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Der Israelit · 1884-03-17 · Heft 22 (17.3.1884) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 22 (17.3.1884)
Date
1884-03-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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biip sie ihr als unantastbar geltendes Heiligthmn mit eigener Hand vernichten! Und haben wir nicht gehört, wie Einzelne mit Lebensgefahr in die brennende Synagoge drangen, um die ihnen heiligen Thorarollen, Gebetmäntel n. s. w. aus dem Feuer zu retten/ Roch ein Moment: Die jüdische Gemeinde wandte sich alsbald nach dem Brande an das Polizeipräsidium mit der Bitte um einen Delective zur Ermittelung des Lerbrechers; so handelt keine Gemeinde, die schuldbewußt ist; die wird sich nicht ihren eigenen Rächer ins Haus bestellen. Gegen die Thäterschast der Angeklagten spricht vor Altem der Mangel jeder Spur einer Gemeinschaftlichkeit Tie angesehenen Heideinanns sollten sich mit dem entlassenen Tempeldicner Lesheim zur gemeiltschastlichen Brandstistnng verbinden! Weder vor noch nach der That ist der geringste Berk.hr zwischen beiden Familien erwiesen , ja nicht einmal der Versuch gemacht worden, Ter artiges zu behaupten. Redner weichet sich nun gegen einzelne Lengen ulld Zeugengruppcn, das Unwahrscheinliche, Unhaltbare und theilweise Erlogene ihrer Tepositionen nachweisend. Bnchholz wird, dabei besonders scharf kritisirt. Wenn die Verhandlung schon ein Verbrechen enthüllt hat, so ist es die Aussage dieses Mannes. Er ist noch ein Jahr nach dein Brande bei Heideinanns in Dienst; erst milnkett er mir,, bleibt aber gleichwohl in Lohn und Brod; daiin scheidet er aus und tritt erst mit einer ungerechtfertigten Lohnforderung hervor, verfolgt sie aber gerichtlich nicht weiter; darin fäiigt er an zu drohen, und als auch das nicht verfängt, schreitet er zur Denunziation. Und auch hier geht er stufenweise vor. Erst weiß er nur wenig, allmählich stärkt sich sein Gedächtniß; zu den Verdachtsmomenten, die im Holz und Zaun liegen sollen, komnit plötzlich die Pelroleumkanne; kein richtiger Brand ohne Petroleum. 'Run ist die Kanne da, er giebt sie dem in Dienst befindlichen irnd dem entlassenen Tempeldiencr (Lesheim lind Lowcnbcrg) in die Hand; er trisst diese erst einmal. daun zweimal; er trisst sie erst Nachts, dann Morgens, und jo geht das weiter. Es ist keine dankbare, für die Vertheidigung wenigstens keine dankbare Ansgabe, diesem Zeugen in die Schlupfwinkel seiner Ailssagen zu folgen; dankbar kann diese Aufgabe allerdings für Jemand Anderen (mit einem Blick ausden Staatsanwalt) werden. Die Büchholz'sche, vom Staa sanwalt selbst dcsavouirle Anssage lasse, sich nicht atts der Gesammranklage herausschälcn; mit Buchholz stehe-und falle die Anklage. Leugengrnppe nach Zeugengruppe nintmt ^iedner jetzt vor und mißt die einzelnen Bekrlndungen mit dem Maßstabe der Wahrscheinlichkeit und der 'Wahrheit. , Die Aussagen der Kinder, die beschichte mit dem brennenden Spiilde, die Aussage des Mannes, der vom Schcuncnberge aus seine Beobachtungen gemacht haben will. Seine Schlußfolgerung geht dahin: keine Spur von erweislicher Schuld, ja man könne mit Ueberzeugirng sagen , den Angeklagten, besonders beu Heidemanns, sei bitteres Unrecht geschehen. Und wenn die Lesheims, namentlich der jüngere, ans der Brandstätte vorlaut gewesen, so sei das mit dem geringen Bildungsgrade dieses Burschen wohl erklärlich, aber es sei kein Jndicium und noch weniger ein Verbrechen. Sie werden also, meine Herren Geschworenen, die Angeklagten frei sprechen müssen, davon bin ich überzeugt, und ihr Spruch wird keine Kritik des früheren Spruches in Eöslin fein. Denn Sie haben ein vollständig anderes Bewcismaterial; in Eöslin hatte ja Buchholz seine Lundschnnr noch nicht erfunden, damals hatte der Knabe Jvert die Schnapsslasche noch nicht geschwungen als das Zeichen, in welchem die Renstettiner siegen wollen! Als ich damals, nach Fällung des Eösliner Richlerspruches, es als meine innerste Ueberzeugnng anssprach, daß das letzte Wort noch nicht gesprocheiz sei, so that ich.es, weil ich überzeugt war von der Nmchuld der Berurtheilten. In dieser Ucberzeugung habe ich gehofft, daß die Unschuld an den Tag kom.nen werde, wenn nicht früher, so