner ans dem Leben genommener Fall erklärt dies besser, als lange Auseinandersetzungen. Dreißig griechisch-orthodoxe Familien werden von den Türken um ihre Steuer gedrängt und bekebren sich zum Protestantismus, um _ben vermeintlichen Schutz der protestantischen Genostenschaft genießen zu können. Man nimmt sie mit Freuden auf. Einige Zeit nachher drängen die Türken sie wieder um die Steuer. Da gehen sie zum Pfarrer und erklären: „Herr und Vater, setzt ist es Zeit, daß du unsere Schulden zahlst." Der Pfarrer antwortete: „Ich habe keine Mittel dazu", und acht Tage später waren sämtliche dreißig Familien wieder in den Schoß ihrer früher» Kirche zurück-- gekehrt, nachdem der Patriarch derselben ihnen das verlangte Geld gegeben hatte.. „Wo "die Verhältnisse so liegen, da richtet sich der Erfolg wesentlich nach der Summe der Geldmittel, welche die Missionäre aufzuwcnden haben. Da stand früher die griechische Kirche obenan; sie entriß der römischen massenhafte Pröselyten. In den letzten Jahrzehnten aber, namentlich seit 1847 das lateinische Patriarchat wieder hergestellt wurde, überwiegt der Einfluß der römisch-katholischen Franciscaner. Diesen fließen reichliche Geldspenden aus verschiedenen, im Laufe der Zeit wechselnden Theilen der Erde zu. Wie mir einer ihrer Vorsteher sagte, wird augenblicklich das Meiste in Südamerika gesammelt und wäre die tägliche Ausgabe des Klosters für Verpflegungs- und Bckehrungszwecke auf über 2000franzuschlagen. Dabei kämpfen die Patres freilich mit der Schwierigkeit, daß ihre moralischen Grundsätze strenger sind und schärfer gehandhabt werden, als die der concnrrirenden griechischen Geistlichkeit — und das sagt den Pröselyten nicht zu, die an die laxe Formelfrömmigkeit der orthodoxen Kirche gewöhnt sind. Aber sie setzen dem einen Eifer entgegen, der manches ausgleicht, und sie sind wegen der Unduldsamkeit, mit welcher sie die Herrschaft über einmal Bekehrte festhalten, von den Anstalten der andern Kirchen gradezn gefürchtet. „Im Dienst der Missionsthatigkeit stehen Wohlthätigkeitsanstalten, vor allem die Waisen- und Erziehungshäuser. Alle Confessionen besitzen solche, und zwischen den verschiedenen herrscht erbitterter Streit um die aufzunehmeuden Pfleglinge. Daß z. B. etwa ein evangelisches Waisenhaus Kinder anfnimmt, die von katholischen Eltern stammen, und daß das katholische Waisenhaus dann dem protestantischen die betreffenden Pflegelinge mit Gewalt wieder abnimmt, ist ein gewöhnliches Vorkommniß, welches niemand auffällt. Aehulich geht es zwischen andern Kirchenpaaren her. Sie alle bemühen sich, die Kindesscelen, die ihnen ja auch offenbar das ergiebigste Arbeitsfeld bieten, für ihren Glauben zu gewinnen. Meist erzieht man Waisen, daneben aber auch Kinder von eingeborenen Eltern, die, wenn es angeht, vertragsmäßig verpflichtet werden, ihre Sprößlinge lauge Zeit (bis acht Jahre) in den Anstalten zu lasten. Die Begabteren bildet man aus, um geistliche und Lehrerstellen mit ihnen zu besetzen; die weniger Begabten lernen wohl ein Handwerk oder etwas Ackerbau und dergl.; aber nachher, wenn sie die Anstalten verlaßen, reichen die verfügbaren Mittel nicht aus, um ihnen allen Gelegenheit zur Einwendung des Gelernten zu geben, ein Theil fällt dann in das schmutzige Fellachenleben zurück und ist schlinimer dran, als wenn er nie die Civilisation kennen gelernt hätte. Ich habe mich — so schließt der Bericht' —. damit begnügt, hier den Gesammteindrnck, welchen das Missions- und Pilgerwesen auf den Unbefangenen macht, einfach niederzuschreiben. Es ist Schwärmerei und falsche Philanthropie, die ihre Wohlthaten planlos giebt, die mehr schaden als nutzen, eine Seelenfängerci, die einfach nach den Zahlen der Bekehrten rechnet, ohne ernstlich ihre sittliche Hebung zn erstreben Diese Seeleujagd haftet dem Missions- und Erziehungswesen so sehr an, daß von einer sittlichen Wirkung dabei nicht die Rede sein kann. . .." Mögen unsere Brüder und Schwestern aus der angeführten, vorurthcilslosen Darstellung die Größe der Gefahr ersehen, der unsere armen Glaubensgenossen in den h. Landen durch die scheinbar freiwillige Menschenliebe, die ihnen in den Häusern der Mission entgegcngebracht wird, ausgesetzt Did, und gleichzeitig die Ueberzeuguug gewinnen, daß wir nur durch ausreichende Hilfe, die wir diesen bedrängten Glaubensgenossen bieten, das Wirken der Missionsgescllschaften zu paralysieren vermögen. ' 8» H. D. Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. München, 23. April. Der Ausgang der Verhandlung gegen den Hoffourier Schmidt-Ferrari, der keinem Juristen, welcher der Verhandlung beiwohnte oder die Berichte darüber las, zweifelhaft sein konnte, treibt sonderbare Blüthen. Vertheidiger des Angeklagten war Rechtsanwalt Bernstein dahier, ein hochgebildeter Mann, vorzüglicher Jurist, schneidiger gewandter Redner, der aber in den Augen einer gewissen Richtung das Mißgeschick hat, — Jude zu sein. Er vertheidigte den Angeklagten mit aller Wärme und allem Geschick, aber auch mit möglichster Schärfe und äußerster Unerschrockenheit; an Ausfällen nach