Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 25 (27.3.1884)
- Date
- 1884-03-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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435 Berlin- Im Anfänge dieses Jahrhunderts — noch vor der französischen Invasion — hielt Köllig Friedrich Wilhelm III. in der Nähe von Stargard in Pommern eine Truppen-Revue ab, welcher seine Gemahlin, die Königin Luise, in einem Wagen sitzend beiwohnte. Während der Revue entsteht plötzlich ein Tumult; ein junges Weib mit einem kleinen Knaben auf dem Arm, eine Bittschrift in der Hand haltend, drängt sich durch die Soldatenreihcn, um zum Wagen der Königin zu gelangen. Die Soldaten wollen der Frau den Weg versperren, sie aber dringt muthig vorwärts, indem sie dabei einige Soldaten mit bei Seite schiebt. Die Königin Luise, auf diese ungewöhnliche Scene aufmerksam geworden, winkt den Soldaten, welche nunmehr die Mutter mit dem Kinde ungehindert zu Ihrer Majestät gelangen lassen. Letztere empfängt in der huldreichsten Weise die Bittschrift und bemerkt dabei, daß das Kind, welches die Frau auf dem Arme trägt, am Halse unverhüllt ist. Die Königin nimmt deshalb ein großes seidenes Tuch von ihren Schultern und bindet dasselbe zum Schutze gegen den rauhen Wind eigenhändig um den Hals des Kindes, wobei sie demselben noch einige liebreiche Worte sagt. Dankerfüllt entfernt sich die beglückte Mutter, welche auch kurze Zeit darauf die in dem überreichten Gnadengesuch ihres Ehemannes ausgesprochene Bitte erfüllisieht. Das gedachte Tuch der Königin Luise ist in dieser Familie (Hirsch Levin Borustein und seine Ehefrau Jente geborne Eibeschütz), welche später nach Berlin übersiedelte und hier eine sehr geachtete Stellung einnahm, stets als eine heilige Reliquie aufbcwahrt worden. Jener kleine Knabe Jsaac Bernstein (so schrieb er später seinen Familiennamen) erwarb sich spater noch als zarter Jüngling , in den Freiheitskriegen bei den schwarzen Husaren das eiserne Kreuz; derselbe starb im Anfang der 50er Jahre als Kaufmann zu Brandenburg a. H. Das gedachte Tuch der Königin ist zuletzt im Besitz seiner Schwester, der Hierselbst in der jüdischen Alterversorgüngsanstalt in der großen Homburgerstraße im Dezember vorigen Jahres verstorbenen Fräuleins Henriette Vornstein gewesen. Da die gedachte Anstalt nach ihren Statuten und auch gesetzlich Erbin des Fräuleins Bornstein geworden ist, so wird sich dieses Tuch, falls die Erblasserin bei ihren Lebzeiten dort über den Ursprung desselben etwas hat verlauten lassen, vielleicht noch auffinden lassen. Jedenfalls wäre es zu bedauern, wenn dieses Tuch, ein erhebendes Andenken an die Herzensgüte der edlen Königin, nicht mehr aufzufinden fein sollte. . Skrrrez (Westpreußen), 23. März. Wir befinden nns hier in großer Aufregung in Folge von Verhaftungen, die auf, wie man sagt, ganz geringe und unscheinbare Judicien hin vorgenounnen worden sind. Bald nach der Ermordung des Cybula hatte Jemand behauptet, ihn in der Nähe des Hauses des; Herrn Boß hier gesehen zu haben. In Folge dessen.. ' wurden dort Haussuchungen vorgenommen. Es ', wurde altes Packleinen mit Blutspuren vorgefunden; diese rührten von Fleischverpackungen her; auch im Stalle waren Blutspurcn, da Herr Boß nicht lange ' zuvor ein Rind hatte schlachten lassen. Gestern nun,! nach länger als zwei Monaten, wurden der alte j Boß, ein 74jähriger Greis, und sein Sohn verhaftet - und nach Pr. Stargard fortgeführt. - Das kam so. j Die Tochter des alten Boß gab ein Kleid einer! Schneiderin zum Aendern, und diese, will in'dem-..; selben blutige Flecken gefunden haben und machte! davon Anzeige. Das Mädchcn war zur Zeit,! der Mordthat gar nicht in Skurcz. Sie hat! zu Hause die Wirthschast geführt und häufig mit Fleisch zu thun gehabt. Ferner hat sie in Kulm ihre erkrankte Schwester, die ein falsches Wochenbett/ gehabt, in diesem Kleide bedient, was die dortige Hebamme bezeugen kann. — Gestern Abend kam eine Depesche, daß in Folge der von der Schneiderin gemachten Anzeige die beiden Männer zu verhaften seien. Die Aufregung hier ist schrecklich. Die bei- , den Boß erfreuen sich des besten Rufes und waren I stets sehr wohlthätig gegen Arme und Bedrängte. Es wäre sehr zu wünschen, daß die Negierung einen Geheim-Detcctive hkerherfenden möchte, der,' von Vorurtheilcn frei, die Angelegenheit untersuchen und die Urheber des.. schrecklichen Verbrechens uns Licht ziehe. — Möge der allgiMge. Gott die Augen der Richter und Untersuchuugsbcamtcn erleuchten, damit endlich Licht in. das Dunkel komme! — : Oesterr.-Uugar. Monarchie. Wien. Eine röm. Katholikin ist vor mehreren Jahren in Wien zum Judcnthum übertreten und hat sich hier mit einem Israeliten verehelicht. Die aus diesem Bündniß entsprossenen zwei Kinder wurden im Bürgermeisteramte als konfessionslos angemeldet, aber sofort nach dem früheren Glauben ihrer Mutter als uneheliche Kinder in einer röm. kath. Pfarre immatrikulirt. Gestern starb die Frau, welche nun mit Intervention des Bürgermeisters nach katholischem Ritus beerdigt wird, da deren Beerdigung von der isr. Eultusgemeinde unter Berufung auf das Gesetz verweigert werden mußte. PreßburH, im Scbebat. In letzterer Zeit' war unsere Jcschiba häufig der Gegenstand einer Kritik gewesen; bei welcher Gelegenheit natürlich nur Mängel derselben zur Sprache kamen. Umsomehr freut es mich, Ihren geehrten Lesern auch etwas Erfreuliches von ihr mittheilen zu können.