Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 24 (24.3.1884)
- Date
- 1884-03-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sühne mehr gibt? — Die Milde seines Urtheils hätte mich fern gehalten bei der Verlciterin und Verführerin meiner Jugend Trost und Hoffnung zu suchen! — Aber nein, nein! — Meinen Vater trifft keine Schuld! Seine Handlung war ohne Fehl! — ja ganz makellos! Hübe ich nicht alle seine Hoffnungen durch mein schmähliches Vergehen zertrümmert? — War ich es nicht, der mit einem Schlage seine Freude und seinen edlen Stolz vernichtete? — Hatte er nicht.zu befürchten, daß mein Leben auch die Sitten seiner übrigen Kinder. verderben könnte? — Ja Du nur Du hast Dein eigenes Lebensglück zerstört und Dein Dasein verpestet! — Du — ja Du selbst hast Dein Herz befleckt, Dein Gewissen belastet und den Frieden Deiner Seele verbannt. O! und wie sehne ich mich nach dem Frieden, nach der Ruhe? Wann wird diesen mein zerfleischtes Herz auch finden? - Nicht der Verlust des heuchlerischen Weibes ist es, welches meine Ehre geschändet und mich schmählich verlassen hatte, nachdem ich von ihren Ueberredungskünsten bethört mich in einen entsetzlichen Abgrund, von dem es keine Wiederkehr mehr gibt, gestürzt — nein, gewiß nicht! — Mein Herz empfand kein warmes Gefühl mehr für sie, da meine Leidenschaft befriedigt war' Ja, ich hasse sie, die schöne Verführerin, die mich zum Bruche mit meinen Wern, mit meiner Religion getrieben. Aber die Stimme des Gewissens ist es, die ich Jahre lang zu bekämpfen- und zu ersticken versuchte, die aber wieder erwacht ist und mich ruhelos macht! O ich kenne diese Gespenster, die mich in ein Meer von Jammer und Elend stürzen und fort und fort die nie versiegende Qual des Schuldbewußtseins mir vor Augen halten. Ja, ja bei jeden! Justizverfahrcn schreien sie mir gellend und hohnvoll zu: Du willst das Verbrechen Anderer ahnden? Untersuche Du Dich zuerst Vatermörder! Warum wendest Du die Paragraphen des Strafgesetzbuches nicht zuerst auf Dich an? Gibt es kein Strafverfahren für Dein fluchwürdiges Vergehen? — tza! ha! ha! — Wie schön sah Mathilde an jenem verhängnißvollen Abende aus? Welcher zauberhafter Liebreiz umgab sie? — Glaubte ich nicht für einen Blick ihrer schwarzen, leuchtenden Augen alles Schrcckenerregende ausführen zu müssen? — Empfand ich ja unter der magischen Gewalt jener Augen nicht, daß ich diese Lehren als Jrrthümer abschwur, die mir einst als die höchsten Heiligthümer und das herrlichste Gut der Menschheit gälten? — Ja in jenem Augenblicke empfand ich nur die Befriedigung meiner Leidenschaft, nicht aber die Schmach und die. Schande vor einer Lüge und kindlichen Mährchen meine Kniee gebeugt und mich zu einem Jrrthum bekannt zu habm! Ich hatte nur Augen für sie, die mich verließ, um einem An« dern zu folgen. Sie füllte mein Denken aus! Aber warum sah ich auch nicht die Thronen. welche in den Augen der Mutter schimmerten? Warum vernahm im nicht den Fluch, welcher sich aus der keuchenden Brust des besten Vaters entrang , als ihn die Kunde von dem gänzlichen Abfall seines Sohnes erreichte? — Warum erstarrte mein Blut nicht, als meine Eltern mich, wie einen Verstorbenen auf dem Boden sitzend, beklagten? — Ha! ha! ha! Tobt nur ihr Elemente der Rache — tobt und machet meinem qualvollen Leben ein Ende! — Im Grab ist Ruhe, im Grab der Friede! — Sa? — schauderst Dn nicht vor dem Leben nach dem Grabe zurück? — Leben? — Ah, .was ein Nichts — ja ein dunkles Nichts! — Aber sagen mir die Qualen meines Gewissens nicht, daß ich Rechenschaft für mein Thun und für meine entsetzlichen Verbrechen auf Erden abzulegen haben werde? Verkündet nicht der tiefe Schmerz meiner Brust, daß mein Vergehen nicht ungeahndet bleiben werdeZ.— Wo aber, wenn es in einem Leben nach dem Grabe nicht stattfände? — „Licht und Klarheit" — hatte der Rabbiner heute gepredigt — sollen unser Denken und Fühlen, Re- . den und Streben regeln und das höchste Licht — die Religion — die uns so herrlich am hettern Morgen unserer Kindheit geleuchtet, soll glühender j und strahlender werden am Mittage unseres Lebens und soll den letzten rosigen Schein in das vor Be-! geisierung und Hoffnung laut pochende Herz am I Abende unseres Lebens zurückwerfen! Deshalb sagen | die Weisen: Auroh. su thorah gedauloh tliauroh j iauser mehazolaus nephoschaus. Ein Lichtglanz i ist Thora und das fleißige Studium derselben noch! bedeutender als die Errettung eines dem Tode ge-! weihten Lebens, weil die Thora das sittliche Leben der ganzen Welt zu erhalten im Stande ist. — So hat es der Rabbiner in beredter Sprache verkündet. — Ach mir ist diese heitere Sonne des Trostes und der Verheißung untergegangen! — Kann aber der dichte Nebel, der sie unigibt, vor der aufrichtigen Reue und tiefen Demuth, die mein zerknirschtes Herz empfindet, nicht zerinnen?" (Fortsetzung folgt.) i Die Fortsetzung der Erzählung „Nur standhaft erscheint in der nächsten Nummer. Hier)« zwei Beilage«. DenMtsorlliche Redaetion: vr. Lehmann in Mainz. — Verlag und <§gjtbttion beS »ZSraeltt« grsge Bleiche 45. Z. GattSleden'r Duchdruckerei (Mainzer Drzeigerk