Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1884)
- Date
- 1884-03-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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377 sähe — denn die Religion habe damit nichts zu schassen — gedenkt der Henricischen Brandreden und des ucrlesenen Artikels der ,No»ddcu»schen Presse," der nicht, wie der Herr Staatsanwalt meint, eine sür unser Jahrhundert bcdcutmigslose Reproduktion ans einer längst überwundenen Kulturepoche sei, sondern eine hockst gefährliche Aufreizung enthalte, um so gefährlicher, als die Aufreizung nicht den Gcdankengang eines obscuren Redakteurs wiedergrbe, sondern mit der Autorität des großen ResonnatorS Luther bekleidet erscheine. Ji» diese durch solche Artikel genugsam gekennzeichnete Stimmung hinein fällt der Brand der Synagoge; einige Juden sind lcidenschastlich genug, in ihrer t^rbitteruug und erstell Aufregung die Ehristen der Thäterschast zu beschuldigen, uud nun ist es für die Christen Ehren- und Gla»tbe»»sfache, den Nachweis sür die Thäterschast der Juden unter allen Umstände» zu führen. Wohin wir blicke», überall tritt uns dieser Fanatismus entgegen. Ich will ganz absehen von der Böswilligkeit, mit der z.L. die Zündschnnrgcschichte crsurrdell wurde. absehen von» Gcklälsch der mit Ahnungen begnadeten Weiber — cs giebt da noch viel üetrubendere Erscheinungen. Da ist z. B. der Zeuge Dahliß, der, sobald er Thalsachcn bekundet, unbedingt und IN jedem Worte die vollste Gläubivurdigkeit verdient; aber wie ungeheuerlich wird seine Ausiassung, wen» er den Boden der Thatlachcn verläßt. Er sicht den Lesheim auf der Lrandstätic, sei» Gesicht kömmt ihm verstört vor u»»d er würde ihn wegen dringenden Verdachts der Thäterschast sofort verhaftet haben, wenn er die Macht dazu besessen. Ja, meine Herren, ich bin fest überzeugt, hätte LeSheim ruhig allsgesehen, anstatt verstört, Zeuge Dahlitz würde gena» zu demselben Schlüsse gekommen sei» und sich gesagt haben: Dieser Mensch ist angesichts einee solchen Katastrophe so gleichgiltig, das ist sicher der Thäter! Das ist eben die Sophistik der Leidenschaft? - Ein noch eklatanteres Beispiel bietet sodann der Rektor Westphal — weil Frau Heidemann ihr Dienstmädchen nach dei» Spritzen schickte, darum erscheint sie ihm höchst verdächtig, um das Verbrechen zu wissen! Ja, meine Herren Geschworenen, ist das ei» Zeichen des Schuldbnvnßtseins? Uud wenn der Zanatismils bei solchen Leuten, die Bildung und einen geivisscn moralischen Iiückgrät haben, solche Früchte zeitigt, können wir uns da wundern, wenn er bei andere» Zeugen, denen die Bildung und dieser Rückgrat fehlt, schließlich solch grotesken Ausfchrei- Utngen zutreibt, wenn er Aussagen zu Wege bringt, die nicht blos der Wahrscheinlichkeit, sondern auch der Wahrheit Hohn spreche»? Redner eremplifizirt hier u. A. auf die Zeilgen Engirr, die Knaben Tenzin und Jvcrt und fährt dann fort: Aber sie wollet» es doch gesehen habe«»! Lügen denn diese Leute alle? Wer so spricht, verkcltut die scelenzerrüttrnde Macht des Fanatismus. Gedenken wir doch der Herenprozcsse, auch hier glaubten die Leute selbst an ihre beschworenen Aussagen, und aus diese Aussagen hin uurdell Millionen dem Flammcntod geopfert. Solche Vorurlheile uehuten wie eine Epidemie die Gcmüther befangen. Dagegen müffen wir mit aller Entschiedenheit Front machet» gegen die Behatlptung, daß dieser Geist der Unduldsamkeit uud der Verfolgung, wie er uns hier so schroff cntgcgcntritt, mit dem Ehristenthum etwas gemein habe; was drese Leute treiben, ist das Gegentheil von» Ehristenthum- Redner kommt nun zu einigen allgemeinen Betrachtungen über die Art und Weise, wie bei der Länge der dazwischen liegende» Zeit die Vorgänge und die Zeitangaben sich verwirren, vermischen, einander näher rücken , nebu os werden. Mit der Eigenthümlichkeit der Erinnerung sei es wie mit den Bergspitzen: je weiter wir ui»S von ihnenen» fernen, desto näher scheinen sie zusammenzurücken, bis sie schließlich sür den Blick fest aneinander hängen. Zn dieser Eigenthümlichkeit der Erinnerung tritt hiev noch der geringe sittliche und geistige Gebalt vieler Zeugen, die Macht der Borurtheile, die Macht des Klatsches und endlich — Redner eremplisizirt aus Buchholr. die Asfaire Gärtner-Höst u. f. w. — die bewußte Löge. "Ln' dem Zusammenwirken' dieser Faktoreir ist einfach Alles möglich, aber auch nllr so erklärt eS sich, daß die Belastungsausfagen, pan; entgegen den Gesetzen der Psyche, immer mehr anschwellen, statt naturgemäß, da die Erinnerung doch schwächer wird, abzunehmen. 