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Der Israelit · 1884-03-24 · Heft 24 (24.3.1884) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 24 (24.3.1884)
Date
1884-03-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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419 Judenthum gerichteten Verfolgungen. 1306 vertrieb Philipp der Schöne abermals die Juden aus seinem Lande, wobei er nicht allein all' ihre Forderungen an Christen, sondern auch ihr Vermögen an sich riß. Sein Sohn Ludw. X. berief sie zurück, aber schon im Anfänge ihres neuen Aufenthaltes in Frankreich erhob sich gegen sie abermals eine Verfolgung unter dem Namen des Hirtenaufstandes bekannt, und als dann 1349 der schwarze Tod Europa durchzog, forderte der blinde Fanatismus, der in den Juden die Veranlasser dieser schrecklichen Seuche sah, auch in Frankreich fürchterliche Opfer. Abermals vertrieben, dursten sie 1369 wieder zurückkehren und empfingen von Karl V., dem Weisen, vollen Schutz. Als indeß nach seinem Tode der wahnsinnige Karl VI. den- Thron bestieg, wurde ihre Verbannung aus Frankreich aufs Neue dekretirt und jetzt auf eine lange Reihe von Jahren auftecht erhalten. So verließen 1394 die Juden den Boden des Landes, in dem ihre Vor- . fahren schon vor den Franken Gewalt gehabt hatten. Unter diesen traurigen und drückenden äußeren Verhältnissen entwickelte sich nichtsdestoweniger bei den französischen Juden ein reges geistiges Leben. Der geistige Zustand der Juden Frankreichs in den älteren Zeiten ist freilich ziemlich dunkel. Wir erfahren nun, daß die französischen Juden, wie alle anderen, treue Bekenner des talmudischen Judenthums waren und die Hochschulen von Sura und Pumpaditha als ihre religiösen Autoritäten anerkannten. Ob Rabbi Gerschom in Mainz von französischer Abkunft war, ist zweifelhaft. Gewiß ist cs, daß dann durch ihn und nach ihm in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts die Gegend am Rhein der Centralpunkt des wissenschaftlichen Lebens für die nordeuropäischen Juden ward. Hier in den Schulen von Mainz, Speier und Worms reifte auch jener Mann, welcher dem Thorastudium in Frankreich die dauernde Stättebereitcn sollte, Rabbi Salomon ben Jizchak oder Raschi. Im Jahre 1049 zu Trotzes in Frankreich geboren, genoß Raschi in Deutschland den Unterricht des Rabbi Jakob ben Jakir, des RJizchak ben Jehudah und des Rabbi Jizchak Halevi, und seine hervorragenden Talente machte ihn bald zum Genossen dieser Meister. Nach Trotzes zurückgekehrt, gründete er hier eine Schule, zu der von allen Seiten wißbegierige Jünger strömten, und die Gutachten,. welche aus Nähe und Ferne von ihm eingefordert wurden, zeugen von dem großen Ruse, den er genoß. Ganz besonders machte er sich aber sehr verdient durch seine Commentare zum Talmud, mit welchen er einem dringenden Zeitdedürfnisse entsprach. Der letzte Gaon, Raw Hai, war im Jahre 1038 gestorben und die balylonischen Hochschulen hatten aufgehört. Das Verständniß des Talmud zu sichern, mußte deshalb als eine wesentliche Aufgabe erscheinen, und schon die Lehrer der voran« gegangenen Geschlechter, an ihrer Spitze Rabbi Gerschom, hatten daher Commentare zum Talmud verfaßt. Aber alle diese Werke wurden überflügelt von denjenigen Raschi's. Derselbe war als Commentator ganz besonders befähigt durch Eigenschaften des Geistes, wie des Charakters. Seine Bescheidenheit, die auf btc Darlegung der eigenen Ansicht verzichtet und sich ganz und gar in den Geist der zu erklärenden Stelle versetzt und deshalb auch nicht hinein-, sondern hcrausinterprctirt, die unbestechliche Wahrheitsliebe, die nicht durch glänzendeundbestemendeGedanken imponiren, sondern nur den wirklichen Sinn zmTage fördern will, vereinigen sich bei Raschi mit einer wunderbar präcisen Kürze, welches ihm ermöglicht, durch ein einziges Wort eine ganze Gedankenreihe zu entwickeln und so ist es nicht zu erstaunen, daß Raschi's Talmudcommentar keinen Nachfolger gefunden, weil, ihn zu übcrbicten, ein unmögliches Unternehmen schien. Aber einen wo möglich noch größeren Einfluß auf das geistige Leben Israels übte der Bibel- und ganz besonders der Pentateuch - Commentar. Rasch: vereinigte in ihm die grammatikalischen Erklärungen der heiligen Schrift, bei welchen er sich namentlich auf die Spanier Menachem und Dunnasch stützte, mit der Erläuterung des schriftlichen Gesetzes nach der Halacha und zugleich mit der Einflechtung von Midraschim, durch welche in lieblicher, das Gemüth ansprechender Form die religiösen Gedanken mitgetheilt wurden Dem nicht zum eigentlichen Gelehrtenstand gehörigen Theil.der Juden wurde durch diesen Baschi-Eommentar, welcher bald namentlich für den Sabbat Lieblingslectüre wurde, eine unendliche Fülle religiöser Belehrung zugeführt, und dadurch der Druck und das Elend des äußern Lebens erleichtert. Raschi starb. im Jahre 1105. Er hinterlicß drei Töchter, welche an bedeutende Gelehrten verheirathet waren, und von denen besonders die älteste, mit Rabbi Me'rr vermählt, die Stammmutter eines hochbedeutenden Geschlechtes wurde. Ihre Söhne- Rabbi Samuel, (Raschbam), auch als Bibel- und Talmud-Commentator hervorragend, Rabbi Isaak, (Ribam) Rabbi Jakob (Rabbenu Tam), wurden die Begründer der Tosaphisten-Schule, welche durch das eingehende, dabei durch und durch pietätvolle Versenken in die talmudische Discussion so wesentlich dazu beigetragen hat, die volle Entwickelung des jüdischen Geistes zu fördern und seine kritische Schärfe zugleich in den Dienst , des Gottesgesetzes zu stellen. Indem dann der Redner bedauerte, daß die vorgeschrittene Zeit ihm nicht gestatte, näher auf Einzelheiten einzugehen, um auch die hochbedeutenden Leistungen der suofranzösischen Juden - nicht mehr in's Auge fassen zu können, schloß er feinen Vortrag, die Fortsetzung der Geschichte der französischen Juden bis

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