doch, wenn bei Einzelnen das Gewissen sich regen ivürdc. Uitd eS hat sich geregt. Und wenn wir heute nicht blos mit unerschütterlicher Ucberzeugung, sondern mit froher Hojsnuug die Freisprechung der Angeklagte» erbitten, so erkennen wir dankbar das Walten der Vorsehung an. Meine Herren Geschworenen, sprechen Sie die Angeklagte» ft«. Rede des Herrn Justizrath Makowen Richt anzuklagen, sondern zu vertheidigen bin ich gekommen. Ich halte weitere Ausführungen sür nutzlos nach de» beredte» Worten meines Kollegen Sello; aber ich halte mich durch mein Sello gegebenes Wort verpflichtet, nicht auf bas Wort zu verzichten. Rack, allen Richtungen^ erscheint, mir das in dem vorliegenden Prozeß beobachtete Verfahren überaus ausfällig. Reben der gesetzlichen vewrdnete» Behörde sind nämlich hier noch zwei andere Anklagebehörden anfgetreten, von denen mir eine bedenklich, die andere ossenbar unzulässig erscheint. Bedenklich erscheint mir die Thäligkeit einer Polizeibehörde, die nicht die Srtspolizei ist, nämlich des Landrathsamts, das bis zum letzte» Tagender Verhandlung noch staatsanwaltliche Funktionen ausübte, Zeugen zu Protokoll vernahm u. s. w., die andere Anklagebehorde ist die Redaktion der „Rordd. Presse, die gleichfalls gar nicht Unterzeichnete Protokolle ausnahm und zu den Akten einsandte. Bon wem sind all die Protokolle ausgenommen? Ich weis es nicht, es steht nichts darunter. ES ist nun aber keine Kleinigkeit, zu wissen, wer zuerst einen Zeuge» vernimmt. Bei ungebildeten Leuten ist es gar keine Kunst, sie zu einer gewissen Färbung ihrer Anssagen zu bestimme» Dreiviertel aller Zettgen sind aber protokollarisch vernommen. Gott bewahr uns, daß neben der Staatsanwaltschaft und de» Gerjch-' ten solche 'Rebenbehörden sich etwa regelmäßig konstituiren! Da wäre ja schließlich kein Mensch mehr vor einer Anklage sicher! Ueberaus ausfällig erscheint mir zweitens, daß sür all das, waS die Phantasie nur erfinden konnte oder wollte, sich Zeugen gefunden haben, bereit, es zu beschwören. Ich überlasse es Ihrem Urtheil. ob Sie nicht unter den Zeugen erheblich belasteter« Personen gefunden haben , als hier auf der Anklagebank. 'Wie kam die Anklage, wie kam der Verdacht überhaupt zur Welt '? Erft sollte es Lowenberg, der Tempeldiener, gewesen sei» Tann kamen die Hetdemanns, die wohnen dicht beim Tempel, das sind'also Brandstifter, dann kamen die Lesbeims, d. h. zunächst der ältere, denn was der Jüngere auf der Anklagebank zu thun hat, ist mir überhaupt unerfindlich,, er müßte denn etwa, weil er ein naseweiser Beugel war, unter Anklage gestellt worden fein. Aber da man einmal den ältere» Lesheim hatte und der Sohn ja auch so mit war, hat man sie gleich alle Beide genommen, den Vater mit dem Sohne. .Ungeheuerliche Dinge sind hier vorgebracht worden — aber bei. schalerer Betrachtung ist alles nur Rachtspuk, weiter nichts. Erst sind Einzelne die Brandstifter, dann kommt die ganze Gemeinde. W» macht man denn so einen Gemetndebrand? 'Run. einer der Zeugen hat es uns'ja erzählt! Die Borsteher der Synagogengemeinde gehen mit schadenfrohen Gesichtern auf dem Schennenberge zwei Stunden lang spazieren und blickeit immerzu nach dem Tempel, ob der durch Gemeindebeschlnß zum Feuertode vermtheilte noch nicht bald ansängt, zu brennen. Wann» zünde» sie die Synagoge 'an? Neberversichert sind sie nicht, und wenn sie eS wären, sie bekonnnen ja doch nur das ersetzt, was wirklich verbrannt ist. Warum also die hübsch reparirtc und vstlständig genügendeSynagoge anzünden? Auch hierfür har. man einen Grund. . Juden wollten sich Gelder zum Reubau erbetteln» unter Anrufung deS Mitgefühls hausiren gehen. 'Jimt, nt. H.» lyenn Sie malEinen finden, der seinen Rock, dut er eben hat rcparkre» lassen, verbremrt in der Hossnung, sich einen neuen zu erbetteln, dann, bitte, Heilen Sie mir seine Adresse mit! (Bewegung.) Was die Entstehung des Feuers betrifft, ehrlich gestanden: ich. weiß nicht, wie es auskam, und schäme mich auch dessea nicht. Tie Ehristen sagen: die Juden haben eS angezündet; Leo Lesheim — eine große Autorität — behauptet, die Ehristen haben es angezündet. Ich meinestheilS weist nühr, wti es gethan hat, und barste kan:: auch die Ueberzeugung

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