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Der Israelit · 1884-06-16 · Heft 48 (16.6.1884) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 48 (16.6.1884)
Date
1884-06-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Das Mädchen erröthete bis an die Schläfe und machte eine linkische Verbeugung, indem sie erwiederte: „Ich heiße Rahel Nathanson!" — erwiederte sie zögernd. „Doch nicht die Tochter von Heinrich Nathansohn, dem Vorsteher der dortigen jüdischen Gemeinde?" — frug Stein in überraschtem Tone. „Ja wohl, Herr Amtsrichter" — erwiederte Nahe! mit einem feinen Lächeln, wahrend die reizenden Grübchen auf ihren Wangen zum Vorschein kamen und ihre Augen schelmisch aufleuchteten. — „Ja seine einzige Tochter!"— „O" — rief der Amtsrichter in leidenschaftlicher Erregung aus. — „Wie freut mich das! Jetzt weiß ich doch.wenigstens, daß unsere junge Bekanntschaft nicht mit heute schon den Abschluß findet. Ich werde hoffentlich das Vergnügen haben, Sie in M... häufiger zu sehen?" „Kaum!" — erwiederte das Mädchen mit zurückweisender Kälte. „Wie?" — wallte der Amtsrichter auf und seine Stirn legte sich in Falten. — „Sie werden doch von hier aus nach M... zurückkehren? Sagten Sie es nicht so?" — „Doch!" versetzte das Mädchen kühl, mit den Schultern zuckend. — „Aber Sie mieden ja bisher jeden Verkehr mit den Juden und werden es als guter Christ auch in Zukunft thun!" .„Ich Christ?" — fuhr der Amtsrichter Stein emvört auf, dann aber besann er sich und ein schmerzlicher Nus entrang sich seiner Brust. Er wäre beinahe umgefallen, wenn nicht das junge Mädchen ganz erschrocken, ihn unterstützt hätte. „Soll ich vielleicht den Todtengräbcr ersuchen, einen Wagen für Sie zu besorgen?" — frug das Mädchen mitleidig. „Es ist mir schon bester" — erwiederte er, indem er sich ausrichtete, sie mit einem bitter», matten Lächeln ansah. — „Sie haben Recht, mein Fräulein! .Ich muß jüdische Kreise meiden. Ich bin zwar kein Christ. Denn mein Vater war ein bedeutender Lehrer in Israel, aber sein Sohn war geblendet genug, das Heil seiner Seele für die Befriedigung einer Leidenschaft hinzugeben!" — Er schickte sich an, den Platz zu verlassen. „Habe ich Sie verletzt, mein Herr?" — sagte Nahe! sanft und in ihren Augen schimmerte es feucht — „o dann bitte ich meine Ungeschicklichkeit zu verzeihen. Ich wußte nicht, daß Sie dem jüdischen Volke angehörtcn und durch einen Jrrthum unsere heilige Religion abgeschworen!" Der Schleier fiel ihr von dem Haupte herunter und ließ ihren schönen Haarschmuck, welcher von den Sonnenstrahlen ganz umfloffen, eigenthümliche Reflexe zurückmarf, ganz zum Vorschein kommen. Mit wahrer Bewunderung betrachtete der Amtsrichter das so selten schöne Haar und vergaß durch den imposanten Anblick Kummer und Schmerz. „Es freut mich deßhalb" — fuhr Rahel fort, indem sie den Schleier in Falten znrechtlegte — „daß Sie Neue empfinden und daß Sie die begangenen Jrrthümcr bedauern. Zum Besterwerden ist es niemals zu spät. Wie mir meine Eltern mittheilten, wird ein sehr begabter Rabbiner demnächst unser Rabbinat übernehmen. Wie wäre es, wenn Sie sich an ihn wendeten und ..... „Sie verzeihen doch, daß ich es wagte, Ihnen Rathschläge zu ertheüenr" — unterbrach sie sich. Eine Heiße Blutwelle schoß in ihr Gesicht, und sie schlug die Augen nieder. - „Nicht doch, liebes Fräulein!" — fiel der Amtsrichter Stein mit Wärme ein — „Nicht doch — Ihre Worte thaten mir jo wohl und klangen mir als eine Verheißung des Himmels!" „Ja" — fuhr er fort, als er vergebens auf eine Antwort wartete und mit dem Taschentuche die Schweißtropfen von seiner Stirne trocknete. — „Ja, bevor mir noch das hohe Glück zu Theil wurde, Ihr liebes Gesicht zu sehen, wurzelte der Vorsatz den Weg der Sünde zu verlassen, fest in meinem Innern. Ich gelobte es am Grabe meines Vaters!" „Wie, Ihr Vater ist auf dem hiesigen Friedhof beerdigt?" — fragte Rahel überrascht und schaute voller Spannung zu ihm empor. — „Sagten Sie nicht Ihr Vater selig sei ein großer Lehrer in Israel gewesen?" ..Ja, mein Vater hieß Rabbi Joseph Lob Stein!" — erwiederte der Amtsrichter wehmüthig — „dort ist sein Grabeshügel!" Er wies mit der Hand nach dem Grabe. „Rabbi Joseph Lob Stein?" — wiederholte Rahel und sah ihn mit einem Gemisch von Entsetzen und Staunen an. — „Unser Rabbiner ist ja ebenfalls Sohn dieses Rabbi Stein. Sollen Sie etwa der Vru-!" Sie hielt plötzlich inne, denn eine erdfahle Bläffe bedeckte das Gesicht des Amtsrichters und seine ganze Gestalt bebte heftig. (Fortsetzung folgt.) Die Fortsetzung der Erzählung „Nur standhaft" erscheint in der nächsten Mmmer.! Hierzu zwei Beilage». Berimivvrilich« Redactmn: vr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition dcS .ISraelit' große Bleiche 45. I. Kottkledr n'r Duchdruckerei (Mainrer Anzeigers.

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