'Auf solchem Boden ist kein sicherer Schritt möglich? Um nun zu den Judicien zu kommen — was hat nicht Alles als solches hcrhallen müssen! Die Schmalheit oder Breite des zwischen der Synagoge und dem Heidcmannschen Hanse dnrchführendcn Ganges! Die Zeugen haben Alles versucht, den Gang möglichst breit erscheinen zu lassen, bloS weil der alte Hcidemann erklärt, er hätte durch den schmalen Gang sich nicht durchzwängcn können. Die Parleiteidenschaft übersieht dabei ganz daß, je breiter der Gang war, desto eher die Möglichkeit vorliegt, gewisse am Zaune von Belastungszeugen angeblich beobachtete Vorgänge wirklich zu beobackten! Frau Hcidemann hat nach Strümpsen geschickt sür ihren mit durchnäßten Füßen hilflos dasitzenkcn alten Schwiegervater. Sie ist so kopflos, in der allgemeinen Venvirrung und Ausräumung ihres Hauses nicht zu wissen, wo sie gerade trockene Strümpfe sind n soll — und auch das ist ein Jndicmm! Ueberhanpt Alles, was die Auge-? klagten bestreiten, wessen sie sich nicht mehr erinnern, mag es noch so harmlos sein — all das und Judicien! Der Vcrthcidigec klärt nnttmchr die Widersprüche in den Aussagen der' 'Angeklagten so weit als möglich' auf und dcdncirt eben daraus, daß sie cs trotz der Länge der Zeit unterließen, ihre Aussagen in Nebercittstimmung zu bringen, bas Bewußtem ihrer Schuldlosigkeit. Eine große Gruppe sogenannter Judicien ist übrigens von Hause ans so schwach, daß ein Hauch deS Mundes sie hinwegbläst. Jedes einzelne der z. B. gegei» Bttchholz vorliegende»» Verdachtsmomente wiegt ziveifellos schwel er als die Gesammtargnmente gegen die Angeklagten. Er sucht den Dienst bei Heideinanns, er erzählt im Gespräch mit Dobberstcin, er könne 10 Thaler uub massenhaft Schnaps sür das Tempel-Ansteckcn bekommen; er deitnncirt in der Norddeutschen Presse; er bricht die Lücke in den Zann: er hat eine Zündschnur, die er dann in der bekannte»» lügenhasten Weise gegen die Heidemanns zu verwerlhcn sucht — ja wiegen beult diese Judicien nicht Alles auf, »vas je gegen die Angeklagten vorgcbracht wurde? In den Kreisen der jüdischen Genteinde soll der Thäter zu s»»chen sein? 'Was spricht gegen die Juden? Die ausfällige Erleuchtung der Synagoge? Nun, ich denke die Wahrnehmungen der Fra»» Greiser sind u»»s d»»rch Rabbiner Dr. Hojsmann überzeugend aufgeklärt. Nicht im Februar, sondern in» Dezcinber »var das Weihefcst, bei dem sie vie vielen Lichter gelchcn habe»» »vill! Zugleich ein Beiveis sür daS Bersch»vi»nmeu des Zeilsimts! Dam» sollen sie 5 Tage vor dem Brande gar »licht in den Tcmpcl gegangen sein und sich missättig still verhalten haben! Ja, meine Herren, »veun die Jllden »virklich das Verbrechen Planten, mußten sie doch erst recht alles Aussälltge vermeiden und ihre» früheren Gepflogenheiten bis znin letzten Momente treu bleiben! Zudem hätten sie doch gerade bei ihren Morgengottesdiensten die envünschle Gelegenheit gehabt, unausiällig so viel Petroleum, als sie »volllen, nach den» Tempel;»» schleppen, und Leshcim brauchte nicht, »vie die Zeugen gesehen habe»» »vollen, au» Helle»» Mittage des Brandtages mit der Petroleumkannö »»ach den» Tempel zu lausen! Nur der erbittertste Fanatismus kann so deducircn! Und außerdem, sehen die Angeklagten, sehe»» besonders die allgemein als ruhige, friedfertige, achtbare Leute geschilderten Heideinanns aus »vie Le»»te, die die lempcsi'chällderische Hand an ihr eigenes Gotteshaus legen? Wollten sie ferner die Frucht ihres Berbreche»»s gc»»»eßen, so »»rußten sie de»» Verdacht aus Jemand Anderen;»» lenke»», suchen, sie habe» aber das »licht gethan. 'Alle Interessen »vürde»» ja auch einet Brandstiituug dilrch die Jllden znwiderlausen:~bie nialericllei» und die sittlichen Interessen. Tie materiellen,, dem» die Leute haben hellte behuss Reubans ihres Tempes eine für eine so. arme Gemeiilde doppelt schivere Schuldenlast auf sich geladen; die sittliche,», de»»»» welch boder»lvfe Verworfenheit würoe nicht in der Annahme urgrn.