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Der Israelit · 1884-03-31 · Heft 26 (31.3.1884) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 26 (31.3.1884)
Date
1884-03-31
Page
– (sequence 7)
Language
German
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457 — Nein! Für mich gibt es ebensowenig eine Rückkehr, wie es für Acher eine gegeben. Und hatte selbst er doch keinen Vatermord begangen! Aber das Muttermal am rechten Ohr des Rabbiners? — Nun muß denn ein jeder, der ein solches Merkmal an sich trägt, mein Bruder sein? — Aber wie lächerlich! — Was ist nur heute mit mir vorgegangcn, daß ich plötzlich so gefühlvoll gestimmt und die Vorsätze, die mein zum Eis erstarrtes Herz gefaßt, vorwerfen? — Fanden mich bisher diese Gewiffensqualen, diese Schatten einer längst begangenen Schuld nicht unerschütterlich? Vermochten sie mit ihrer Anklage nur eine Fingerbreite von den fcstwurzelnden Wünschen abzuringen? Warum bin ich heute nur wankelmüthig geworden? — Die Schwärmerei des jungen Mannes, der ebenfalls den Namen meiner Familie führt, scheint mich sentimental gestimmt zu haben, — weiter nichts! — Nein, für mich gibt cs keine Rückkehr mehr! — Freilich wäre cs bester, wenn ich niemals diesen Pfad betreten und niemals mit dem Judenthume gebrochen, da es aber einmal geschehen ist, vorwärts denn! Versuchen wir es mit der Religion, die mir keine Hinderniste mehr in den Weg legt, Karriere zu machen, die höchste Stufe des Beamten-Lebens zu erreichen. Vielleicht gewährt mir die Erfüllung meiner Jugendträume die R^he und den Frieden, wonach ich bisher vergeblich gerungen! — Mein Vater selbst lehrte mich ja, daß die Frevler selbst vor den Pforten.des Gehinom keine Reue empfinden. Wohlan! sein Mörder soll die Nichtigkeit dieser Lehre beweisen! Darum nicht zurück, sondern vor..... ¥ „Halte ein! halte ein! Das thust Du nicht, lieber Salomon!" rief ich aus, indem ich auf ihn zutrat und ihn am Arm ergriff. — „Das thust Du nicht! Bei Gott nicht, der Dir gnädig und huldvoll sein wird! Schau' mich nicht mit so sprachlosem Entsetzen an," fuhr ich fort, als er bei ^meinen Worten, wie unter tödtlichem Streiche zusammenzuckte und geisterhaft bleich einer Stütze bedürftig, sich an den Baum festklammerte. — „Siehe, Dein Bruder Max .... .!" „Sie belieben zu scherzen, mein Herr!" — entgegnete er, mich unterbrechend, während er sich aufrichtcte und mich mit finstern nnd kalten, beinahe drohenden Blicken ansah. „Nein, bei Gott nein! — Ich bin ja Dein Max, Max Stein — — der Rabbiner, Dein -:—- —!" stieß ich mit beinahe zugeschnürler Kehle hervor. Ein kalter Strahl aus seinen dunklen. Angen traf mich. „Den habe ich nicht die Ehre zu kennen!" unterbrach er mich zum zweiten Mal und verbeugte sich mit kühler Vornehmheit. „Adieu, mein Herr!" — und fort war er. 11. Capitel. Di e W ach l. \ „Ah!" seufzte ich tief auf, nnd ein Thränensirom der tiefsten Wehmuth erlösten mein geprüftes He--z aus seiner Erstarrung. .,Du hast Deinen starren Sinn noch nicht geändert. Unglückseliger! Nicht vermochten die Gcwisscnsqualen die wogende Fluth Deiner ehrgeizigen Bestrebungen zu verdrängen, die Deinen sonst frischen Geist nmnachteten und eine Scheidewand zwischen Dir und Deinen nächsten Verwandten ausgeführt! — Das Schuldbewußtfein, das sich tobend in Deinem Herzen zu regen beginnt, ist noch zu schwach, um mit Deiner Eitelkeit und Sucht nach Ehren den Kampf aufzunehmen! — Nun gut — mißrathener Sohn und schlechter Bruder! — Sie werden nicht aufhören, die Schwächen und Selbstdünkel, Dich Deinem Unheile und Verderben entgegenzuführen; aber auch dieser Herold Gottes — der nagende Schmerz Deines Gewissens — wird nicht unthätig bleiben! — Er wird nicht eher ruhen und > rasten, bis der Sturm Deiner Begierden sich gelegt und die Gewalt Deiner Selbsttäuschung gebrochen; ist! — Er wird das Spinngewebe der Selbsttäuschung von Deinen Augen reißen und die ganze Tragweite Deiner Schuld Dir vor die Seele führen! — Ob es aber dann noch nicht zu spät ist, die dunkeln Schatten der Nacht, die Dich umgeben, zu durchbrechen — nnd ob Deine Seele durch Neue und aufrichtige Rückkehr den Frieden finden, wird, das weiß nur Gott allein, der den Sündern den Weg zu seiner Güte und Liebe durch Buße gebahnt. Ach, verleugnet hast Du den Bruder in dem Augenblicke, in welchem Du Dich selbst des Vatermordes beschuldigt hast! — Sentimentalität nanntest Du die edleren Regungen Deines Herzens? Empfand Dein bethörtes Gemüth nicht, daß es die Macht der Bruderliebe war, welche diese Bewegung in Deinem Innern hervorgerufen? — Ja, armer und unglücklicher und irregeleiteter Bruder, Du fühltest nicht, daß das Bruderherz Dir das zu bringen im Stande war, was Du nicht besitzest — den Frieden. Gewiß! — den Frieden, wonach Deine Seele ringt und den Segen, welchen die bleichen Lippen des sterbenden Vaters aussprachen!" „Sie scheinen hier eine Predigt auszüarbeiten, bester Doctor!" — ertönte Rathansohn's Stimme hinter mir — „Na, der Platz ist nicht übel gewählt. In solcher-reizenden Umgebung läßt sich schon gut und ungestört denken. Schön war cs indeß von Ihnen nicht, mich Sie überall suchen zu lassen! — Haben Sie denn unsere Verabredung vergeffen? — Wir wollten doch Besuche machen? —"

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