Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1884-03-31 · Heft 26 (31.3.1884) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 26 (31.3.1884)
Date
1884-03-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2449406-2449433--19888-2509393
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

452 weise über seine eigene Nasse nach eigener Anschauung, oder auch nach Anschauung von Sachkennern aus der Mitte seiner Stammesgenossen nrtheiken sollen, und nicht nach der elenden' Rohling'schen Wiederkäuerei des längst verwesten Eisenmengerischen Breies. Bor Allem wollen wir Verwahrung dagegen einlcgcn, daß die Juden irgend welche cigcnthümliche Eultur und Eulturformcn haben, oder je hatten, die jetzt mumienartig aussehen. Ein spezifisches Culturvolk waren die Juden nie; sie pflegten vielmehr die herrschende Eultur ihrer Umgebung. Aber ein im höchsten Grade civilisatorischcs Element bildeten sie immer. Ihre Civilisation ist trotz ihres Alters von 4000 Jahren, weit entfernt veraltet zu sein. — Denn Sittlichkeit, Sittenlehre altert nie. — So manches Schöne und Erhabene ist in derselben niedergelegt, das bis heute zu Tage noch vergebens wartet, Gemeingut der civilisirten Welt zu werden. 'Ich will sicherlich nicht dem Vers. Vorträge über Völkerpsychologie halten, aber zur Beleuchtung der Leistungen der Indem in der. Völkergesellschaft muß ich auf Folgendes aufmerksam machen: Die Schöpfungen des menschlichen Geistes auf den Gebieten der Eultur, Kunst und Civilisation, entsprechen den drei Kräften desselben, dem Verstände (sämmt der Vernunft), der Einbildungskraft und jenem unbestimmten-Gefühle, das wir sittliches Bewußtsein, Gemütd oder vulgär Herz nennen. Wenn auch diese Kräfte nie abgesondert wirken, so hat nichtsdestoweniger jede ihren bestimmten Wirkungskreis. Die Resultate der Eultur wie Wissenschaft, Erfindung,^ gehören ins Bereich des- Verstandes, die Erzeugniste der Kunst, wie Malerei, Bildhauerei, Baukunst, Poesie bilden den Wirkungskreis der Phantasie, Schöpfungen und Werke der Sittlichkeit, der Menschenliebe entspringen aus jenem unbestimmten Gefühle, dem sittlichen Bewußtsein und religiösen Sinn. Zur Entwickelung der Eultur unter allen Culturnationcn des Alterthnms und der Reuzeit, haben. die Juden riesenhaft beigetragen. Jüdische Namen glänzen in allen Wissenschaften, in allen Cultursprachen, jüdische Geister wirkten mit bei allen Cultnrwerkcn. Der Boden für Kunst war bei den Juden nicht vorhanden. Der fruchtbare Boden für dieselbe ist der Polytheismus mit seinen Tempeln und Bildern. Aber in der Poesie haben die Propheten und Psalmisten, in sofern sie blos eine einzige Gottheit zu besingen hatten, ihr Mögliches geleistet. Wir hätten gewünscht, der Vers, hätte der Entwickelung des sittlichen Bewußtseins der Völker aus diesem Rasienkampfc ein Kapitel gewidmet. Er wäre gewiß gezwungen gewesen, sich mit den Juden eingehender zu beschäftigen, und ihnen nolens dolens Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Von der Religion behauptet er — im Gegentheil von manchen Materialisten, nach denen der Glaube ein Pfaffenschwindel wäre — sie beruhe auf einem der menschlichen Natur innewohnenden Hang zum Glauben an überirdische' Mächte. Dieser sittlich-religiöse und religiös-sittliche Geist, der in diesen überlebten Cnlturreformen herrscht, ist es, der jene mumicnartigc Nationalität der Art belebt, daß sie 4000 Jahre den mächtigsten Zerstörungsclementen Trotz bieten kann. Hier liegt die eiserne Scheidewand, die die Juden von andern Nationen scheidet. Die heidnischpolytheistischen Anschauungen lassen sich verschmelzen. Wer zehn Göttern huldigt, wird leicht auch szwanzig und mehr huldigen. Die monotheistische Anschauung hingegen, die absolute Einheit läßt weder ein Plus noch ein Minus zu. Man pflegt uns die Ideale evangelischer Selbstverleugnung, wre die freiwillige Armuth, das Ohrfeigengesetz der Bergpredigt rc., als einen Fortschritt gegenüber der jüdischen auf strenger Rechtlichkeit begründeten Sittenlehre vorznhalten. Wir wollen den Hunderten Millionen Anhängern dieser Grundsätze keinen Vorwurf daraus machen, daß kein einziger von ihnen seine Lebensweise darnach richtet, daß. diese Ideale von vornherein der menschlichen Natur, selbst nach den sozialen Gesetzen des Verfassers, widersprechen.' Aber wir können nicht begreifen, wie die Bekenner der Religion, an die uns der Verf. stillschweigend hinweist, auf Grundlage dieser Ideale so viel Raub und Mord, so viel Jammer an uns Jude» sich haben erlauben könnend Diese Ideale können freilich nie mumienartig vertrocknen, weil sie . nie lebensfähig waren, und nie gelebt haben. Nicht die mumienartige Nationalität der Inden hält ihre überlebten Cultnrsormen aufrecht, sondern umgekehrt, die ewigw.ahren, nie alternden civilisatorischen Prinzipien des jüdischen Sch riftth um s v e rleih e n d e m l e b e nsk räst igen, nngeschwächten jüdischen Stamme seinen Halt, der ihn vor innerer Fäulniß b-e w ah r t, v o r. änß e r n. Stür men sch ützt. Der Verf. scheint auch polnische Schriftsteller zu kennen, da er. den Szainocha (szkice historyczne) erwähnt. Ich will daher zur Unterstützung meiner Ansicht auch einige Schriftsteller der polnischen Nation, der wir beide angehören, anführen. In feiner gediegenen Schrift über das Entstehen der moralischen Gesetze gelangt der Prof. Swixtochowski zur Ueberzeugung, daß das sittliche Gefühl, als solches, dem Menschen nicht angeboren sei, sondern die Anlage, sittlich zu denken, ist erblich, wie die Anlage zu Kunst und Wissenschaft, welche durch Beispcile und Gelegenheit zur Ausbildung gelangt. Wie diese Anlage bei andern Völkern ursprünglich entstanden ist, gehört nicht zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.