Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 30-31 (18.4.1884)
- Date
- 1884-04-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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I I 520 was er viermal von Moscheh vernommen. Hierauf Ging auch Ahäron, und seine Söhne lehrten dann, was sie dreimal von Moscheh und einmal von ihrem Later erfahren hatten. So ging es fort, bis ganz Israel jedes Gebot und jedes Verbot mit allen seinen Erklärungen und allen seinen Einzelheiten inne hatte. Das ist die mündliche Lehre, die nicht niedergeschrieben wurde, und die sich durch tnündliche Ueberlieferung fortpflanzte von Geschlecht zu Geschlecht. Der beständige Schüler Moscheh's war Josua, der nicht von ihm wich und sich stets seiner Belehrung erfreute. Moscheh glich der Sonne. Wie diese ihr Licht unmittelbar von Gott empfängt, so ruhte der Abglanz der göttlichen Majestät auf uuserm groben Lehrer Moscheh. Josua glich dem Monde, der sein Licht erst von der Sonne erhält. Moscheh empfing die Gottcslehre vom Sinai herab, ganz und genau so wie Gott sie ihn gelehrt hat, ywm mDDi, „und überlieferte sie dein Josua". Moscheh hat zwar die Thora ganz und voll dem Josua überliefert; aber dieser war nicht im Stande, die ganze Thora in sich aufzunehmett; daher heißt es: yntfirp? mqoi „er überlieferte sie dem Josua," und nicht: yanrt'i rupDD , „und Josua empfing die Thora von Moscheh". Unsre Weisen erzählen im Midrasch: Als die Stunde herarmahete. da Moscheh aus dem Leben scheiden sollte, sprach er zu Josua: „Mein theurer Schüler, dem ich die Heerde anvertraue, die ich vierzig Jahre lang in treuer Sorgfalt gehütet habe, ist Dir noch etwas unklar oder wünschest Du noch über etwas Auskunft, so sage es mir jetzt." Und Josua sprach: „Wie sollte mir noch etwas unklar sein oder unbekannt? Habe ich doch Dich, mein geliebter Lehrer, niemals verlassen, und Du hast mich die ganze Thora gelehrt und mir nichts vorenthalten." Diesem stolzen Worte Josua's sollte bald bittere Beschämung folgen. Während ganz Israel sich dreißig Tage lang dem Schmelze hingab um den großen Verlust, den cs durch den Tod Moscheh's erlitten, wurden viele religiöse Vorschriften vergessen, und erst dem Scharfsinn des Athnicl den Kenas gelang es, * das Vergessene vollständig wieder zu eruiren. Eine große Lehre wird uns aus dieser Erzählung des Midrasch. Die Erhaltung der traditionellen Lehre ist nicht bloß Aufgabe des Auffassungsvermögens und des Gedächtnisses; diese beiden Seelenkräfte sind nicht immer ganz zuverlässig; ihr Regulator ist die Schärfe des Verstandes, der Scharfsinn. Durch die letztgenannte Geisteskraft wird der Mangel ersetzt, . den das Gedächtniß manchmal erleidet, werden die Widersprüche gehoben, die durch das manchnial nicht ganz ausreichende Auffassungsvermögen hervortreten. Damit ist das ganze Wesen des Studiums der mündlichen Lehre, des Talmuds, charakterisirt. Lernen, im Gedächtniß Behalten und das Aufgenommene mit der Schärfe des Verstandes zu durchdringen, das Eine mit dem Andern zu vergleichen und die gefundenen Widersprüche zu heben und. zu lösen, darin besteht noch heute unsre Aufgabe beim Studium der Gotteslehre, gerade so wie zu den Zeiten des Athniel ben Kenas.' (Fortsetzung folgt.) Literarischer Wericht. „lieber die Beziehung des Talmuds zum Judenthum und zu der sozialen Stellung seiner Bekenner" von Samson Raphael Hirsch, Rabbiner der isr. Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M. Frankfurt a. M. 1884. I. Kauffmann. 8. Mit der Klarheit und Geistesschärfe, die wir an dem Verfasser gewohnt sind, tritt derselbe für den in neuerer Zeit oft geschmähten Talmud ein. Die Böswilligkeit, die es versucht hat, in den wissenschaftlichen Mantel sich einznhüllen und in Verbindung mit der Lüge, den Talmud für Vergehen einzelner Juden verantwortlich zu machen, indem man das Verbrechen eines Einzelnen verallgemeinerte und es zu einem durch den Einfluß des Talmud angeborenen Rationalverbrechen, zu einer „Eigentümlichkeit der Race" stempelte, ist durch die vorliegende Schrift als das, was sie ist, als Lüge und Bosheit entlarvt. Indem der Vcrf. zuerst in kurzen Umriffen das Wese» des Talmud erklärt, weist er nach, daß das welthistorische .Judenthum nur auf dem Boden des Talmud denkbar ist, ja daß sogar die Christenheit, indem sie die Bibel als heiliges Buch ausgenommen, damit, ohne es zu wipen, auf dem Boden des Talmud stcht, da ja Versabtheilnng und Vocalisation der Worte schon den wesentlichsten Theil der Ueberlieferung bilden. Dann geht der Vers, auf den wohlthätigen Einfluß über, den die Lehren des Talmud auf Gesittung und Geistesbildung geübt, weist nach, daß es der Talmud gewesen, der alle die Tugenden, welche selbst die Judenfeinde an Israel bewundern, in diesem Volke großgezogenhat, daß es der Talmud gewesen, welcher in den Juden kein Proletariat hat aufkommen lassen, so daß sie, als ihnen die Morgenröthe der Freiheit schien, unvermittelt aus dem geknechteten Zustande als würdige Mitarbeiter an den großen Aufgaben der Zeit in die Reihen der übrigen Menschheit eintreten konnten. Was der Talmud über Rechtlichkeit, Werthfchätzung der geistigen Arbeit, Werth des Handwerks und des Ackerbaues, Menschenwürde, Heiligkeit der Ehe nnd des Familienlebens, Liebesthätkgkeit n. s. w. lehrt, alles dies stellt der Verf. an der Hand wörtlicher Eitate iu systematischer Uebersichtlichkeit zusammen, und mit Vorliebe hat er solche Eitate gewühlt, „die