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Der Israelit · 1884-03-17 · Heft 22 (17.3.1884) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 22 (17.3.1884)
Date
1884-03-17
Page
– (sequence 10)
Language
German
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384 mit derselben Energie für Alle ein, gegen die man sich unverantwortlich beträgt. (Oho! rechts ) Ganz so harmlos, wie der Minister sie geschildert hat, sind übrigens die Borgänge in Neustettin doch nicht. Daß Stockschlage auSgrtheili sind, steht fest; ob mehr oder weniger, ist gleichgiltig. Daß Fensterscheiben zerschlagen sind,' steht f. st. ES sind Leute verletzt worden; e8 haben Familien die Flu M ergriffen, und das ist geschehen von einem feigen Pöbel, gegen den die Behörden nicht im Stande waren, vorläufig ausreichenden Schutz zu gewähren. Auf die Ursachen kommt eS an, aus denen dieS alleS möglich war, und da kann ich zu meinem Bedauern die königlichen Behörden nicht von aller Schuld freisprechen. ES wären die Erceffe nicht vorgekommen, wenn nicht immer noch die Leute glaubten, mit der Dethäligung deS Antisemitismus ein nicht blos Herrn. Stöcker, sondern auch der Regierung wohlgefälliges Werk zu thun. (Sehr richtig! links ) Lesen Sie nach, welche lebhaste Mitwirkrmg der Landrath des Kreises sich im Prozeß — Gote sei Dank vergeblich — gestattet hat. Dev Herr Landrath hat neben dem Staatsanwälte die Untersuchung geführt. Er hat ungebeten dem Stautsanwalt sein Arni erleichtert. Zch bin weit entfernt, zu sagen, daß er damit nicht seine Pflicht gethan hätte, nein, er hat weit mehr gethan als seine Pflicht; aber waS er mehr th t, war leider nichts Gutes. Er hat Zeugen gesucht, sich selbst zum Zeugniß angeboten, er hat Zeugen hingesch'ckt, die zum TheU vernommen wurden; welcher Art diese Zeugen waren, bas har der Gerichts» vräsidentbeurtherlt. (Rufe rechts: Vorsicht.). Der Landrath hat auch mit den Geschworenen gesprochen und hat auf deren - Urtheil influirt. Zum G'.ück vergeblich. Der Landrath Hit auch mit den Zeugen gespr ochen und mrsucht, einen Zeugen — ich bin bereit, ihn zu nennen — zum Widerruf seiner Aussagen zu veranlaffen. Der Herr Landrath, hat auch verbürgter WUse sich an die Verth-idigung gewandt und meinem Kollegen Scheune mann ausdrücklich gesagt, er dürfe Ehrenhalber diese Vertheidrgung nicht fuhren, weil die Schuld der Angeklagten erwiesen sei. Wenn so ein höherer Perwaltungsbeamter verfährt, dann ist es natürlich nicht zu verwundern, daß die Menschen — und was für Menschen es waren, wir haben es gesehen — glauben mußten, der Antisemitismus sei ein Gott wohlgefälligcs Werk; und da sie ihren Antisemitismus durch schöne Reden nicht bekunden können, thun sie eS eben durch Handlungen Daß ferner in Neustettin ein Jude zuerst auf die BolkSmenge einen Stein geworfen haben soll, ist eigentlich der pure Wahnsinn. Auch köturen viele christliche Bewohner NeustettinS bezeugen, daß zwar aus der Richtung, nicht aber aus der Hand eines Juden der Stein hergekommen ist. Jndeß daS wird sich ja noch Herausstellen. Seine Dimensionen nahm der Prozeß nur an, weil die ganze dortige Gegend getränkt ist mit der Arznei — ich" will'- n chr Gift nennen — die in den Lehren des Herrn Stöcker destillrrt worden ist. Man hat in Neustettin am Tage der Freisprechung Plakate in den Straßen gefunden, deren eines kur; lautet: „Bürger NeustertinS, Protest!