Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 27 (3.4.1884)
- Date
- 1884-04-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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475 sich nunmehr an die betreffende Staatsbehörde Tie Entscheidung lief; 6—.8 Wochen auf sich warten, unterdessen aber wurde im Städtchen tüchtig gewühlt, so daß sich bei der, christlichen Bürgerschaft eine große Aufregung gegen den »Indenlehrer" bemerklich machte. Dieser harre auch zugleich das Schächteramt zu versehen und hatte deshalb bei seinem jedesmaligen Gange nach G. unter! seinem Nocke verborgen ein großes SchLchtermeffer bei sich. Als er eines Nachmittags wieder dorthin kam und die Treppe hinanftam, welche zu dein im zweiten Stocke befindlichen Schnlzimmer führte, standen 5-6christl.Ortsbürger, seiner wartend, vor der noch verschloncueu Schulstube und droheten, ihn jetzt tüchtig durchprügcln zu wollen, weil er die jüdischen Kinder adhalte, die christliche Religion kennen zu lernen. -Lic Hallen es aber mit keinem Feiglinge zu thnn. Der junge Alaun hatte, trotz seiner Jugend, doch das Herzauf. dem richtigen Flecken. Langsam die Treppe weiter emporsteigendsagte er: „Ta werdet Ihr . aber eine große Heldemhat aussühren, wenn Ihr 5—t! Mann stark, einen Judenlehrer durchhaut. Das wird Euch weder Ehre, noch Bortheil bringen." So sprechend, suchte er, oben angelangt, an ihnen vorüber zu kommen. Als dieses glücklich gelungen war, eilte er in eine Ecke, wo sein Rücken gedeckt war, zog das Schlachtmcffer heraus und rief ihnen zu: „Jetzt kommt, wenn Ihr Courage habt! Der Erste, der mir naht, dem spalte ich den Kopf mit diesem Messer:" Das machte die Leute stutzig und brachte, sie'zur Besinnung. „Es ist -wahr", sagten sie zu einander, „was geht uns denn diese Geschichte au!" Sie wendeten sich zu gehen und lachteil selbst über ihr unsinniges Vornehmen. In diesem Augenblicke aber stürmte eine der isr. Frauen des Ortes die Treppe herauf, den sich zum Fortgehen Wendenden znrufend: „Ganz recht habt Ihr, wenn Ihr den Lehrer durchhauen wollt! Was geht ihn die Sache an? Die Bücher gehören uns! Wir haben sic für unser Geld gekauft! u. s. w. Ter Lehrer steckte das Messer cm und, kühn mitten unter die Leute tretend, faßte er die Frau und warf sie die Treppe hinunter, und die tapfer» Bürger trollten lachend hinterdrein. Dieser Ausgang hatte die Stimmung im Orte bedeutend abgekühlt, so daß dem Lehrer weiter keine Unbill widerfuhr. Rach einigen Wochen erschien im staatlichen Gesetzblatte eine Berfügung, welche es den Schulinspektoren und Lehrern auf's schärfste in Erinnerung brachte, daß die israelitischen Kinder, welche christliche Schulen besuchen, vom christlichen Religionsunterrichte auszuschließen seien. Der Pfarrer in G. soll außerdem einen scharfen Verweis erhalten haben. Da G. eine sehr geschäftsgnnstige Lage hat und eine Eisenbahnstation geworden ist, so sind nach Proklamirnng der Freizügigkeit mehrere brave jüdische Familien von auswärts dorthin gezogen, was der dortigen Gemeinde nach und nach eine ganz andere Physiognomie verliehen hat. In einigen größer» Gemeinden Mitteldeutschlands bringen seit einiger Zeit religiöse Interessen die Geister in etwas lebhaftere Bewegung. In Cassel wird die Wahl eines Landrabbiners vorbereitet. Betreffs dieser Stelle muß indessen bemerkt werden, daß der Titel „Landrabbiner"..für dieselbe nur ein nomineller ist. Dem Inhaber steht außer dem Vorsitze beim Landrabbinate keine Machtbefugnis; zu, welche über die Grenzen der ehemaligen Provinz N i e d e r h es s e n hinaus ginge. In E i s euach ist der Ban einer Synagoge nach dem Muster der Meininger endlich in Angriff genommen, und taucht dort jetzt die Orgclfrage auf. In E rfnr t," wo der Bau einer neuen Synagoge bereits weit vorgeschritten ist, hat diese Frage ^chon viel Staub aufgewirbelt. In Thüringen, wo bis vor Kurzem der Antisemitismus. nicht gedeihen wollte, machen sich jetzt judcnfeindlichc Regungen bemerklich, welche hier und da den gesellschaftlichen Verkehr trüben. Der Pestcharakrer des Antisemitismus nimmt jetzt mehr die ' Form eines schleichenden Fiebers an. Die naturgemäße Erscheinung bei einer jeden im Hinschwinden begriffenen Pest! Thürrgeir bei Würzburg. Am verflossenen r.'-D» '£?. p'.'p wurde dahier ein Fest begangen, welches sich zu einem so herrlichen gestaltete, daß es verdient auch in weiteren Kreisen bekannt zn werden. Die Chcvra rischnoh ließ durch Anregung des Herrn Lehrer Eschwege eine C'^oy mm idd schreiben, die an erwähntem p"v in folgender Weise ihrem heiligen Zwecke übergeben wurde. Am Freitag Abend gegen Uhr versammelten sich die zn dieser Feier cingetrofsenen Gäste in einem herrlich derorirtcn Saale und wurden dort von Herrn Lehrer Eschwege aufs Herzlichste begrüßt. An die letzte.iZVQ von nvjyn anknüpsend. wies derselbe darauf hin, daß bei jeglicher Gesetzerfüllung ein gc-' wisser Grad von Freude uns beseelen soll, wie auch alle Freude stets in den Grenzen des Gesetzes sich bewegen muß. Möge die Gesetzcssrende des morgigen Tages sich zu einem wahren Schmucke, zn einer echten moy für unsre mm gestalten, von der cS heißt '-oi vir di’!q3, indem bei jedem Festtheilnehmer das yctaji n^yj auf's neue gelobt werde, wie damals am flammenden wo von unsren Ahnen. Später vereinigten sich dann die verschiedenen hiesigen Chevros in dem Zimmer, woselbst das neue