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Der Israelit · 1884-03-13 · Heft 21 (13.3.1884) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 21 (13.3.1884)
Date
1884-03-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ßrnente Merl-andüliigeii des Prozesses wegen des Hleustcttirrer Synagogenbrandes. Könitz, 8. Marz, Abends. Von der gestern Nachmittag erfolgten Freisprechung habe ich Ihnen telegraphisch Mittheilung gemacht. Die Verkündigung des Urtheils ergab eine ergreifende Scene. DoÄ davon später. — Heute werde ich, da nach Verkündigung des Wahrspruchs die einzelnen Zeugenaussagen vielfach, kein großes 'Interesse mehr haben, mich darauf beschränken, das Wichtigste mitzntheilen. Am 5. Verhandlungstage war die Aussage des Vorstehers der Israel. Gemeinde zu Neustcttin, des Kaufmanns Wolff Löwe, von Bedeutung. Derselbe sagte: „Schon 1876 machte sich das Bedürfniß nach einer größeren Synagoge geltend. Wir tauften deshalb einen- Banplay für 5250 Mark, .überzeugten uns jedoch sehr bald, daß uns ju einem Neubau die Mittel fehlten. . Wir verkauften deshalb den Bauplatz wieder und ließen die Synagoge ausbauen. Dieselbe wurde erweitert, die Bänke renovirt, neue Teppiche gelegt , die Sitze derartig vermehrt, daß nicht blos alle Gemeindemitglieder hinlänglich Platz hatten, sondern auch noch eine Anzahl Rescrvesiyc vorhanden waren. Die Synagoge hatte nach dem Ausbau ohne die innere Einrichtung einen Werth von ettva 6000 Mark. Der Ausbau hat nur etwa -1500 bis 4800 Mar! gekostet. Da wir auch alle Privat-Thorarollen, Kronleuchter :c. versichern wollten, so ließen wir die Synagoge incl. allem Inventar mit 12000 Mark versichern. Bei der Negulirung des Schadens erhielten wir allerdings nur 9000 Mark. Jedes einzelne Mitglied der Gemeinde bat infolge des Brandes Schaden erlitten. Mir sind verschiedene Sachen, u. A. ein werthvolles Gebetbuch, verbrannt, das. noch ein Andenken von meinen Urgroßeltern war, und der mir daraus erwachsene Schaden belief sich incl. der von mir gekauften Sitze auf etwa 600 Mark. leustettin ähnliche Dinge häufig colportirt Gebäude brannte in zwei Stunden nieder. Daß das Feuer mittelst Petroleum angesteckt war. glaube ich nicht, denn es roch nicht danach. Dagegen war ich anfänglich davon überzeugt, daß das Feuer von ruchloser Hand angelegt worden, weil bereits im Jahre 1863 uns eine Anzahl Thorarollen von rnchloser Hand zerschnitten wurden. Ter oder die Thäter sind damals mittelst Fenstereinschlagens in die Synagoge eingedrungen. Die Gemeinde hat durch den Brand bedeutenden Schaden gehabt; denn wir sind genöthigt gewesen, einen Neubau auszuführen, der 50,000 Mark gekostet hat. — Präsident: Die Gemeinde zu Neustettin ist aber doch arm? — Zeuge: Arm ist sie gerade nicht, sie ist aber auch nicht reich. — Präsident: Wie trieben Sie die 50000 Mark auf? — Zeuge: 9000 Mark erhielten wir Bersicherungsgelder, 30000 Mark nahmen wir leihweise auf und etwa 7—8000 Mark erhielten wir von Glaubensgenossen geschenkt. — Präsident: Sind Silbersachen auch mitverbramtt? — Zeuge: Die Silberhänge der Thorarollen wurde» den Privatbesitzern jedesmal am Ausgange des Sabbath zuruckgegeben. — Im Weiteren bemerkt der -zeuge, daß mehrere Wochen vor dem Brande regelmäßig Frühgottesdienste in der Synagoge stattfanden, ist nnwahr. Wenn' Zeug."