Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 32-33 (23.4.1884)
- Date
- 1884-04-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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545 jener Grusierin wie Kindergeschrei vorgekommen war Man hielt es für geboten, in dem Hanse sowie in den benachbarten beiden Gassen bis zum späten Abend verstärkte Polizeiwachen aufzustellcn. Petersburg, 15. April. Die deutsche „Petersburger Zeitung" erfahrt, die sogenannte Judenkommission habe denjenigen Theil ihres Programms, welcher sich auf die Sammlung und Sichtung aller für Großrußland, Kleinrußland und Litthaucn erlassenen Gesetze über die Juden aus dem 17. und 18. Jahrhundert bezog, beendet. Nunmehr werden die modernen Gesetzesbestimmungen Rußlands und der übrigen Länder Europas zusammengestcllt. Den dritten Theil bilden daun die Beleuchtung und Begutachtung des gcsammten Materials, sowie die Motivirung der anzuempfehlenden Maßregeln. — Am er i k a. Philadelphia. Vor Kurzem starb dahier im Alter von 92 Jahren Herr Benjamin Grutz, der jüngste Bruder vonRebecka Gratz, welche dem Schriftsteller Waller Scott als Model zur Schilderung des schönen Charakters der Rebecka in seinem berühniten Romane „Jvanhoe" gedient hat. Feuilleton. Im standhaft! xxxix. Als die Mahlzeit beendet und das Tischgebet gesprochen war, entfernten sich die Tischgenosscn, nur Großmutter und Enkelin blieben allein. ' „So, mein geliebtes Kind," sagte Frau Budweis, „jetzt mußt Du mir Alles ausführlich erzählen. Bon den Ereignissen in Deinem väterlichen Hause bin ich vollkommen unterrichtet. Dein Vater hat sich taufen lassen und eine Nichtjüdin gcheirathet. Und Dich, sagst Du, hat er zwingen wollen, dem Bruder seiner Frau die Hand zu reichen? Der ist wohl alt und häßlich?" „„Nein, Großmama, Baron Wolkenberg ist ein blendend schöner, geistreicher, junger Mann, ein vollendeter Cavalier, und alle meine Freundinnen haben mich um die Huldigungen beneidet, die er mir darbrachte."" ,4liib warum", fragte die Großmutter in gespannter Erwartung, „hast Du seine Hand ausgeschlagen?" „Man hatte mich gewarnt, man hatte mir mitgetheilt, daß die Wolkenbergs ein verarmtes Geschlecht seien, und daß der Baron nur nach meinem Vermögen trachte. Doch das war bald vergessen, als ich ihn kennen lernte und den Zauber seiner gewinnenden Persönlichkeit empfand. Da, cs war bei einem Hoffcste, ließ er in einem unbedachten Momente eine Aeußerung fallen, die mich plötzlich ernüchterte. Es war eine Anspielung, die von Nichtjuden, Juden gegenüber gebraucht, etwas Beleidigendes hatte. Ich erinnerte mich nunmehr der Voraussagungen meines geliebten Mütterchens, und all die Warnungen, die sie mir dereinst ertheilt, traten vor mein geistiges Auge. Von damals an änderte ich mein Benehmen gegen den Baron, war kalt und abstoßend gegen ihn. Seine Schwester legte sich ins Mittel, und da-sie meinen Vater ganz und gar beherrscht, so sollte ich gezwungen werden. Ich aber zog es vor, dem elterlichen Hause zu entfliehen, und bei Dir, Großmutter, Schutz zu suchen." Daran hast Du Recht gethan, und ich werde Dich schon zu schützen wissen. Aber sage mir, mein Kind , hat der Gedanke att den Religionswechsel keinen Beweggrund für Dich abgegeben? Du hättest doch, um den Herrn von Wolkenbcrg zu heirathen, vorher dem Beispiele Deines Vaters folgen und Dich taufen lassen müssen."" „Freilich; allein mit diesem Gedanken war ich ja seit längerer Zeit vertraut. Die Religion ist ja eine bloße Form. Alle Religionen haben den Zweck,' zu guten und edlen Menschen zu erziehen. In welcher Form dieser Zweck erreicht wird, das ist doch gleichgiltig." Die Großruutter betrachtete ihr Enkelkind mit bekümmerten Blicken. „„Armes Kind,"" sagte sie, „„welch eine Erziehung hat man Dir gegeben, was für halt- und wesenlose Anschauungen hat man Dir beigcbracht! Das Höchste in der Welt ist die Wahrheit, die Wahrheit, für die viele Taufende unserer Väter und Mütter freudig ihr Leben geopfert. Kann eine Religion festen Halt bieten, von deren Wahrheit man nicht überzeugt ist, kann die Religion ermöglichen, den Reizen des Lasters und der Sünde zu widerstehen, wenn man die Religion als etwas Gleichgiltiges betrachtet, wie ein Kleid, das man nach der Mode wechselt? Uns hat der allmächtige Gott vom flammenden Sinai herab, die ewige Wahrheit verkündet, uns hat er aus allen Völkern erwählt, damit wir die Träger seines Namens seien. Die uns geoffcnbarte Wahrheit ist unser größter Schatz, unser höchstes Gut. Für sie müssen wir leben und wenn es sein muß, auch sterben können. Ehe wir sie verlängnen, sotten wir lieber unser Leben prcisgcben.""