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Der Israelit · 1884-03-17 · Heft 22 (17.3.1884) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 22 (17.3.1884)
Date
1884-03-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXV- Jahrgang. _ Erste Beilage zu Nr. 22 des Zsratlit. Leitend« Artikel. Die Aeustettiner Grceffe vor dem Kaufe der Abgeordnete» in ZZerti». Berlin, 16. März Abends. Wie ich Ihne» bereits mitgetheilt, hat der Abgeordnete Zelle Freitag de» 14. dieses Monats die in Neustettin in- Folge der Konitzer Freisprechung stattgehabten Excesse zum Gegenstände einer Interpellation gemacht. Der Minister, Herr von Puttkammer, gab zu, daß die Juden von'Neuslettin mißhandelt, oaß in ihren Häusern die Fenster eingeworfen und daß bei dieser Gelegenheit mehrfach geraubt und geplündert worden sei. Herr von Puttkammer hob auch die Aussagen über die angeblichen Steinwützfe aus dem Hause'eines Juden hervor. — Diese widersinnigen Behauptungen weroen wohl demnächst vor Gericht gerade so beschworen werden, wie dir Geschichte von der Zündschnur, die Heideman angeblich benutzt haben soll. Die weiteren Verhandlungen gaben dem .Hofprediger Herrn Stöcker den ihm höchst willkommenen Anlaß, eine seiner fulminantesten Hetzreden gegen die Juden loszulassen, wobei ihm sein intimer Freund Herr Professor Adolf Wagner getreulich seknndirte. Herr Stöcker verflieg sich zu der von „Liebe" überstießeuden Behauptnng, daß die Juden' nicht allein in Neustettin angefangeu haben, sondern daß sie immer angefangen habe», wann und wo sie mißhandelt worden sind. Es ist die alte Geschichte vom Wolf und vom Lamm. Wenn das böse Lamm nicht angefangen hätte, so hätte cs der gute Wolf gewiß nicht gefressen! Herr Professor Wagner verleiht den brutalen Judenhetzen ein wissenschaftliches Gewand. Sie seien, behauptet er, ei» Produkt unserer wirthschaftlichen und socialen Bewegung. — Welch' ein trauriges Zeichen der Zeit, daß ein Hofprediger und ein Universitätsprofessor — Beide Volksvertreter — solche Lehren verkünden und daß die rechte Seite des Abgeordnetenhauses ihnen Beifall jubelt'. Von Seiten der Abgeordneten Hänel und Munckel wurde den Antisemiten die gebührende Zurechtweisung. Herr Professor Hänel nannte die Insinuation Stöckers, daß die Fortschrittspartei in dieser Assaire ans jüdisches Gcld speculire, eine Gemeinheit, wofür er vom Präsidenten zur Ordnung . gerufen wurde. Die Rede Munckels geben, wir hier in extenso wieder. Abg. i'iuncfel: Wir hätte» nicht nöih'rz gehübt, die Jrterpellatio» »och zu besprechen, di die Erklärungen deS Münsters befriedigend nnren. Der M nister hat i» loyrler Weise amrkönnt, was an den Vorgängen zu bektager, war m»' er hat thunlichste Abhilfe übersprochcn. Diese Erklärung zu erdalien, war der Zweck der Interpellation; nicht etwa die Hprei zu» Unfrieden, wie Herr Stöcker ed.-n meinte, rnn wie er es auch gemacht hat (Sehr wahr: links), sondern im Gezerrtheil, es war unser Zweck, über die Sache Beruhigrmz zu schaisrn. (Rme: O, o! rechts.) Sie können unS daS glauben; und wenn Sic es nicht lh'.ni, dann lassen Sie's eben beiden! (Heiierkeit.) Aber wir aus unserer Seite sind noch daran gewohnt, daß man glaub:, was wir sagen, weil wir gewöhnlich die Wrhrheit sagen; ob eS mit den friedlichen Versiche ungeu des Vorredners eben'» war, / Zweck erreicht hat, den Zweck der Beruhigung hatte — cr versichert ja immer den Frieden zu wollen — und ob er dicte» Zw'ck erreicht hat, das überlasse ich Ihrer Beurtheilung. Herr Stöcker hat heute versucht, fern eigenes Werk zu v-rrhe.dige», denn das, was da in Reustrttin geschehen Ist. und was der Minister mit Recht als beklagenrwerlh bezeichnet hat.char führen wir in lepter Li ne auf die Autorität des Herrn S öcker zurück (sehr richtig: links.) Ich weiß ja. daß er daS m ht will — er liebt ja den Frieren, zuweilen sozar auch die Juden, man mertt es blo8 nicht (Heiterkeit). Henrici war nicht stur Apostel, aber er ist sein Gesinnu gsgenosse. Aber dann ist Herr Slöckcr unbewußter Weise ein Antisemit.; er unterscheidet sich von den Leuten in Neustettin nur dadurch, dag er eS mit Wort n m rcht und die mache »'s mit Schlägen; ein anderer Unterschied in der Sache ist wahrhaftig nicht vorhanden. Herr Stöcker erzählte vers diedeue Dinge, die nicht zur Sache gehören, au ch früher schon gewürd gt sind. Das: in Preßorganen hier und dr Dinge zu finden sind, die man tadeln kann, ist richtig; aber wollen Sie denn aller ».ra»twa!t.n. w-s in der antisemitischen Presse steht? DaS übcrbietet doch wirklich an Schamlosigkeit und anderen ähnlichen guten Eigen char:en weitaus Alles, wäs Sie auS der sogenannten Judenprefse ciriren iörnen. Ir der soaenrnnten Juden presse sicher Sie nchr das Dtaß der SelbstZefällr.akert und Selbstüberhe'iuug, welche» bei dcn Herren zu sinl-en ist, die sich j Pt gern Ar ec nennen. (Abg. v. M nnigero.de: Arier?) Der Prozeg inNeustcttrn ist entschieden, so wie er e.rlschiedcn werden mußte. Für u-rs ,ilt vech der sltespekt vor dem Gesep und Recht. Jme Leute sind nicht schuld'.z; sie sind sr »gesprochen, sie haben zum Theil schuldlos in der llntrrkuchu rgShafr zugcbracht. Ob jre Juden fr:d oder mchr. «» > zunächst gleichgilrig. Da8 freisprechende Nrthert hat aber natürlich in dcn Kreisen der Leute, die im Prozeß Zeuzeir waren und ' auf die Herr Henrici eingewirkt har, Mißbilligung ereg:;,tuhec sind d'e Unruhen in Neastetsin entstanden. WaS haben drnn nun die' Freigesprochenen gelhan? Herr S öcker h:t nicht behaupten können, daß diese Leute gewuchert habrn Aber d rS ist S jr eben: wenn einer etwas Schlechtes gerhon ha«, der zufällig Jude rst. dann büßt es nach Herrn Stöckers neue. Lchre von chrrstlicher Liele gleich die ge anrmtc Jud.nschafl; weil s ü:er ernmal ein Mann mehr vis ikO Procent genommen hat. deshalb werden i jetzt die frergesprochenen Juden in Neustenr» ge'-auen. Ifür j meinen The» stehe warhaflig lieber aus Seiten der Mnchandrllen. > als der Mißh-ndelnde», ob Jud n oder Christen. Wir treten

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