Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 32-33 (23.4.1884)
- Date
- 1884-04-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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546 „Kennst Du die Geschichte von den drei Ringen, Großmutter?" „„Wohl kenne ich sie, und es ist viel Mißbrauch damit getrieben worden. Wenn man das große Meisterwerk des großen deutschen Dichters aufmerksam liest, so wird istan finden, daß Lessing damit nicht die Gleichgiltigkeit gegen die Religion empfehlen wollte. Es sollte nur ein kluges Mittel fein, durch das sich der weise Nathan dem Sultan gegenüber aus der Verlegenheit zog.-" „Es ist eben doch nicht zu leugnen, daß die Bekenner einer jeden Religion behaupten, im Besitze des echten Ringes zu sein. Dem Christenthume und dem Islam gehören viele große Nationen und mächtige Herrscher an. Wir Juden sind ein kleines, über die ganze Welt zerstreutes Volk, überall gering geschätzt oder gar verachtet. Wenn wir die echte Wahrheit besitzen, warum macht sie Gott nicht zu Gemeingut der gesammten Menschheit, warum ist das Judenthum nicht Weltreligion geworden?" „„Liebes Kind, stelle Dir einmal vor, inmitten eines verkommenen Staatswesens wolle ein weiser und tugendhafter Mann einen Verein gründen, der Tugend und Sittenstrenge zur Lebensaufgabe seiner Mitglieder mache. Nicht an die große Menge dürste er sich wenden, sondern an einzelne, bevoHugte Menschen. So hat Gott der Herr aus der großen Menge der im Götzendienst und in Unsittlichkeit verkommenen Nationen unfern Vater Abraham erwählt und aus dessen Nachkommen den einzigen Jizchak und von dessen Söhnen nur Jakob. Dieser ward der Stammvater unseres Volkes, das Gott in der Leidensschule Aegyptens erzog, bis Er es zu Seinem Volke erhob. Israel ward gleichsam das Wertzeug in der Hand des Allmächtigen, um der ganzen Menschheit dereinst die ewige Wahrheit zu bringen. Aus unserer Religion sind das Christenthum und der Islam hervorgegangen. Auch diese wirken nach dem weisen Plane des Schöpfers. Sie bereiten, wie unser großer Denker Maimonides lehrt, die große Menge der Menschen für die wahrhafte Erkenntniß vor, die einst, wenn Gott uns den Erlöser sendet, Gemeingut der gesammten Menschheit werden wird. Aber, wenn wir auch die Berechtigung dieser Religionen anerkennen, so dürfen wir doch den großen Schatz, den Gott uns anvertraut hat, nicht aufgeben, um uns denen zuzugesellen , die erst in spaterer Zeit zu der höchsten Stufe der Erkenntniß geführt werden sollen."" „Großmutter, wie gelehrt Du bist!" „„Ach mein Kind, ich habe in meinem langen, einsamen Leben viel nachgedacht und mich bestrebt. mich von weisen Männern belehren zu kaffen, namentlich seit der Zeit, daß meine einzige Tochter mir entfremdet wurde, und ich fürchten mußte, daß mein Geschlecht vom Judenthum abfallen würde. Ich betrachte es als eine gnädige Fügung Gottes, daß Du mich ausgesucht hast, und ich werde nicht ruhen und nicht rasten, bis ich Dich durch liebevolle Belehrung und Ueberzeugung für das unverkürzte und unverfälschte Jndenthume jgewonnen haben werde."" „Du wirst an mir eine gelehrige Schülerin haben. Die bitteren Erfahrungen, die ich in den jüngstvcrflosfenen Wochen, gemacht, haben mich genugsam zum ernsten Nachdenken vorbereitet." „„Du wirst jetzt müde sein,, mein Töchterchen. Begib Dich zur Ruhe."" „Zuvor. Großmama, gib mir die Versicherung, daß ich in keinem Falle gezwungen werde, dorthin zurnckzukehren, wo die zweite Frau meines Vaters als Herrin schaltet." „,,Jch werde morgen Abend an Deinen Vater schreiben. Er hat zwar das Recht, Dich zurückzufordern; allein ich werde ihm mittheilen, daß Du und ich nur der Gewalt weichen werden, und wie ich ihn kenne, wird er jeden öffentlichen Eclat auf das ängstlichste vermeiden. Jetzt, schlafe wobl, mein Töchterchen!"" „Gute Nacht, Großmama!" (Fortsetzung folgt). Näthsel. Willst lösen Die mir eins, zwei, drei,. Siehst Du, daß es verwickelt sei. Mein eins, drei, zwei, dem Herrn zum Ruhme, Ward oft gebraucht ain Heiligthume. Siehst Du mein drei, zwei, eins, so stich'. Denn Frieden bringet es Dir nie; Magst seinen Honig nicht begehren. Als Gift wird er Dein Haus zerstören» Der ohne Körper, ohne Geist. Als mächt'ger Feind sich Dir erweist. Der mit sich reißt, trotz seinem Truge, So manches Glück in wildem Fluge.?. Metz. Tie Anftösnng des Preis - Räthsels erfolgt in nächster Rnnnner. Hierzu zwei Beilage». Verantwortliche Redaktion: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition deS .Israelis gr. Bleiche 45. I. Gottsleben's Bwhdruckerei (MainzerAnzeiger).