Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 48 (16.6.1884)
- Date
- 1884-06-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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795 nichts zu merken brauchte?! Das verstehe und glaube wer will, ich brachte und bringe es nicht fertig. Ob dies an meiner ungenügenden Fafsungsgabe liegt, oder ob cs wirklicher in kecke Floskeln verhüllter Unverstand war, den der Referent da zum Besten gab, dieser Gedanke beschäftigte mich so lebhaft, daß ich die Begründung dieser wunderlichen These ganz überhörte. Die Versammlung hat aber zu meinen Gunsten entschieden. Die Geister platzten nämlich so oft und so wuchtig widereinander, daß ich mir mitten in dem heillosen Lärm sagte: „Wie kann der Relcgionsuntcrricht, der alle Differenzen ausschließende, gemeinsame Boden sein, wenn schon die bloße Berathung darüber die amtsbrüderlichen Geister und Gemüther so unbrüderlich erhitzt?" — Dabei darf man immer nicht vergeffeu, daß die Breslauer nur unter sich und mit dem Vorsatz nach Berlin gekommen, unter Ausschluß aller religiösen Differenzpunkte einen Eiertanz aufzuführen, und sich die Meinung diesmal nicht zu sagen. An folgenden Proben kann man sich's abnehmen, was erst zu Tage getreten wäre, wenn Jeder sein Herz sans gene hätte ausschütten können. (Fortsetzung folgt.) ZekturrgSnachrichteu und Correspondenzen. Deutschland. Frankfurt a. M. Der Verein zur Bekleidung bedürftiger israelitischer Mädchen, welche hiesige Schulen besuchen, hat seinen ersten Bericht vollendet. Der Verein wurde im Jahre 1882 an Stelle des „Wohlthätigkeits-Vereins" gegründet. Statutengemäß kann er erst in Wirksamkeit treten, wenn er einen Fonds von 3000 Mark besitzt. Bis jetzt sind ihm aber nur 2175 Mk. zugcfloffen, darunter 300 Mk. von Herrn Georg Speiycr. 150 Mk., welche ein Vereinsmitglied zu sofortiger Verwendung schickte, wurden zur Anschaffung von Kleidern für 17 Mädchen verwendet. L>ie Zahl der Mitglieder beträgt 90, der Betrag der Geschenke 903 Mk. Eisenach, 13. Mai. Gestern wurde hier vor dem Großherzoglichen Landgericht ein Prcßprozeß gegen den Redakteur und Verleger der in Kaltennordheim erscheinenden „Feldazeitung", Herrn Unglaub, abgeurthcilt. Die „Feldazeitung" hatte nämlich im März d. I. aus dem Antisemitcnblatt „Wahrheit" eine vermeintliche „Blumcnlese aus dem Talmud" ausgenommen, welche von der zuständigen Behörde als eine Beschimpfung der jüdischen Religionsgeuossenschaft angesehen werden mußte, auf deren Antrag daher durch Großherzogl. Staatsanwaltschaft Anklage auf Grund des § 106 des Strafgesetzbuchs erhoben! wurde. DasErgcbniß der gestrigen öffentlichen Verj Handlung war die Verurtheilung des Angeklagten zu j vier Wochen Gcfängniß. j München, 11. Juni. Die kgl. Negierung von Obcrbayern hatte bekanntlich s. Z. die exorbitanten Beschlüsse unserer Gemeindekollegien betr. die Leistung gemeindlicher Zuschüsse zu neuen Kirchcnbauten übgclehnt, glcichzeizig aber mitgetheilt, daß die Negierung nichts cinwenden werde, wenn man die neuen Kirchen nicht auf einmal, sondern eine nach der andern bauen, resp. den gemeindlichen Zuschuß dazu liguidiren wollte. Und so beschloß denn heute der Magistrat, entsprechend dem Anträge des Ausschusses, für eine neue katholische Kirche in der Loristraßc 150,000 Mark, und zwar in fünf Jahresraten ä 30,000 M, für eine dritte protestantische Kirche 50,000 M. (5 ä 10,000 M.) und für die neue israelitische Synagoge 10,000 M. (5 ä 2000 M.) zu bewilligen. Diese Zuschüsse sind auf den Namen der betreffenden Kirchen-Verwaltungen verzinslich anznlcgcn und erst hinaüszngeben, wenn der Bau in Wirklichkeit in Angriff genommen ist. , ... Holland. Rotterdam. Nach 16 jähriger Vacanz ist nunmehr die Rabbinerwahl entschieden und zwar zu Gunsten des Herrn Dr. Ritter in Prenzlau, welcher einstimmig gewählt wurde. — Derselbe hat zwar die Breslauer Schule besucht, hat aber durch sein privates Leben in Haus und Familie, sowie durch sein amtliches Wirken und Schaffen durch Schrift und Wort bekundet, daß er mit dem dort gelehrten Zwitterjudcnthum nichts gemein hat, soutern auf dem Boden des orthodoxen Judenthums steht. — Möge es ihm gelingen, das ihm reichlich entgegen gebrachte Vertrauen zu rechtfertigen. An Gelegenheit zu einem viclftitigen Wirken wird cs bei der hiesigen Lage der Dinge nicht fehlen, "rurrfc irrn Dtj-o.' Oest. - Ungar. Monarchie. Pesth, 6. Juni. Die ans allen Tbeilen des Landes cinlaufenden Berichte über blutige Wahlcxccssc veranlaßten die Negierung zu sehr ernsten Maßregeln. Wir werden das seltsame Schauspiel erleben, daß die Wahlen im freien Ungarn unter der Assistenz der Bajonnette staitsinden, und es wird die Verdächtigung nicht lange auf sich warten lassen, daß die Regierung und ihre Partei diese Excesse aus schlauer Berechnung hcrbeisührtcn, damit Herr v. Tisza mit Anstand in der Lage sei, das Militär herbcizurufen und durch dasselbe eine noch größere Pression auf die Wahlfreiheit auszuübcn. Derlei Verdächtigungen