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Der Israelit · 1884-06-16 · Heft 48 (16.6.1884) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 48 (16.6.1884)
Date
1884-06-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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gehören von altcrsher zürn Hansrath einer ungari-! scheu Wahlbewcgung, und rnan darf sie daher nicht; sonderlich tragisch nehmen. Thatsache ist, daß diese; Exccssc in den Kreisen der Negierung tiefe Besorg- : nisse hervorricfcn, denn von dem augenblicklichen ' politischen Effecte ganz abgesehen, deuten diese epide- , misch anftretendcn Excesse auf eine krankhafte Erre- > gung der Massen hin, die von der Wahlbewcgung nur den Vorwand, aber nicht den wirklichen Impuls empfangen hat. Die Massen sind seit einer Reihe von Jahren von allen Seiten mit demagogischen Mitteln bearbeitet, haranguirt, verhetzt worden; jede Partei war bestrebt, aus diesem Treiben den möglichst großen Nutzen für das eigene Lager herauszuschlagen, unbekümmert um die Folgen in derZnkunst, die nicht ausblciben konnten bei einem Volke von lebhaftem Temperament. In einem sprachlich polyglotten Lande, bei einer Bevölkerung, die vorwiegend ans dem Ackerbau die Mittel zum Kampfe ums Dasein schöpft, angesichts einer Gesellschaft, die in der socialen Gliederung den Cnltnrstaaten des Westens noch nicht nachzucilcn vermochte, mußten die Schlagworte, welche von Agrariern, Socialisten und Verfechtern des „praktischen Ehristenthums" in die Massen geworfen wurden, eine geradezu verheerende Wirkung ausüben. Der traurige Effect zeigt sich in der Wahlbewcgung. Wahrend der Antisemitismus . als solcher notorisch im Niedergange begriffen ist und seine Adepten kaum ein Dutzend Abgeordnete für den 'Reichstag erringen werden, obgleich man noch vor einigen Wochen mit Sicherheit auf 30 bis 40 antisemitische Mandate rechnete, haben sich die anarchischen Eruptionen der Massen ohne, jeden confessionellen Beigeschmack in schreckenerregender Weise vermehrt. Im ganzen Lande wird krawallirt, mit Steinen geworfen, aus Flinthen und Revolvern geschossen, Häuser werden demolirt, Fenster zertrümmert, Läden beraubt, der „Kabutoa ember“, das heißt der Mensch, der einen Rock trägt, wird vom Pöbel gesteinigt. Diesmal sind es nicht die Häuser und Läden der Juden, sondern hier die der Armenier, dort die der Slaven, anderwärts wieder die der Magyaren. Es ist die nämliche Geschichte wie bei den Jndenkrawallen, nur die Veranlassung hat eine andere Bezeichnung und die Adresse wurde gewechselt. Prefzbnrg, 8. Juni. Heute inspicirte Herr Schulinspector v. Roth die Talmud-Thora Schulen, wo er fast eine halbe Stunde verweilte. — Nack, eingehender Prüfung einiger Eleven von den Lehrern nnd nach vorübergehender Besichtigung der Räumlichkeiten, drückte er dem Lehrkörper seine größte Zufriedenheit über ihre Leistungen ans nnd trat sodann den Weg zum Schiursaal an. — Hier wurde er vom Herrn Obcrrabbiner B. Schreiber nnd von unseren l Eommilitoncn, die eben zu einem Schiurvortrag ver-; sammelt waren, auf's herzlichste begrüßt. Er infor-; mirte sich hier über alle einzelnen Details, die in : unser Jeschiwawesen einschlagen und ersuchte dann 1 den Herrn Obcrrabbiner, den Vortrag fortzusetzen, j dessen 'Unterlage ein lehrreicher Exkurs über das ritüclle Bad gewesen war. Er ließ sich manche Stellen vom Herrn Rabbiner in's Deutsche übertragen, wodurch er Gelegenheit hatte, dem Vortrag feine ganze Bewunderung zollen zu können.. Die Polemik, die sich unter unseren Eommilitoncn entspann und sich selbstverständlich wie immer in den Schranken der Ordnung bewegte, fesselte, (wie es seine Gesichtszüge verriethen) sein ganzes Interesse. Nach absolvirtem Vortrag theilte der Herr Schulinspektor. nach allen Seiten ungeschmälerten Beifall aus. — Erwähnenswertst ist noch das Factum, daß derHerr Schulinspektor anordnetc, daß die Schüler der Talmud-Thora-Schulen. die noch nicht das fünfzehnte Lebensjahr überschritten, die Primär-Schnle wöchentlich einmal zu. besuchen haben, dem gestern schon Folge geleistet wurde. Es ist der Zoll des Beifalls von Sekten unseres Herrn Schulinspectors um so erfreulicher, da in manchen Kreisen von einem solchen Besuche die Inhibition des Talmndstudiums erhofft wurde. E n gl an d. London. Nachträglich bringen wir einen Passus der Rede, welche der Unterrichtsministcr Mnndella bei Gelegenheit des zu Gunsten der „jüdischen Freischule" cibgehaltencn Banketts gesprochen hat; derselbe lautet: „Vor etwa zwanzig Jahren unterstützte ich im Parlament die damals zuerst gegebene Anregung, daß der Staat sich um die Volksschule kümmern und den Elementar-Nnterricht obligatorisch machen solle. Ich glaubte damit einer Forderung der modernen Cultnr zu entsprechen. Wie sehr war ich erstaunt, als ich gerade damals eine Unterredung mit dem berühmten Orientalisten Em. Deutsch (Bibliothekar am Britischen Museum) hatte, der mir. aus dem Talmud und anderen Quellen nachwies, daß die Juden schon vor 2000 Jahren das als selbstverständlich erklärten, aus dessen Einführung wir uns etwas einbilden. Schon damals war der Volksunterricht unter den Juden obligatorisch und betrachtete man denselben als den Schlüssel des nationalen Lebens. Aus jener Zeit stammen die Sentenzen: daß die Welt durch den Athen, der Schulkinder werde erlöst werden, und daß man zuerst Schulhäuser und erst dann Bethäuser erbauen möge. In seiner amtlichen Wirksamkeit, fuhr der Minister fort, kommen ihm häufig Gesuche um Dispens von einzelnen Schulgegenständen vor — niemals aber gingen solche von Schotten oder Juden

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