« öffentlich gegen das Verfahren dcS Konitzer Gerichtshofes, welches die Wahrheit zur , offenbaren Lüge macht. Die Juden selbst haben die Synagoge angezündet. Das Urtheil deS Rosliner Sckwrngerichts ist allem richtig. Gezeichnet: RauS mit allrn Juden l" (Hon! Hört! links) WaS für Zeugen sind ferner in jenem Prözeffe gewesen': Christliche Zeugen! Wirklich. Herr Stöcker könnte ein guter Werk thun, wenn er seine liebevolle Fürsorge li ber diesen Christen zu Theil werden ließe, a's den Juden. WaS ist das für ein Zeuge Dnchholz! (Unruhe rechts.) WaS ist das für ein Lehrer» der seine Kinder abgerichtet hat, auszusagen, und der vergessen hatte, daß er einmal von der Behörde einen Verweis'bekommen hatte; der fein Zeugniß adle',neu mußte, als e^ gefragt wurde, ob er einmal gegen einen Kollegen eine niederträchtige Denunziation eingereicht hatte! Was ist daS für ein Knabe, der. mit der gefüllten SchnapSflasche in der Hand, gerufen hat: die Preußen geben den Kampf nickt auf. in diesem Zeichen werden wir siegen! . Sind daS christliche Ideen? Sind das arische Jeeen? (Heitereit). Agrarische könnten es allerdings sein! (Große Heiterkeit.) Leute, die verwahrlost sind, haben auch die Erceffe verübt. Zn Könitz hatte man recht wohl, voraussehen können» war geschehen würde. Staatsanwalt und Verth rdiger riechen gleichmäßig den Freigrsprochenen, noch 24 Stmrden mit ihr« Abreise z» warten, damit man Cichrrheitsmaßrezeln für sie treffen könnte. WaS der Minister gesagt hit, ist vollkommen genug, um zu eonstatiren. daß ein äußerst strafbarer LandsriedenSbruch vorliegt. Wie aber der Vorredner die Sache umdrehen kann, ist mirunverständlrch. In dieser Sache ist nichts zu venheidigen. Herr Docker muh sich verihridigen und das hat er in seiner gewohnten Art gethan. indem er von ganz anderen Dingen sprach: vom jüdische» Wucher. Die Er eye werden, wenn, der Thatbestand vollständig festgestellt ist. ihre Ahndung sinken; damit sind wir zufrieden und muß Herr Stöcker auch zufrieden sein. (Lebhafter Verfall links! Zischen rechts.) ... AuS der weiteren Verhandlung heben wir noch hervor, bah Herr Stöcker und Herr Wagner alle Juden dafür veraniworttich machen wollen, daß einige Juden Wucher getrieben haben Darauf entgegnere Herr Munkrl: „Es ist eine wunderbare Logik» daß die anderen Juden mißhandelt werden lallen, wenn ein Jude etwas gethan hat. Das ist die Logik und die christliche Liebe deS Herr» Stöcker'" - Literarischer Werichl. (Fortsetzung statt Schluff.) Der Traktat Megilla nebst Tosasot vollständig ins Deutsche übertragen von Dr. M. Rawicz, Bezirksrabbiner.;:v . 8. Hier wollen wir mm einige Proben anreihen, welche zeigen, daß der Vers, rücksichtslos an solche Stellen anknüpfr, die er vorher ausgelassen hat; ein Zeichen, daß das Berständniff dem Vers, sür die betreffenden Stellen gemangelt hat. .; * j S. 7. „Rawina fragte, was verdient den Vorzug,- Megillalesen oder Leichenbestattung? Antw.: Megillalesen, denn dies ist eine öffentliche Anerkennung (?) des Wunders. Fr.: Bei Leichenbestattnng handelt es sich aber dock um Menschenehre? Antw.: Es ist in der That auch so, denn wegen Menschen» ehre kann man selbst ein biblisches Verbot übertreten." Willkürliche Auslassung und eine eben solche Behandlung des Textes hat hier etwas zu Stande gefördert, das ein eigenthümliches Licht auf die Art und Weise der Discussion im Talmud wirst. Die Sache wird ein ganz anderes Aussehen erhalten, wenn wir die Stelle wörtlich wiedergeben: Rawina gab folgendes zur Erwägung: Was geht vor? Megillalesen oder Leichenbestattnng? Geht Ersteres vor, weil cs dazu dient öffentlich oätz göttliche Wunder zu künden, oder hat Letztere den Vorzug, weil es sich um die Ehre eines Menschen handelt? Nachdem er diese Frage gestellt, fand er selbst die Entscheidung in einem von einem früheren Lehrer ausgestellten Grundsätze, daß die Leichenbestattnng der Ausübung jedes, selbst eines biblischen Gebotes vorangehe. t t r'r"’TTr

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