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Der Israelit · 1884-04-28 · Heft 34 (28.4.1884) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 34 (28.4.1884)
Date
1884-04-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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u 570 die nämliche Wohnung und alles erinnerte ihn an seine Jugend Und er . glaubte ans einem wüsten Traume zu einem neuen Leben erwacht zu sein. Der Kranke, der mit todtenblcichem Gesichte und gebrochenen Augen dalag, der als gesetzcstreuer Jude gelebt und der als solcher zu sterben sich nun anschickte, hatte keine Ahnung von dem bevorstehenden Abfalle seines Sohnes. Er athmete schwer, und gewaltig rang seine Brust mit dem Würgengel des Todes. Jetzt öffneten sich plötzlich seine brechenden und gläsernen Augen weit, und sie gewahrten den Sohn; mit kaum vernehmbarer Stimme stöhnte der Vater: „Sei got — — tes — - fürch-tig undblei — — — be —-ein —— gu-ter, — — ftom—mer — — Ju — —de,-inet-n Soh-n!" „Schmäh Jisroel" — stimmten die Glaubensgenossen an — „höre Israel, der Ewige unser Gott ist ein einig einziges Wesen. Gelobt sei seine glorreiche Negierung in aller Ewigkeit!" Was war das? Galt ihm dieser Nus? Erinnern ihn diese Worte nicht an seine Kindheit, da er sie mit inniger Frömmigkeit seinem Vater nachsagtc? Schauen ihn die gebrochenen Augen seines Vaters nicht drohend und warnend an. Ein lautes Aufschluchzen entrang sich seinem keuchenden Herzen, er wiederholte den Satz und warf sich über den erstarrten Körper seines Vaters und bedeckte -seine farblosen Lippen mit Küssen; die Leute mußten ihn gewaltsam von dem Todten fortreißen. - Die sieben Trauertage waren vorüber, und Rudolph blieb seinem Vorsatze, die Bahn der Sünde zu verlassen, treu. Mit pünktlicher Gewissenhaftigkeit ging er Morgens und Abends in die Synagoge, um den Kadisch für das Seelenheil seines Vaters zu verrichten. Der dämonische Reiz, den Martha's bestrickende Schönheit auf ihn ausübte, schien gebrochen und die Bande. die sich um seine Seele geschlungen, schienen zerstört. Zuetst war er ganz froh, daß sie ihm nicht schrieb; aber nachher fing ihn dieser Gedanke unablässig zu quälen an; zuletzt trieb cs ihn mit unwiderstehlicher Gewalt nach Göttingen und kaum waren die dreißig Tage vorüber, als schon seine Begierden die Herrschaft über ihn errungen und er sich von denselben völlig leiten ließ. Sein erster Weg in Göttingen galt dem Priester, der ihm den Religionsunterricht ertheilte und der ihn taufen sollte; er wollte Martha nicht eher sehen. bis er die Religion mit ihr gemeinschaftlich besitze. Rudo'ph hatte das Iudenthum wie eine Luge abgeschworen und sich fremden Lehren, woran sein Herz nicht glaubte, zugewandt. Sein Herz pochte laut, als er die Religion seiner Väter, das Ideal seiner Kindheit als einen Jrrthum und eine Thorheit bezeichnete. Mächtige Wcihrauchwolken erfüllten die Kirche und die Luft wurde immer schwüler, immer drückender, da glaubte er den Ruf „Schmäh Jisroel" von den Lippen seines verstorbenen Vaters zu vernehmen, seine ganze Gestalt erbebte heftig und feine Zähne klapperten geräuschvoll aneinander, und ein Schreckensruf entfuhr seinen Lippen, er taumelte und fiel in Ohnmacht. Aber zu spät! — die Taufe war vollzogen und er hieß nicht mebr Doctor Hirsch, sondern Doctor Cervus, ein katholischer Christ. Ein Wagen brachte ihn in sein Haus, wo noch mehr Jammer und Elend seiner wartete. — Kaum hatte er sich von seiner Erregung und Ermattung einigermaßen erholt, als er seinen Anzug zu ordnen begann. Er wollte sich za der begeben, welcher er sein Theuerstes, seine Neberzeugung geopfert; da fiel sein Blick auf einen Brief, welcher auf seinem Schreibtische lag. Rasch ergriff er ihn und riß das Couvert auf, denn er erkannte die Sckriftzüge seiner Martha. Aber kaum hatte er die ersten Zeilen gelesen, als er mit lautem Aufschrei besinnungslos zusammenbräch. Martha gestand darin, daß sie sich in ihren Gefühlen geirrt habe und da er, wie ihr schien, doch wenig Liebe für sie empfand, da er einen und einen halben Monat von sich nichts hören ließ, so habe sie ihr Berhältniß zu ihm gelöst und sich heute mit dem Referendarius Stein verlobt. — — Vierzehn Tage lag er in hitzigem Fieber und schwebte zwischen Leben und. Tod. Nachher erholte er sich langsam und gewann seine Kräfte wieder, aber sein rabenschwarzes Haar war ganz weiß geworden und das Licht seines klaren Auges trübe. Gleich darauf wurde er als Director des Gymnasiums nach M . . berufen, war doch seine Religion kein Hinderniß mehr ihm eine seinen Kenntnissen angemesiene Stelle zu geben. Zehn Jahre wirkte er dort und suchte im Studium die Zerstreuung, um die Bewegungen seines Innern zu besänftigen, als er vor zwei Jahren, in den besten Jahren, seine Stelle anfgeben mußte, weil er völlig erblindete. (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilage». Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann in Mainz. — Vertag und Expedition des „Israelit* gr. Bleiche 45w I. GottSleben's Buchdrnckerei (MainzerAnzeiger).

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