Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 30-31 (18.4.1884)
- Date
- 1884-04-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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528 Zeitungsnachrichten und Csrrefstondenzen. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, den 3. April. Heute verstarb hier Herr Dr. I g n azK u r an d a. Derselbe wurde am 1. Mai 1812 zu Prag geboren, wo sein Vater einen Handel mit hebräischen Büchern betrieb. Der junge Ignaz widmete sich dem Studium der Philosophie in Wien und Leipzig; später ging er nach Brüssel. Hierj gründete er im Jahre 1841 ein deutsches Organ, j die „Grenzboten", welche das Deutschthum im Nordj westen im Anschluß an das vlämische Element, das s in jener Zeit die ersten Versuche machte, seine Lite-; ratur und sein Volksthum gegen die übermächtig * vordringende französische Killturmacht zu schützen, ver- I treten sollten. Allein obwohl oder vielmehr gerade! weil das neue Blatt.die tüchtigsten der freisinnigen ' Schriftsteller Deutschlands zu Mitarbeitern gewann,! bereiteten sich ihm politische Hindernisse. Kuranda | sah sich dadurch veranlaßt, die Zeitschrift nach Leip- -j zig zu verlegen, von wo aus sie als geistiges Binde- : glied zwischen Oesterreich und dem übrigen Deutschi land wirken sollte, eine Aufgabe, die heute ein an- : deres in Wien erscheinendes deutsches Blatt versieht. ' Im Jahre 1848 trat K. von der Leitung der „Grenzboten" zurück, nachdem er in Teplitz zum Abgeordneten in das Parlament gewählt worden war. Ta eine große Anzahl von Wahlen in Oesterreich in; Folge des Widerstandes der nichtdeutschen National!-! tüten insbesondere der Ezechen nicht zu Stande kam,; wurde Kuranda zur Erledigung der Frage nach; Böhmen gesandt. Er trat indes; schon im Oktober ’ 1848 ans und übernahm die Redaktion der „Ost- * deutschen Post". In dieser vertrat er mit Energie! und Geschick den deutsch-österreichischen Standpunkt; das Jahr 1866, welches das Band zwischen Oesteri reich und Deutschland zerriß, zwang ihn, sein Blatt eingehen zu lassen. Um so eifriger betheiligte er sich an den Verhandlungen des Reichsraths, dem er seit 1861 als Vertreter Wiens angehörte imb in welchem er die Interessen des Deutschthums und des Liberallismus mit gleichem Talent wie in der Presse vertrat. Als Redner erhielte er mehrfach große Erfolge, als Parteiführer übte er eineil bedeutenden Einfluß aus, bis ihn die Beschwerden des Alters zwangen, rnehr in den Hintergrund zu treten. Kuranda genoß bei Freund und Feind Achtung, das beweist u. A. die große Menge von Vertrauensstellungen, zu denen er berufen wurde Er war Mitglied des Frankfurter Parlaments, des niederösterreichischen Landtags, des Reichsrathes, des Wiener Gemeinderaths. In der letzten Zeit war er Direktor der Nordbahn und nahm eine hervorragende Stellung innerhalb der Alliance Israelite eim-Der österreichische Liberalismus verliert in dem Dahingefchiedenen einen seiner tüchtigsten und treuesten Anhänger. Herr Dr. Kuranda war auch Präses des Vorstandes der hiesigen isr. Gemeinde. Türkei. KonKarriinopel, 31. März. Die Generakdirektion der Tabaksregiegesellschaft hat, noch ehe sie ihre eigentliche Thätigkeit begann, manche Anfeindungen erdulden müssen. Ein gestern in der Fabrik zu Stambul vorgekommener Fall ist aber nicht geeignet, sie populär zu machen, so wenig auch bcn obersten Leitern irgend eine besondere Schuld an der Sache beizumessen ist. Es war beschlossen worden, die Löhne der Tagarbeiter zu reduziren und zwar die Löhne von 12 Piaster auf 8, die von 8 aus 6 und die von 6 auf 4. Anstatt die Leute auf die schlechte Nachricht vorzubereiten, erklärte der mit der Ausführung des diesbezüglichen Beschlusses betraute Beamte am Zahltage einfach den Arbeitern der dritten Klasse, meistens Juden, daß sie nur 4 Piaster zu bekommen hätten. Darüber entstand natürlich große Entrüstung. und großer Lärm. Ein Kroat sollte den Platz von den Hauptfchreihälfen befreien; als diese aber auf feinen Befehl nicht hörten, wollte er Gewalt anwenden, und da seine Faustschläge erwidert wurden, schoß er mit seinem Revolver auf den ihn bedrängenden Haufen. Von diesem Momente wurde der Kampf allgemein. Griechische Arbeiter nahmen die Partei des Kroaten, während die jüdischen, als sie einen der ihrigen fallen sahen, wüthend auf den Angreifer cinhieben. Die anrückende Patrouille von 6 oder 8 Mann fühlte sich nicht stark genug, um der ltnordnung ein Ende zu «lachen und erst als Verstärkung ankam, drei Kroaten und 40 Juden verhaftet worden waren, konnte die Ruhe wieder hergestellt werden. Während des Kampfes hatten die Arbeiterinnen, welche nicht entrinnen konnten, schreckliche Angstrufe ausgestoßen: die Beamte» in der Nähe sollen sich aber alle bei Zeiten ans dem j Staube gemacht haben. I Feuilleton Uus dem Leben eines orthodoren Aabbiners. i Skizze von Dr. Sta . . . ' (Fortsetzung.) i Die Thurmuhr verkündete die Mitternachtsstunde,! als ich den Lebenslauf des Herrn Doctor Stein,! nleines Vorgängers im Amte, welchen er selbst ge-