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Der Israelit · 1884-04-18 · Heft 30-31 (18.4.1884) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 30-31 (18.4.1884)
Date
1884-04-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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mit ihrem Wortlaut in dem jüdischen Volksbewußtsein heimisch geworden und dadurch den unmittelbarsten Einfluß auf die Gestaltung jüdischer Gesinnung und Grundsätze geübt haben". Mancher christliche Leser wird erstaunen, wenn er erfährt, daß der! Talmud cs ist, der das Menschenthum betont, daß er nicht exclusiv nur in dem jüdischen Bckenntniß das Heil sieht, sondern dieses Heil jedem Menschen, wes Glaubens er auch sei, zuspricht, der als sittlich reiner Mensch lebt und sich in dem Pflichtcnkreis der noachidischen Gebote bewegt: der christliche Leser wird aber ebenso erstaunen, wenn er erfährt, daß der Talmud werkthätige Liebe zu üben nicht auf den jüdischen Kreis beschränkt, sondern den Bekenner» des Judenthums solche auch gegen Andersgläubige zur Pflicht macht. — Daß es nun unter den Juden auch moralisch verdorbene Individuen gebe, will der Verf. nicht leugnen. Hören wir über diesen Punkt seine trefflichen Worte: „Gewiß hat das . jüdische Volk noch nicht das Ideal sittlicher Pflichttreue in allen seinen Angehörigen, so wenig ausnahmslos wie die Angehörigen irgend'eines andern Bckenntniffes, erreicht, gewiß gibt es auch gewissenlose, nnrechtschaffeue Juden. Allein deren Gewissenlosigkeit und Ilnrechtschaffenhcit ist nicht eine Folge des talmudisch-jüdischen Bekenntniffes, sondern ein schreiender Widerspruch gegen dasselbe, und wer aus der Gewissenlosigkeit und Unrechtschaffenheit einzelner Juden auf den Charakter der jüdischen Bekenntnißlehre schließen wollte, ginge völlig eben so fehl, wieder, welcher die haarsträubenden Verbrechen im Christenthume geborener Menschen gegen Leben, Sittlichkeit und Eigenthum, von denen fast jedes Blatt der allerneucsten Zeitgeschichte zum Entsetzen aller Zeitgenoffen zu berichten weiß, auf Rechnung der christlichen Glaubenslehre zu schreiben sich zu erkühnen wagte". Wir sind sicher, daß diese durch ihre ruhige Klarheit angenehm berührende Schrift sich viele Freunde auch in christlichen Kreisen erwerben und die Vorurthcile, welche Bosheit und Unwissenheit über den Talmud erzeugt haben, zerstreuen wird. Aber auch unser» jüdischen Lesern empfehlen wir die Schrift, für deren schöne äußere Ausstattung die Verlagsbuchhandlung gesorgt hat, auf's Wärmste; auch sie werden befriedigt und, was noch mehr ist, an Belehrung reicher dieselbe aus der Hand legen. Der Sozialismus und die jüdische Weltanschauung von Dr. M. L. Stern, Rabbiner in Mährisch Kromau. (Verlag von Jakob B. Brandeis, Prag.) Der Verfasser beweist, daß die jüdische Wissenschaft weit hinein in's volle Menschenleben reicht und daß auch die moderne soziale Frage schon in der Bibel und im Talmud gründlich behandelt wurden. Die Berechtigung des Sozialismus liegt in seiner Berufung auf das Erbarmen und das Mitleid der . Menschen. Darum wird ihm auch in den heiligen Büchern und im jüd. Codex der ihm gebührende Platz eingeräumt. Auffallend ist nun, daß sich in Bibel und Talmud bald sozialistische, bald antisozialistische Anklänge finden. Schemita- und Jubeljahr: die Armengesetze z. B. einerseits, das Recht der Erstgeborcnen, Prosbul, die strenge Behandlung des Mein und Dein, die Gütertheiluug der Gatten andererseits. Diesen Widerspruch löst der Vers., indem er das Ideal, das Prinzip, von dem der Sozialismus ansgeht, anseinandcrhält vom Ziel, zu dem der Sozialismus gelangen muß. Das Ideal ist das allgemeine Glück, die allgemeiueTugcnd; das zu verwerfende Ziel ist die Vernichtung jeglichen Strebcns. In Bezug auf das Ideal ist Bibel und Talmud immer sozialistisch,iuVezug aufdas Ziel immer antisozialistisch. Die Verwirklichung des Ideals ist die Hoffnung des jüdischen Volkes. Ein Bild der Verwirklichung des Ideals zeigt das'Mannacapitel, welches der Verf.' nicht nur geistvoll, sondern auch anmuthig beleuchtet. Der Verwirklichung des Ideals kann man nur näher kommen durch Erfüllung dreier Forderungen: Brod für Alle, Bildung für Alle, Freiheit für. Alle, und ganze Capitcl des Sckmlchan Aruch enthalten nichts anderes als die Codificirung dieser Forderung. So beweist dieser gedankenreiche, formvollendete Aussatz, daß Gcsinnungstüchtigkeit und Rechtgläubigkeit die wahre Humanität, den wahren Fortschritt nicht ausschließen. Als lobend muß noch erwähnt werden, daß Herr Dr. Stern in der Wahl seines Thema's einen glücklichen Griff gethan hat Manche Unterscheidungen haben den gelungensten Ausdruck gefunden. Ich will nur zwei wortgetreu auführeu: «Pessimismus ist wesentliche Bedingung des Sozialismus, aber während der Pessimisj mus Erlösung in der Vernichtung des Lebens fand, fordert der Sozialismus Vernichtung des Streben»". (Seite lr) ferner: „Ist cs vielleicht der Fehler des Sozialismus,daß er nurSozialökonomie, aber nie Sozialwisscnschaft betreibt, daß er unlogisch vorgreifend, mit der menschlichen Gesellschaft, aber nie mit dem Menschen sich befaßt?" (Seite 10). Schwungvoll verherrlicht der Verf. zum Schluß die jüdische Weltanschauung: „Weil die jüdische Weltanschauung das soziali- „stische Ideal nicht aus den Augen verliert, weil „es die drei Grundsätze de» sozialistischen Ideals „zu verwirklichen strebt, darum gibt es kein Pro-

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