Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 32-33 (23.4.1884)
- Date
- 1884-04-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449406-2449437--20001-2509510- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
thum, erhalten einen großen Theil der modernen! Gesellschaft in einem Zustande beständiger Anspannung der Nervenkräfte nnnd ncrviöser Erregung. Die Statistik hat sich große Mühe gegeben, den Procentsatz des Irrsinns bei den verschiedenen Konfessionen zu ermitteln und ist dabei zu dem traurigen : Resultat gekommen, daß unter den Israeliten Gei-; stes-, GemüthsundNervenkrankheiten verhältnißmäßig häufiger austreten. Hat doch die letzte Volkszählung vom 1. December 1880 ergeben, daß unter 10000 Personen christl. Confesion 21 Geisteskranke, dagegen unter 10000 Israeliten ca. 38 Geisteskranke Vorkommen. Ohne auf die verschiedenen Gründe welche die Wiffenschaft hierfür anführt, näher einzugehen, scheint mir der Hauptgrund darin zu liegen, daß Israel an und für sich ein geistig angespornterer und ncrviös aufgeregterer Volksstamm ist und daß die Israeliten nach ihrer Gleichberechtigung mit den Andersgläubigen einen besonders hervorragender! Antheil an der Hebung von Handel und Industrie, den Fortschritten in Kunst und Wissenschaft und auch an allen politischen und socialen Tagesfragen nehmen. Als ein nicht zu unterschätzender, ja meines Erachtens von den . Fachleuten viel zu wenig gewürdigter Faktor für die Häufigkeit des Irrsinns, erscheint mir die in vielen Kreisen zugenommene und leider noch zunehmende Religionsvernachlässigung. und Jrrreligiösität und ganz besonders meine ich hiermit uns Israeliten. Die Religion ist eine mächtige Stütze im Kampfe ums Dasein, sie ist eine Trösterin im Unglück. Das Bewußtsein in der Hand der Vorsehung zu sein, ist in Arbeit, Sorge und Noth eine Stütze, die sich durch Nichts ersetzen laßt; der Gedanke an Gottes Allmacht hält den Menschen in Leidenschaft und Kummer aufrecht, die Jrrreligiösität dagegen vermehrt die innere Haltlosigkeit und macht die Menschen den Stürmen des Lebens gegenüber wehrlos. Die strenge Befolgung unserer heiligen Gebote, namentlich die absolute Ruhe am Sabbat und den Feiertagen von allen Geschäften, von aller Arbeit wirkt wohlthätig auf den abgespannten -Geist, bringt Erholung dem müden Körper; Geist und Körper sind dadurch widerstandsfähiger im Kampfe um's Dasein und geschützter vor geistiger Erkrankung. Während man nun, wenigstens in großen Städten, für körperlich leidende Israeliten schone Krankenhäuser errichtet, war für die armen Geisteskranken in früherer Zeit sehr schlecht gesorgt. Wenn sich auch die jüdischen Kranken in den gemischten Anstalten ganz gewiß der humansten Behandlung seitens der Direktion (nicht immer von dem Wartepersonal) zu erfreuen hatten, so lag doch die Befürchtung nahe, daß sic sich nicht behaglich fühlten, nur mit Widerwillen unkoschcrc Kost zu sich nahmen, ja den Genuß dieser Speisen ganz verweigerten oder doch eine große Sünde durch die Nahrungsaufnahme zu begehen glaubten, für die ihre Krankheit die gerechte Strafe sei 2C.. — Verhältnisse die gewiß höchst ungünstig auf den Verlauf und die schnelle Heilung von Geisteskrankheiten cinwirken. Es erscheint daher als ein ganz besonderes Verdienst, wenn ein Mann schon vor einer Reihe von Jahren unter diesen Voraussetzung und von diesen Gefühlen für seine Glaubensgenossen durchdrungen die Gründung einer Anstalt fpeciell für jüdische Nerven- und Gemüthskranke vornahm und trotz aller Hindernisse im Laufe der Jahre es auch soweit brachte, wie es ihm bei der Gründung des Etablissements im Geiste vorschwebte. Ich meine die km Jahre 1870 von dem Herrn M. Jacoby in Sayn errichtete „Israelitische Heil- und Pflege-Anstalt für Nerven-, Gemüths- und Geisteskranke." Da ich wiederholt Gelegenheit hatte, dieses für das Judenthum so segensreiche Institut zu besuchen und sein Wirken zu beobachten, so gestatte ich mir in Folgendem eine kleine Beschreibung desielben tut Interesse aller leidenden Glaubensgenossen zu geben. Von der Station der rechtsrhcin. BahnEngers und Bcndorf (im Sommer 1884 wird Sayn selbst Bahnstation) ca. 20 Minuten zu Fuß und. von Coblenz per Wagen in einer Stunde zu erreichen, liegt Sayn im aiunuthigsten Theile des Rheinlandes, kaum V-j Stunde vom Rhein entfernt. Am Eingänge mehrerer Thäler, die durch ihre romantische Schönheit der Zielpunkt vieler Touristen aus Nah und Fern sind, ist der Ort auf mehreren Seiten von bewaldeten Bergen umgeben, welche wegen ihrer Naturschönhciten und Fernsichten und das herrliche Rhcinthal berühmt sind. Das Ktinta ist ein sehr mildes und die reine wohlthuende Gebirgs- und Waldluft ist eine tüchtige Stütze des Heilverfahrens. In den ersten Jahren noch wenig besucht, nahm die Anstalt, nachdem sie in weiteren ärztlichen und jüdischen Kreisen bekannter geworden, mit jedem Jahre mehr Kranke auf. In Folge dessen wurde sie in ihren inneren und äußeren Einrichtungen stetig verbeffcrt und mußte fast jährlich durch große Neubauten erweitert werden. Der Garten wurde eb enfalls durch Ankauf, der Nachbargrundstücken vergrößert und bildet heute ein arondirtes Areal von ca. 15 Morgen, welches mit wohlgcpflegten Kieswegen. Blnmen und schattigen Anlagen versehen, den Kranken zum Spazierengehen und in geeigneten Fällen auch zu laudwirthschaftlichcr Beschäftigung dient. Die ärztliche Leitung der Anstalt ist schon seit dem Jahre 1884 in den bewährten Händen des Herrn Dr.