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Der Israelit · 1884-03-17 · Heft 22 (17.3.1884) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 22 (17.3.1884)
Date
1884-03-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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379 einiger alten Krauen mit Ahnungen nichts ändern. Ich weiß cS nicht. Bezüglich bei Sachverständigen Kleefeld bedauere ich, baß cr zuerst ventommen worben ist. Attf meine Krage, ob er beim einmal ein mit Petroleum getränktes Brett habe brennen sehe», antwortet er: 3ictn! Nichtsdestoweniger setzt er hinzu, aber Petroleum läuft tutb brennt wie Spiritus, bös ist ganz sicher. Zlm zweiten Tage baraus hat er Erperimente mit auf Holz gegossenem Petroleum gemacht und erklärt: 'Nein, so wie Spiritus brennt es allerbings nicht; es läuft nicht weiter, sonbern brennt Locher in bas Holz, gleichwohl bleibt er bei seiner Ansicht : ohne Petroleum kein Tempelbrand. 'Nach meiner Ansicht hätte Kleefeld gut gethan zu sagen: ich weiß es nicht, ich habe mit Petroleum nie hantirt, bin darin keirt Sachverständiger. Tie muffen auch, meine Herren Geschworenen, ganz spezielle Verdachtsmomente zrtr Vcrurtheilung haben, die allgemeinen sind wcrthlos und müssen bei Teile geschobert werden. Rehmen Tie selbst an, die Gemeinde hätte den Brand aus Eigennutz attgcstiftet rrnd wäre dadurch reicher geworden. Tann hat aber doch der Einzelne noch kein Interesse daran, und daß Lesheim blos deshalb um in einer schöneren Synagoge beten zu können, die alte ansteckt, das glaube ich einfach nicht. Der Herr Ttaalsauwalt meint, .die Juden wollten durch den Brand der Antisemitenbcwcguttg gründlichen Einhalt thun. Wunderbar. und dieses Motiv soll dem Gehint eines Kürschners kleinsten Genres nnd seines Lohnes, eines Laufburschen» entsprungen sein? Und dann gehörte doch noch ganz Anderes dazu. Es ist nicht so leicht, die Eesctzgebungsmaschine etwa zu cirrcm Ausnahmegesetz gegen die Antisemiten in Bewegung zu setzen — nnd diese vier Leute solltert diese großartige Maichinerie haben in Gang bringen wollen! Ein Mzüv für die That ist also nicht zu finden. Redner kommt nmt auf die ättßere Erscheinung der Angeklagten zu sprechen und bittet die Geschworenen, namentlich bezüglich Lesheims, ohne Ansehen der Person zu urtheilen, gleichgültig ob diese Leute ihnen sympathisch seien oder nicht. Bezüglich des gegen Lesheim vorliegenden - Verdachtsmomentes, daß dieser auf den Stuhl gestiegen sei und, jedenfalls um Zugluft für den Brand zu schassen, Fenster geöffnet oder ausgehobcn habe, macht Makower auch auf den auffälligen Umstand aufmerksam, daß nach sämmtlichen Zeugenaussagen das Feuer am vordersten Ende des Tempels, aut Ällerheiligsten, den eigctttlicheit Herd hatte. Uttd um dieses Feuer in den Gang zu bringen,'soll Lesheim die hintersten, am anderen Ettde der Synagoge liegenden Fensterflügel offnen! Das ist doch widersinttig. Und nmt die Ltuhlgeschichte: erst ist es eine Bank, dann ein Schemel, bann ein Stuhl mit und ohne Lehne. Ich wundere nticb blos, daß cs kein Kanapee war. Mit dem Stuhl ist cs. wie mit dem Mädchen aus der Fremde: matt wußte nicht woher er kam, noch wohin er ging. Wollen Tie einen Knaben mit Mütze haben, Tie haben ihtt; wollen Tie einen mit rundem Hut haben, Tie haben ihn; wolleu Tie eine Bank — die ist da; wollen Tie einen Stuhl, der ist auch da. Alles was Sie wollen, ist zu habett. Drei Schulen lageit näher und zur Aussicht auf die Vorgänge bequemer: aber nur die Schüler der am cittserntcstcn liegenden Piperschule haben die Vorgänge beobachtet. Redner geht hier auf die atts den Verhandlitugen sattsam bekannte Tenuncialionsgeschichte, in welcher der Lehrer Piper eine so wenig beneidenswerthe Grolle spielt, näher ein nnd zieht daraus scharfe Tchlüfse auf die geringe Glaubwürdigkeit eines derartige» Lehrers. Wie mau auf Schulkinder einwirken köitne, sei ja allgemein bekannt: man fragt, hast Du nicht das und das getehen, und die erwünschte Antwort wird tchwerlick ausbleibrn. Tie Szene auf dem Wochcmnarkte erklärt Redner für völlig belanglos — warum