Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1884)
- Date
- 1884-03-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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382 „Ja! So sagte mir wenigstens seine Magd!" „Das ist aber rein unmöglich, Doctor!" rief Dr. Priester ans nnd schüttelte verwundert seinen Kopf. „Noch vor zehn Minuten begegnete ich ihm in dem Park!" „Na, na, Herr Doctor! Glauben Sie doch nicht gleich, daß weil er heute meiner Aufforderung mich nach der Synagoge zu begleiten, Folge geleistet, eine Vertraulichkeit zwischen uns bestehe. Nein, schon ganz andere Geister haben sich bemüht, ihm näher zu treten, aber vergeblich! — Sein verschlossenes Wesen meidet den Umgang mit Menschen. Zn bedauern ist es nur, daß Sie ihn nicht zu Hause antrafen! — Vielleicht wären wir durch Sie in der Lage etwas mehr von seinem früheren Leben, welches keine uninteressante Episoden aufzuweisen haben mag, zu erfahren — ach wie schade!" „Und woraus schließen Sie, daß der Mann, welcher eine besondere Freude zu haben scheint, sich in Dunkel zu hüllen, gegen mich weniger verschlossen und undurchdringlich fein werde?" „Nun, nun Doctor! Nur nicht so bescheiden! — Haben Sie denn nicht schon am ersten Tage Ihres Auftretens in der Gemeinde Erstaunliches erwirkt? Zerschmolz nicht der Schnee von manchem erstarrten Herzen bei dem . warmen Klang Ihrer Worte? Warum sollte die wuchtige. Rede, die Sie zu führen verstehen, ohne Einfluß auf den Amtsrichter geblieben sein? Sehen Sie, sogar bei mir, dem Verstocktesten dieser Gemeinde, haben Sie sich sehr wirksam erwiesen. Ich habe mir heute fest vorgenommen, kein Trepho mehr zu essen und am Samstag nicht mehr zu rauchen. — Genügt Ihnen das nicht für den Anfang?" „Für den Anfang allerdings!" versetzte ich mit Wärme seine Hand drückend. — „Aber der allmächtige Gott, der in seiner Huld und Gnade den Sündern den Weg der Buße gezeigt und als Ziel ihres Strebens die höchste Glückseligkeit verheißen, er möge Ihr Herz stärken und kräftigen, daß. Sie nicht auf halben Wege stehen bleiben, sondern daß Sie fortfahren, nach der Kalme der Tugend nnd nach dem Diadem der echten Religiosität zu ringen, bis daß Sie siegreich aus dem Kampfe hervorgehen!" „Darauf sagen wir Amen!" lachte Dr. Priester spöttisch. „Eine schöne Moralpredigt auf offener Straße! Ha! ha! wie schade, daß ich nur der einzige Zuhörer bin! — Köstlicher Spaß auf Ehr'! Ha! Wenn mir Jemand vor einer Woche gesagt haben würde. Du wirst nächsten Samstag die Synagoge besuchen und religiöse Grundsätze fassen, welche Du einst für undurchführbar gehalten — Bei Gott! — den würde ich einen wahnsinnigen Verläumder genannt haben! — Und jetzt? — Nun fast bedauere ich diese Umwandlung!" „Nicht doch" — wehrte ich ab — „das Wollen Gutes zu thun, soll man niemals bedauern!" „Ja, wenn ich aber noch nicht ganz überzeugt wäre, daß meine Vorsätze das wahre Gute seien! was dann?" „Dann werden Sie es schon mit der Zeit werden, bester Doctor! Lernen Sie nur zuerst erkennen, daß das, was der Mensch Bequemlichkeit und Freude nennt, nicht immer das wahrhafte Glück ist, wonach der Mensch streben soll!" Dr. Priester , schaute, wie in Gedanken verloren, vor sich hin. Plötzlich richtete er sich auf, streichelte seinen Bart mit der Hand und sagte: „Wie wäre es, Doctor, wenn Sie mich nach Hause begleiteten? — Ich habe zwar nicht vielZeit, mich dort lange aufzuhalten: denn ich muß mich nach dem kleinen Fröhlich Umsehen, dessen Vater eine gar ängstliche Natur ist, welcher trotz meiner Ver» sichernng, daß der Zusiand seines Lieblings außer Gefahr sei, mich schon heute zweimal um meinen Besuch ersuchen ließ. Meine Mutter und Schwester werden indeß sehr erfreut sein. Sie in unserem Hause zu begrüßen!" — „Ja," fuhr er fort — „meine Mutter war so entzückt, die ihrem Söhne so ähnliche Gestalt auf der Kanzel zu sehen, daß sie schon mindestens zehnmal ihr Bedauern aussprach, daß ich statt ein gottloser Arzt nicht ebenfalls Rabbiner geworden bin. — Sie kommen also mit Doctor?" „Es thut mir sehr leid, diese Ehre noch vorläufig höflichst ablehnen zu müssen. Ich bin jetzt geistig so ermüdet und abgespannt, daß ich jede» Besuch unterlassen muß, will ich nicht Mißfallen erregen. Außerdem dürfte es sich kaum schicken, Privatleute aufzusuchen, bevor ich dem Vorstande meine Austvartung gemacht habe. — Ich werde mir indeß noch heute das Vergnügen machen!" „Nun zwingen will ich Sie eben nicht" — sagte Dr. Priester, mir seine Hand reichend — „Sie sehen in der Thal etwas ermüdet aus! Nun aber adieu und aus Wiedersehen!" „Ans Wiedersehen!" (Fortsetzung folgt.) Mb" Die Fortsetzung der Erzählung „Nur standhaft" erscheint in der nächsten Nummer. hierzu zwei Vellage». V-raniworMche Nedaetlon: vr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Spedition deS .ZSraeltt' große Bleiche 45. 2. GottSleden'S VuHLruikerei (Mainzer Anzeigers