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Der Israelit · 1884-04-18 · Heft 30-31 (18.4.1884) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 30-31 (18.4.1884)
Date
1884-04-18
Page
– (sequence 12)
Language
German
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;,„£nft Du gehört, Martha? Du wirst genesen und noch ferner Ball mit mir spielen!" Da öffneten sich die großen, schwarzen Augen der Meinen und sie richtete einen erstaunten Blick aus ihre Umgebung. ' Nun erkannte sic den kleinen Rudolph und ein holdseliges Lächeln umschwebte für einige Momente ihr liebliches Gesicht, nachher schlossen sich ganz ermüdet die Augenlider wieder. Nndolph's Vater Abraham Hirsch war ein bescheidener Kaufmann, der in. der Uhlandstr. in St.... ein Mannfakturwaarengeschäft besaß. Seine Privatwohnnng hatte er in der Königsstr. Er wohnte im Hinterhaust, während der Geheimrath und Freiherr von Köhler im palastähnlichen Bordcrhause sein Logement hatte. Die dreijährige Martha schloß mit dem drei Jahre älteren Rudolph einen Freundschaftsbund, obwohl ihre Eltern dem Juden nichts weniger als freundlich gesinnt waren. Aber was weiß auch ein Kind in diesem Alter noch von Rassenhaß und StandesuntcrfchiedenZ" Genug: das eigensinnige verzogene Töchterchen wollte einmal mit seinem andern spielen, als mit dem „Judcnbub" und die Eltern mußten ihrem Kinde zulieb dulden, daß ein Jude ihren reinen christlichermanischen Boden mit seinen semitischen Schuhen etrete! Da wurde Martha plötzlich gefährlich krank und verlangte, während ein hitziges Fiber ihren ganzen Körper durchschüttelte fortwährend wiederum nach dem verhaßten Judcnbub ..... Der Greis lächelte bei dieser Erinnerung und sein Gesicht nahm den Ausdruck eines gutmüthigen Kindes an. Dann kain wieder ein Tag — der Greis erinnert sich desselben mit großer Deutlichkeit — wo es im Vorderhause geräuschvoll und geschäftlich zuging. Der neugierige Judcnbub, der nach Martha fragte, wurde barsch zurückgewiesen. — Ein schwarzer Wagen hielt vor der Thüre und viele fremde Männer gingen aus und ein; zuletzt wurde ein starkbekränzter Sarg beruntergctragcn und der Wagen bewegte sich mit den irdischen Uebcrresicn des Geheimrath v. Köhler von dannen. Die arme, arme Martha — der Alte wiegte trübe sein Haupt hin und her — blieb nun ganz verwaist, denn ihre Mutter starb ein Jahr zuvor. Alles hatte das Haus verlassen, nm dem Todten das letzte Ehrengeleit zu geben, die Martha blieb ganz allein in den weiten Räumen zurück. Er muß doch hingehen und sehen, was sie dort treibt! — Er öffnete eine Thüre nach der anderen — — keine Spur von der Martha zu erblicken! Schon wollte er enttäuscht seinen Rückgang antrcten, da vernahm er ein Schluchzen unter dem Schreibtische des stolzen Frciherrn von Köhler. Dort saß das arme Kind, die Martha, und weinte bitterlich. Rudolph tröstete sie, indem er ihr hoch und heilig versprach, daß er sie, wenn sie große und erwachsene Menschen sein werden, sie zu seinem Weibe erheben würde. — Daraus hörte Martha zu weinen aus und klatschte jubelnd mit ihren zarten Händchen. „Ach das wird so schön sein"! — rief ste aus — „Weißt Du, ick wünschte, wir wären schon groß!" Jahre sind verflossen. Rudolph ist zn eitlem schmucken, geistvollen Jüngling. herangereift. Er hatte sein Abiturientenexamcn mit Glanz bestanden und wählte das Studium der Philologie zn seinem Lcbensberuf. Schon seit Wochen befand er sich in Güttingen und hatte als immatrieulirter Student das .jn8 eivium aeademiae bereits erworben. Jedoch wollte er, bevor er eifrig an's Studireu ging, zuvörderst den Wunsch erfüllen, der ihn hauptsächlich nach Güttingen zog. Martha von Köhler befand sich nämlich schon lange Zeit in Göttingeu. Gleich nach der Beerdigung ihres Vaters, nahm sie ihr Oheim von Köhler, der Professor an der theologischen Facultät zu Göttingen war, mit sich. Wohl wußte er, daß der Professor von Köhler, noch weniger Inden freundlich war, als sein Bruder der Geheimrath: aber er wollte ja auch ihm gar keinen Besuch machen, er wollte jablos seineJngcndgespiclin sehen. Sorgfältig kleidete er sich an, und machte sich auf den Weg dahin. Er zog die Thnrglocke. Ein Diener in Livrßö öffnete und frug nach feinem Begehr. Er überreichte ihm feine Visitenkarte und bat ihn, ihn bei dem Fräulein von Köhler anznmelden. Aber kaum hatte er den Namen „Hirsch" gelesen, als er mit wegwerfender Gebährde ihm die Karte zurückgebend frng, was er von Fräulein wünsche. Eine heiße Blntwelle färbte sein Gesicht mit Zornesröthe und ganz empört über die Anmaßung des Dieners, wollte er diesen nach Gebühr bestrafen, da öffnete sich eine Zimmerthüre und eine junge Dame von zauberhafter Schönheit, in eleganter Toilette zum Ausgehen bereit, erschien in dem Rahmen derselben. (Fortsetzung folgt.)

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