sollte denn Lesheim oder irgend ein Anderer keine Petroleumkanne getragen haben? — ebenso die frohen oder erregten Iudengesichter, die scharfsinnigen Zeugen anfgcfallen. - So bleibt denn nichts mehr übrig als die Frage, wo war Leshcim vor Beginn des Brandes: Run, einwandfreie Zeugen haben ja bekundet, daß cr ztt Hause war. Zwischen 9 und Ist Uhr ist Barbier Keller bet ihm: als Keller wcggeht, begegnet er dem Fleischer Angermann auf der Treppe; der verhandelt itnd streitet, uub so vergeht wieder eine halbe oder dreiviertel Stunde. Za, meine Herren, wann soll denn Lesheim Feuer angelegt haben? Matt fragt sich mnvittkürlich: Wie war es überhaupt möglich, daß auf Grund solch schwacher Judicien Anklage erhoben werden konnte? Wenn Sic nur zur Disposition stellen Kinder, alte Frauen mit Ahnungen, erregte Männer. Leute, die aus dem Zuchthaus kommen und solche, die berechtigte Anwartschaft auf dasselbe haben, dann ist cs leicht, jeden ehrlichen Mann inS Verderben zn stürzen. Meine Ueberzcugung, die ich mit vielen und verständigen Männern theile, ist die: daß der erregte Haß die Meinung, den eigenen Glaubensgcnoisen zu nützen, die Leute verführt hat, Dinge zu glauben, die überhaupt nicht wahr sind; daß dazu benutzt worden sind alle Sinnestäuschungen— man hat Dinge gesehen, die nicht waren, Geräusche gehört, die nicht cristirtcn, Gerüche gerochen, die nicht vorhanden waren; itnd darum spreche ich es aus vollster Ueberzcugung aus: Alle vier Leute sind ganz und.gar unschuldig! Zeitung-nachrkchlen und Sorrefpvndenzen. Deutschla n b. Neustettin, 9. März. Gegen ,/a9 Uhr (Samstag Abend). fuhr ich nach dem Bahnhof; wenige Minuten nach 9 Uhr kam der Konitzer. Zug, der die Frcigesprochencit itnd eine Anzahl jüdischer Zeugen, wie Löwe, Meiner, Engel tt. s. w., außerdem aber auch e nett Reisenden, eilten Gutsbesitzer, brachte. Die ganze Heidetnattttsche Familie, darunter auch eine innszehnjahrige 'Nickte, bestieg den Smnibus des Hotel Mund, desgleichen der Reisende uttd ich, ttttd wir setzten uns so, daß wir beide die Eckplätze an der Thür einttahmcn. An den ersten Hättfern der cigeittlichen Stadt wurde der vott hier ab in schärfstem Trabe fahrende Dmn bus bereits vott größcrctt Mcttschettschaarcn erwartet, bie.ciit ohrcitbetättbcudes Geschrei „Juden raus! Brandstifter raus! Mordbrenner raus!" erhoben. Der Reisende und ich beruhigten die Mitinsassen, und mir hofften, da der Wagen vu itloiuo earrtöro dahinsattste, glücklich dttrchzttkotnttten. Aber je ttäher wir deut Marktplätze kamen, desto mehr schwoll die Menschenmenge an, desto wüthcnder tvttrde das Geheul. Jetzt bcgatttten attch Einzelne im Lattfschritl dem Wagen zu folgen; die Zahl derselben wuchs von Sekunde zu Sekunde. ihr Wnlhgchcul wurde imuter tttthcimlicher. Ter Wagen sattste dttrch die Menge, die links und rechts ausweicheu mußte; aber schon hatten zwei Verwegene das Trittbrett des Gefährts erreicht uttd schwangen sich am dasselbe, ein Dutzend Andere sttchlett sich attzu klamtnertt; brüllend uttd Stöcke schwingend folgten Hnttdcrte im Lattsschritt. Der Schlag wurde attszureißen versucht, der Versttch aber von meinem Partner und utit energisch zurückgewtesen. Jetzt war der Marktplatz passirt, eine httndertkopsige Menge hatte beit Wagen vollständig eingeschlojsen. R'och ein paar Schrille, das Hotel Mund war erreicht. Der Wagen hielt. Ungestüm wurde der Schlag ausgcrissen und mit dem Wulhgeschrei: „Wo sind die Brandstifter?" suchten die Vordersten iü de» dunkeln Wagen zu drittgen, während Dutzende mit .erhobenen Stöcke» und, Prügeln unter entsetzlichem Geschrei der AuSsteigendcn harrten. Ich betrat zuerst das Trittbrett nnd schrie den Wüthrichen entgegen, ob Fremde hier immer so empfangen. wurden. Die Kerle stutzten einen Moment, ttttb als nun auch daS ihnen fremde Gesicht des-Reisenden austauchte, wichen sie einen Moment zttrück uttd machten Platz, so daß wir die Freitreppe des Hotels gewinnen konnten. Tann aber stürzten sie sich nttt doppelter Wuth auf den Wagen; die Hotellaternen hatte ihnen eimge

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