Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 24 (24.3.1884)
- Date
- 1884-03-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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/ 425 Pesth. Einer der berühmtestm Staatsmänner Ungarns,- Herrn Balthasar von Honvath, der erste Justizminister nach der Wiederherstellung der ungarischen Konstitution, hat bereits wiederholt seiner judcnfreundlichcn Gesinnung vor dem ganzen Lande kräftigen Ausdruck gegeben. Herr Balthasar Honvath ist Ncichstagsdcputirter für die StadtSteinamangar. Während nun fast alle Dcputirten zittern, daß sie bei den bevorstehenden Reichstagswahlen durchfalleu könnten, und die äußerst Linke hat aus diesen! Grunde bekanntlich sogar ein halb antisemitisches Programm veröffentlicht, so befindet sich disbezüglich der gefeierte Staatsmann Balthasar Horwach in sehr günstiger Lage. Sein Wahlbezirk Steinamangar richtete nämlich dieser. Tage an ihn ein förmliches Ansuchen, daß er auch für das nächste Parlament der Deputirte des Steinamangarer-Wahlbtzirkcs bleiben uiöge. Ein solches Ansuchen hat bis jetzt nicht einmal der Ministerpräsident Tißa erhalten. Bekanntlich haben sich aber im Verlaufe dieses Jahres eben die Bürger Steinaniangars durch ihre antisemitischen Umtriebe sehr entehrt. Und was that nun Balthasar Horwath? Er hat das Ansuchen her Wähler des Steinamangarer-Wahlbezirkes, weil sie sich als Antisemiten gezeigt, entschieden zurückgcwiefen, da es sich mit seinem Gewissen nicht vertragt, der Vertreter solch frciheitsfcindlicher Menschen im Reichstage zu sein! In seinem abweisendem Antwortsschreiben an den Steinamangarer-Wahlbezirk sagt der edelmüthige freiheits- und judenfreündliche Staatsmann unter anderm wie folgt: Ich muß Ihren Antrag, daß ich auch im nächsten Reichstage Ihr Deputirter bleiben möge, dankend ablchnen und ich muß dies aus folgendem Grunde thun: Schon im Jahre 1848 war ich Deputirter der Stadt Steinamanger. Das ist ein altes, starkes Band, das mich an die Stadt knüpft. Aber es gibt noch ein viel stärkeres Band, vermöge dessen ich mich zu Steinamanger hingezogen fühle. Ich bin nämlich in Steinamanger geboren und erlogen, die schönsten Tage meines öffentlichen und meines Familienlebens habe ich anJhrer Seite zugebracht. Meine treuesten Verwandten ruhen im Friedhöfe zu Steinamanger. -Sie werden nach all dem euffeheu,. daß zwischen mir und den..Bürgern meiner Vaterstadt ein tief inniges, bürgerliches Verhaltniß sich heraüsgebildet;. doch in dem Augcnbücke, als sich in Steinamanger eine wilde Parteileidenschaft «Hob, mußte dieses brüderliche Verhältniß abgebrochen worden. Während meines ganzen Lebens kämpfte ich für die Idee der Freiheit und brüderlichen Gleichheit unter den Konfessionen. Und nun kommen die Bürger von Steinamanger, welche im Jahre 1848 für den Gedanken der Freiheit die größte Begeisterung zeigten, und begannen einen BermchümMampf gegen ihre jüdischen Mitbürger, welche doch im Jahre 1848 für die Freiheit des Vaterlandes eben so gut ihr Blut opferten, wie die übrigen Bürger! Sie haben vergessen, daß wenn sie den Boden der Gleichstellung der Juden erschüttern, auch sie selbst bald in den Abgrund sinken müssen! . Nein! solche Bürger kann ich weiter nicht vertreten. Da müßte ich ja meine ganze Vergangenheit, meine ganze Persönlichkeit, meine ganze Ueberzeugung von Freiheit und Gleichheit verleugnen. Ich würde wohl von jedem Wahlbezirke des Landes die Wahl dankend annehmen; nur von einem Wahlbezirk mag ich nicht mehr wissen — und dieser ist der von Steinamanger! Ich muß mich leider von meiner heißgeliebten Vaterstadt lossagen, weil die dortigen Wahlbürger durch den schmählichsten Juden-" haß zwischen mir und sich eine ewige Scheidewand ausgestellt haben. Pesth, 17. März. Die Stadt Czegled, deren Abgeordneter trotz Allem, was in letzter Heit vorgefallen, noch immer Julius Berhovay ist, war heute der Schauplatz sehr bedauerlicher Exceffe. Auf eine schriftliche, vom Bürgermeister gefertigte Einladung der dortigen Stadtbehörde hatten sich gestern Abends drei Abgeordnete, Otto Hermann, Paul Hoitsy und Karl Horvoth dahin begeben, um an der Märzfeier, welche in Ezegeled besonders festlich begangen wird, theilzunehmen. Als Julius Verhovay davon hörte, eilte auch er in Gesellschaft des Abgeordneten Georg Szell und einiger Anderer nach Czegled. Bei Ankunft auf dem Bahnhofe wurde Julius Berhovay von einer Menge mit Fackeln und Musik, die übrigen Abgeordneten aber unt den Rufen: „Nieder mit den jüdischen Schächtern" empfangen. Während der ganzen Nacht haranguirte man die Bewohner und verbreitete die Version, jene Abgeordneten seien gekommen, um Verhovay, der doch so unschuldig verfolgt werde, auch vor seine» Wählern anzuschärzen. In Folge dessen bemächtigte sick) der ganzen Stadt eine fieberhafte Aufregung. Mit dem heutigen Morgenzuge traf auch Abgeordneter Gabriel Ugron ein, dervon: Bürgermeister enipfangen wurde. Gegen 8 Uhr Morgens sormirte sich der Festzug von dem Stadthause zur Kirche, in oer Verhovay mit seinen Leuten schon anwesend war. Von der Kirche sollte der Ing sich auf den Kossuthplatz begeben, wo eine Tribüne für Redner errichtet war. Verhovay verließ auch als Erster die Kirche, ihm folgte eine Rottel von Schreiern, die fortwährend Hetzlieder gegen Juden rc. sangen. Als nun der Zug, an dessen Spitze sich der gesaminte Magistrat und die aus Pest eiugetroffeneu Abgeordneten befanden, auf den Kossuthplatz sich begeben wollte, gaben die Anhänger Verhovay's ein Zelchen, worauf uuter ungeheurem Lärm ein allgemeines Handge-