Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1884)
- Date
- 1884-03-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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„Es thut mir leid!" — entgegnete sie mit mürrischem Gesichte — „der Herr Amtsrichter ist vor ungefähr einer halben Stunde verreist und kömmt erst Dienstag oder Mittwoch der nächsten Woche wieder heim!" — „Unmöglich!" — rief ich mit Bestürzung ans — „vor einer Stunde war er noch hier!".— „Dann suchen Sie ihn, wo Sie Lust haben" —. versetzte mit boshaftem Grinsen der Hausdrache — „von hier ist der Amtsrichter vor einer halben Stunde abgereist. — Soll ich etwas bestellen?" Ich schüttelte verneinend das Haupt und die Thüre wurde heftig zugeschlagen. Ich habe mich also doch geirrt? — Die Thränen, die ich in seinen Äugen erglänzen zu sehen glaubte, waren eine Täuschung, nicht Folge eines erwachenden Gewissens?—Seine scheinbare Erregung war nicht Zerknirschung und Demuth? — Das schwere Athmen seiner keuchenden Brust nicht Bewegung und Beklemmung eines im Jrrthnm befangenen Herzens? — Nicht das hervorbrechende Licht des Erkenntnisses, bisher im Dunkel herumgeirrt zu haben? — . „Ha! ha! ha!" — lachte ich laut und bitter auf. — Meine Worte, die so warm, so innig aus meinem Herzen kamen, fanden schönen Widerhall in deni seinigen! Wenigstens verstand er es, durch die Verletzung der Sabbatheiligkeit mir deutlich genug zu zeigen, wie lächerlich ihm der religiöse Erguß meiner Empfindung erschienen! — Weshalb hätte er. wohl sonst unmittelbar nach der Predigt eine Reise unternommen? — „Nun, nun, trösten Sie sich, Herr Amtsrichter!" sagte ich halblaut, während ich mit der Hand über meine erhitzte Stirne fuhr. „Was Sie beabsichtigt hatten, ist Ihnen wohl gelungen! — Sie haben mir durch die Schändung der Sabbatruhe mehr gesagt, als es manchem durch überfprudelnde Enipsindung, durch hochtrabende Worte gelingen dürste! — Weiß ich ja jetzt, daß Sie nicht wie Löwenstein behauptete, schwankenden Schrittes und mit sichtlicher Rührung die Synagoge verließen. Nein! Gerührt waren Sie durch meine Worte nicht! — Die Neugierde trieb Sie in die Synagoge und die beabsichtigte Reise verdrängte Sie aus derselben noch vor dem Schlüsse der Predigt!" Aber weshalb kam er, dessen Fuß noch nie ein Beihaus betreten haben soll, heute, ja gerade heute auf den Einsall, es zu besuchen? „Warum so nachdenklich, Doctor?" ertönte dicht neben mir eine Stimme und ich fühlte einen leichten Schlag auf meiner Schulter. Ich wandte mich rasch um und schaute in das lachende Gesicht des Herrn Dr. Priester. „Donnerwetter Doctor! wie finster Sie darein schau'n! — Es graust ja einem ordentlich. Sie anzusehen? — Ich glaube, wir könnten jetzt unsere Rollen getrost vertauschen. Sie tragen helle Gewänder und behalten Ihr finsteres Gesicht bei. Ich werde es noch einmal mit der dunklen Farbe der Kleider versuchen und werde mich zu einer fortdauernden Heiterkeit forciren. Glauben Sie nicht, daß wir da keine Verwechslung mehr zu befürchten haben? — Ha! ha! Köstlicher Spaß auf Ehr' und kein übler Einfall! Wenn Sie nur immer ein solch trübes Gesicht schneiden möchten, dann wird es bald mit der Doppelgängerschaft zu Ende sein! Aber wo wollten Sie nur hin, Herr Doctor? — Doch nicht etwa zum Amtsrichter? Der soll ja getaujt sein — und sonst wohnen ja gar keine Juden in dieser Straße?" „Getauft?" — fuhr ich gereizt auf, während eine Blutwelle in mein Gesicht schoß — „Wissen Sie das so bestimmt? Ich sollte wohl meine», daß ein getaufter Jude kaum fernem Herzensdrange nachgeben würde, eine Synagoge zu besuchen! — Meinen Sie nicht auch so, Herr-Doctor? —" „Hm! Sie sind in Ihren Schlüffen etwas kühn, Herr Doctor! — Sie denken wohl, daß der Amtsrichter, welcher heute mit scheinbarer Erschütterung Ihre Predigt angehört, auch sonst einem Herzensdrange folgend in der Synagoge sein Gebet -verrichtete. Da sind Sie aber auf dem Holzwege! — Nein! gewiß nicht! — Auch heute war es'weniger der Zug seines Herzens, welcher ihn nach der Synagoge führte, als hauptsächlich meine Vermittlung. Ich begegnete ihm heute zufällig bei meinem Patienten, dem früheren Director des Gymnasiums, Dr. Eervus, welchen ich noch vor dem Gottesdienst besuchte und frag ihnob er mich nach der Synagoge, wo ein Namensvetter von ihm und ein Doppelgänger von mir einen Probevortrag halten werde, zu begleiten geneigt sei." — „Ah — Ihre Veranlassung also war es, welche ' den Amtsrichter bewogen, heute dem lieben Gott einekurzc Visite abzustatte.i? Pfui! wie schändlich! —" kam es bitter und enttäuscht ans meiner gepreßten Brust. Aber durch den erstaunt fragenden Blick des Dr. Priester zur Besinnung gebracht, fügte ich, mit schwerer Mühe einen leichten Ton erkämpfend, rasch hinzu: — „Schade, daß ich nicht früher von Ihrem Einflüsse auf den Herrn Amtsrichter erfahren, ich würde Sie dann höflichst ersucht haben, ihn zu veranlassen, daß er meinen Besuch vor seiner Abreise empfange. Ich wollte ihm nämlich meine Aufwartung machen, allein der gute Mann hatte sich beeilt, sofort nach der Synagoge abzureksen. — Ist es nicht traurig?" „Der Amtsrichter verreist?"