Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 21 (13.3.1884)
- Date
- 1884-03-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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364 Literarischer Bericht. Der Traktat Megilla nebst Tosafot vollständig ins Deutsche übertragen von Pr. M. Nawicz, Bezirksrabbiner. 8. Der Vers, vorliegender Schrift will allen denen, welcherr d'r Talmud in der Ursprache fremd ist, Juden und Christen,-durch eine Ueberfetzung Gelegenheit geben, sich selbst cis-Ä'Ä von demselben zu machen. Cr hofft, daß der Geist dieses alten Werkes, nachdem ihm die „orientalische Kleidung" ausgezogen und es mit. dem „modernen Mantel" umhängt ist, auch „in der neuen Gewandung" zu uns reden werde. Das sind alles nun sehr löbliche Absichten; jedoch, ob der Verf. verstanden hat, diese richtig zur Ausführung zu bringen, ob das Gewand, das der Verf. dem alten Werke umgehängt hat, ein so modernes und geschmackvolles ist, daß es sich sehen lassen darf, ohne ein mitleidiges Lächeln zu erregen, das werden die Leser beurtheilen können, sobald, wie ihnen der „Mantel" etwas deutlicher gezeigt haben werden. Wir geben zu, daß den Talmud zu übersetzen ein gar schwieriges Werk ist. Nebersetzen ist überhaupt eine Kunst, nnd wer sich klar darüber sein will, was alles von einem guten Uebersetzer verlangt wird, der lese den schönen Brief Maimonides an Samnel Jbn Tibbon, in welchem er sich über die Bedingungen ausspricht, die an den Uebersetzer zu stellen seien. Es ist nicht allein nöthig, daß der jlebersetzer beide Idiome, das woraus und das in welches er überträgt, durch und durch beherrsche, er muß auch mit dem Stoffe des Werkes, welches übertragen .werden soll, vollkommen vertrant sein. Diese Anforderungen steigen sich zur höchsten Potenz an einen Uebersetzer des Talmud; die Vertrautheit mit dem vielgestalteten und vielgearieten Stoffe ist hier bei weitem schwieriger; doppelt schwierig ist aber die klare und durchsichtige Darstellung und Wiedergabe der vielfach verschlungenen Wege der Diskussion, eine Aufgabe, die nur ein sachkundiger Mann zu lösen vermag, welcher, mit einer guten Portion gesunder Logik ausgerüstet, den Gebrauch der deutschen Sprache meisterhaft zu handhaben versteht. Alle diese Eigenschaften, die wie wir eben dargelegt, ein guter Uebersetzer haben muß, besitzt Herr Rawicz in hervorragendem Maße — nicht! Vor allem ist die Darstellung so confus und ist soweit davon deutsch zu sein, daß nur Derjenige im Stande ist, die Ueberfetzung zu verstehen, wer schon voraus die Kenntniß das Talmud sich ungeeignet hat. Es ist mir 'bei der Durchsicht des Buches oft passirt, daß ich diejenigen Stellen, deren Inhalt mir nicht gegenwärtig war, erst dann verstanden habe, als ich sie in meinem Talmudexemplar nachschlug. Dazu kommt nun noch eine bewundernswertste Unwiffenheit, welche der Vers, fast jede Seite an den Tag legt; es entgeht ihm das Verständniß der einfachsten Stellen, und nm5 dies entschuldigt dessen Kühnheit, eine solche Arbeit zu unternehmen nnd za veröffentlichen; er war sich niemals der Schwierigkeit seines Unternehmens bewußt. Diesem Mangel an Verständniß ist cs zuzuschreiben, wenn der Verf. willkürlich Stellen ausläßt und dann im Text fortfährt, ohne sich darum zu kümmern, ob das Folgende sich nicht gerade auf die Stellen beziehe, welche man beim Vers, vergebens sucht. Wenn also der Verf. auf das Tittelblatt setzt, „vollständig ins Deutsche übersetzt", so entspricht dies mit Verlaub dem Sachverhalt nicht: erstens ist die Ueberfetzung keine vollständige und zweitens ist sie keine deutsche. Zuerst nun einige Proben des Deutsch, das uns hier geboten wird. S- 7. „Man meint große Städte, die keine Festungen von Josua ab haben und auch keine zehn bestellten Leute zum Gottesdienste, denn diese lesen am 15. u. f. w." Wer liest denn da; die bestellten Leute oder gar großen Städte? Was sind das überhaupt für Städte die Festungen oder gar keine Festungen haben? . S. 12. „Was ist eine Großstadt? Wenn Leute zum täglichen Gottesdienste bestellt sind, sonst - gleicht sie einem Dorfe-" - Klassischer kann man sich nicht ansdrücken. S. 13. „Rasch! sagt, wer gab denn den Chachamim das Recht, am Tage des Lesens der Megilla jede Trauer zu verbieten und sehen wir doch, daß man jetzt noch so thnt: Darum geht das nur darauf daß man nicht Tachnnn sagt." S. 74. „Wer die Megilla vorliest, kann entweder stehen oder sitzen, sei es daß sie einer liest, sei es, daß zwei daran lesen, ist immer recht." Ich glaube mit diesen Proben genug gegeben zu haben; ich könnte mit noch viel mehr dergleichen Stilblüthen aufwarten, doch es ist noch Ernsteres vorzunehmen, nnd darum sei mit diesem cs abgethan. Wir kommen jetzt an eine Reihe nicht gerade falscher aber ungeschickter nnd darum unverständlicher Uebersetzungen. S. 4. „R. Jirmija sagte die Buchstaben mem, min, zarte, pe, cliaf, am Schluß eines Wortes haben die späteren Propheten eiugesührt." Wer nicht schon aus dem Talmud es weiß, daß hiermit die Formen der Schlußbuchstabcn gemeint sei, kann cs ans dieser Ueberfetzung nicht errathen. S. 9. Warum es besonders Erwähnt ist, daß man am Purim, der aus den Sabbath fällt (möglich bei denen die Purim am 15. feiern), über das