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Der Israelit · 1884-04-18 · Heft 30-31 (18.4.1884) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 30-31 (18.4.1884)
Date
1884-04-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
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529 schrieben, zu lesen beendete. Acrgcrlich warf ich die vergilbten Blätter weit von mir. Ich fand diese in einem Bücherschrank, welchen ich von den Erben meines College» erworben. Die Mittheilung ans seinem Leben erregte derart mein Interesse, daß ich den ganzen Abend mit der Lektüre derselben zubrachte, und den Inhalt mit einer Art Heißhunger verschlang. Wer beschreibt nun meinen Unwillen, als ich die Erzählung, die ich mit athemloser Spannung durchflogen , ohne Schluß fand. Vergebens durchsuchte ich nochmals alle Fächer des Schrankes. Umsonst, keine Spur!— Zwar begann meine erregte Phantasie mir die Helden der Erzählung in allen erdenklichen Variationen vorzuführen: aber Phantasie ist keine Wahrheit und die Wahrheit wollte ich um jeden Preis erfahren. — Ich verrichtete das Schemagebet und begab mich zur Nahe. .Mit dem festen Vorsatz Alles aufzubieten, um das Nochfchlende in dem Leben des orthodoxen Rabbiners zu ergründen, schlossen sich meine Augenlider. * * ' ' 4- 11. Wand. 1. Capitel. Das Rad des Geschickes. Die Sonne warf ihren letzten Schcidegrus; über das kleine Blumengärtchcn und übcrflnthete mit ihrem purpurnen Strahlenmeer noch einmal das kleine Häuschen, vor welchem ein Greis in gebückter Haltung saß —. Das rosige Licht ließ seine Reflexe auf die wcißübertünchtcn Mauern erzittern und übcrgoß das schneeweiße Haupt des Greises mit einem eigentümlich schimmernden Glanze. Der Greis jedoch scheint für diese Naturreize keinen Blick zu haben. Wie in tiefen Gedanken verloren, sind seine Augen starr auf den Boden gerichtet, ohne auf die Vorübergehenden, die freundlich ihren Hut zum Gruße lüften, zu sehen. — Zu scheu? — 'Nicht doch! -- Das Licht seiner Augen, aus welchen einst Geist und Witz, Frohsinn Heiterkeit geleuchtet, ist erloschen! — Glanzlos, in. teressen- und theilnahmlos sind schon seit Stunden seine ^blinden Augen auf denselben Punkt geheftet. . Sicht er aber auch in der That nichts, gar nichts? Ach! nur. Nacht und Dunkel umhüllen seine leiblichen Augen! — Seit Jahren schon ist ihm die Sehkraft genommen und mithin auch seine Lebensfreude geschwunden! Vor seinem inner», geistigen Auge indeß treten Buder und Erscheinungen mit derselben Lebhaftigkeit, mit derselben Farbenpracht auf wie. zuvor. Aber was beschäftigt seinen Geist so sehr? Die herrliche, imposante Grcisengcstalt mit seiner, wie das Haar seines Hauptes, schneeweißen hohen Denkcrstirn scheint sichtlich unter dem Drucke schwercrGedanken zu leiden; denn seine auf einem Krückenstock gestützte Hand erzittert zuweilen gar heftig, wie auch seine blutleeren Lippen oft ein feines, urildes Lächeln umspielen, oder er schüttelt gar bedenklich sein Haupt. Ja, lichtvolle und heitere, aber auch schmerzliche, und trübe Erinnerungen wechseln mit einander in dem Geist des alten Mannes und sein belebtes Miencnspiel erzählen deutlich von den.Vorgängen seines Innern. Das Häuschen und das Blumengärtchen, wie seine ganze Umgebung ist aus dem Kreise seiner Erinnerung ganz verschwunden; statt dessen thut sich vor seinem innern Auge das Bild einer großen, volkreichen Stadt auf. Die Straßen sind geräuschvoll, der Verkehr lebhaft. Ein buntes Treiben ist überall anzutreffen. Ein Menschengewü hl und Volksgetümmel, ein Stoßen und Drängen und ein Wagcngerassel ohne Ende. - 7 In dein vornehmen Hause jedoch, wo der reiche. Geheimrath von Köhler wohnt, herrscht Todtenstille. Schwere Teppiche dämpfen den Schall der Fußtritte der ab- und zugehenden Dienerschaft und jedes Geräusch wird mit der größten Sorgfalt vermieden. Drinnen in einem Schlafgemache, wo. das Tageslicht nur spärlich durch die seiduen Nouleaux durchzudrkngen vermag, umstehen die Herrschaften das Bettchen, in ivelchcm ein kleines Wesen, mit bleichen abgezehrten Wangen, das Gesicht der Wand zuaekehrt auf dem Schmerzenslager sich befindet. Mit athemloser Spannung lauschen sie auf die leisen Athemzüge der Kranken und studiren mit ängstlichen und lebhaften Blicken die Gesichtsbewegung des Arztes, der über das Lager gebeugt ist. Jetzt richtet sich der Arzt auf, und ein feines selbstbewußtes Lächeln umkräusclt seine Lippen, indem er spricht: „Die Krisis ist Überstunden! — Ich hoffe das Kind ist gerettet!" „„Gerettet, gerettet!"" — jubelte der kleine Rudolph während er die Hand des Arztes ergriff — „gerettet lieber Doktor? — gerettet sagen Sie?" „Ja, kleiner Jude," erwiderte er barsch und entzog ihm seine Hand, „ja, wenn es Dir Freude macht!" Heiße Thränen entquollen seinen Augen und ' auf die tadelnde Bewegung des Arztes und der Elter» nicht achtend, stürzte er sich auf das Bettchen und indem er die farblosen Lippen der Kranken mit glühenden Küssen bedeckt, strich er ihr die schwarzen wirrherabhängenden Locken aus der Stirne und flüsterte ihr mit einschmeichelnder Stimme zu:

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