Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 25 (27.3.1884)
- Date
- 1884-03-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Jahrgang. Erste Beilage zu Rr. 25 -es Israelit. Leitende Artikel. Die Märtyrer des Ueustettiner Mozeffes. D'.e erste leidenschaftliche Aufwallung gegenüber dem Lug- und Truggewebe von Neustet.in ist vorüber und nicht ohne tiefe Rührung, aber gefaßt erfahren wir heute, daß den so lange Verfolgten aus allen Weltgegenden Glückwünsche von christlicher wie jüdischer Seite Zuströmen, hat doch der alte 74jährige Heidemann eine Gratulationskarte aus Bayern von der Familie Scharf erhalten, von den Märtyrern des Tisza - Cszlar Prozesses. Alle Familienglieder hatten unterschrieben, mit Ausnahme von Moritz Scharf, deffen Aussage dort uns an manchen Zeugen hier in unserer vaterländischen Prozeßtragödie gemahnt. Beschämung erfaßt dabei unser patriotisches Gefühl und wirschen ein, daß dieJudenhcitAlles daran sehen muß, die Opfer, welche der brutale Antisemitismus ihm entreißen wollte, weithin und glanzvoll moralisch und materiell zu rehabilitiren. Bei den Heide mann's bedarf es nur der herzlichen Aufrichtung; schrieb doch selbst ein evangelischer Pastor ihnen einige Worte, des Trostes, — ein Ehrendenkmal errichten auch wir uns, wenn wir jetzt die so lange Verfolgten ehren. Rentier Hirsch Heidemann, dessen Brustbild Sie in Ihrer vorjüngsten Nummer brachten, ist geboren am 13. April 1810 tu Kratzen bei Tempelburg, er ist Wwr. und lebt seit 35 Jahren in Neustcttin. Es war vor den dunkeln Tagen des Prozesses und nachher stets sein Stolz, zu erzählen, wie ihm einst, als er als Zeuge vor Gericht gestanden, Präsident und Staatsanwalt bekundet, der Heidcmann ist im ganzen Kreise als braver Mann bekannt Als Mordbrenner wurde dieser Mann verklagt, der nur einmal und'in der dortigen, von ihm so gern geschilderten Weise mit den Gerichten zu thun hatte. Heidemann's 3 Söhne sind wohlhabend und als Ehrenmänner in ihren Kreisen bekannt. War der alte Heidemann, der etwas jüdische Bildung besitzt, der jovial und voller Laune seinen Lebendsabend begann, durch das Bubenstück gebrochen, so verließ den Mitangeklagten Sohn, Gustav Heidemann, während der ganzen Dauer des Prozesses die Ruhe nicht. Gustav H. ist geboren am 11. März 1843 zu Tempelburg, verheirathet und Vater von 6 Kindern. Ihn, der bei Freund und Feind geachtet war, hat als einen Phlegmatiker im besten und strengsten Sinne des Wortes, nichts aus der Ruhe bringen können, er war gefaßt und zeigte selbst gute Laune. Nur einmal leuchtete bei dem gutmiithigkn und sonst so heiteren Väter ein Stück des alten Hnmors durch, als. ihn nämlich der Präsident in Könitz nach dem Gange neben der Synagoge fragte, ob da ein Mensch hindurch gehen könne, da fiel dem auf der Anklagebank sitzenden 74jährigen Greis, der auf einen solchen Durchgang sich nicht besinnen kann, ein: Da könne kaum ein kleiner Hund sich durchdrängen, wobei er das „klein" besonders betonte. Machten schon in Allem und Jedem die Angeklagten einen günstigeren Eindruck als die in Könitz vorgeführten Belastungszeugen, welche nach ihrem ganzen Beträgen der Hese der Gesellschaft zugehören, so traten Heidcma: n's auf den ersten Blick noch in einer Weise hervor, die wir kurz und altjüdisch nur als bckowcd desiniren wollen. Von dem Ncustettincr Synagogenvorstand sei Einiges mitgetheilt zur Illustration der Stöcker'schen Rede in dieser Angelegenheit. Herr Löwe, der die : ganze Last der Anklage und der moralischen Verantwortung neben dem Rabbinner Dr. Hoffmann mitgetragen, ist seit 24 Jahren in der Verwaltung, ein anerkannter Ehrenmann und — „nie bestraft". Herr Freundlich ferner wohnt seit 22 Jahren in Ncnstettin, hat während dieser Zeit sich nichts zu Schulden kommen lassen und steht in allgemeiner Achtung. Der Dritte, Herr Rosenberg, dessen Sohn als 5k. Regierungsbaumcister fungirt und namentlich gegen die antisemitischen Exccsse in die Schranken trat, wurde vor 6 Jahren zu einer Geldstrafe vcrurtheilt, ohne daß eine gravirende Ehrenverletzung in dieser Affaire irgendwie gefunden werden kann. M. F. Literarischer Bericht. (Schluß.) Lehrbuch der neuhebraischeu Sprache und Lileratnr von Herm. L. Strack , und Carl Siegfried. I. Grammatik der neuhebraischeu Sprache von Earl Siegfried. II. Abriß der neuhebraischeu Literatur von Herm. L. Strack. Karlsruhe und Leipzig. H. Reuther 1884. 132 und XII S. S. 36 werden Worte angeführt, die im Renhebräischen ihre biblische Bedeutung ändern, z. B.