., derartige Bekundungen machen, so beruht das auf Einbildung. Wir ersuchten noch am Tage des Brandes den verstorbenen Bürgermeister Zinqler, eine Belohnung von 1000 Mart für Ermittelung der Brandstiiter an allen Straßenecke» anszubicten. Auch baten wir gleich nach dem ' Brande den Polizei-Präsidenten von Berlin, Geheimen Regierungsrath v. Madai, einen Eriminal-Eomissar behufs Enuittclnng des oder der Thäter nach Neustettin zu schicken. Dieses unser Gesuch wurde jedoch „ans dienstlichen Gründen" abgelehnt. Einige Zeit vor dem Brande hatten wir einmal Petrolcumbelenchtung im Tempel: dieselbe cnvies sich jedoch als vollständig unpraktisch, weshalb wir dieselbe wieder abschassten." Am 6. Verhandlungstage ergreift bei Eröffnung das Wort der Verthcidiger Rechtsanwalt vr. S e l l o: „Ich erlaube mir folgende Mittheilung zu machen: Der Steinsetzmeister Beyer hat gestern Herrn Justizrath Scheuncmann in dessen Hotel ausgesucht und ihm gesagt, sein Gewissen dränge ihn' zu folgendem Geständniß: Der Maurer Bumke habe ihm einmal erzählt, daß Buchholz einem Arbeiter Dobberstein 10 Thaler geboten, wenn dieser die Synagoge anstecke. (Sensation.) Ich beantrage zunächst den Steinsetzmcister Beyer über diese Thatsache zu . vernehmen. — Der Gerichtshof entspricht dem Anträge und läßt den Steinsetzmeister Beyer eintrcten. — Präsident: Haben Sie immer die Wahrheit gesagt? — Zeuge: Ja. — Präsident: Die haben sich allerdings im Widerspruch'mit mehreren anderen Zeugen befunden. Ist es wahr , daß Buchholz mit der Brand- \ ■ stistung in Verbindung steht? — Zeuge: Ich weiß blos, daß Bumke mir erzählt hat, Buchholz habe dem Dobberstein 10 Thtr. geboten, wenn dieser den Tempel anstecken wolle.— Präsident: Wann hat dies Ihnen Bumke erzählt? — Zeuge: »Rach dem Kösliner Prozeß. — Präsident: Weshalb haben Sie das nicht schon früher gesagt? Ich habe Sie doch ansgefordert, uns Alles : zu sagen, was S'e über diese Brandstiftung wissen! — Zeuge schweigt. — Präsident: Ist Ihre Erzählung auch wahr? ~ Zenge: Ja. — Präsident: Sind Sie etwa hier in Könitz von irgend Jemanden beeinflußt worden? — Zeuge: Nein. . Staatsanwalt: Ha» Ihnen auch Bumke gesagt, daß Dobberstein die Synagoge angesteckt hat? — Zeuge: Das hat er nicht gesagt. — Präsident: Gcrichtsdicner! Lassen Sie. einmal Buchholz eintreten! — Buchholz: Wissen Sie, wer den Tempel angesteckt haben kann? — Zeuge: Nein. — Präsident: Kennen Sie einen Arbeiter Dobberstein? — Zeuge schweigt. — Präsident: Kennen Lie Dobberstein? — Zeuge (nach längerem Zögern): Ja — Präsident: Weshalb zögern Sie so sehr? Sie kennen ihn ja doch jedenfalls schon lange? — Zeuge: Es giebt mehrere-Dobbersteins. — Präsident: Auch mehrere Arbeitsleute, die Dobber- - stein heißen? — Zeuge: Ja. — Präsident: Sie sollen cinSm Arbeiter Dobberstein 10 Thaler geboten haben, wenn er die' Synagoge anstecken wolle? — Zeuge: Das ist nicht währ. — Schmied Wienicke weis; von der Augelrge.chcit 'Nichts. — Verth eidi ge r Rechtsanwalt Dr. Sello erklärt, daß er keinen Antrag' stellen wolle. — Staatsanwalt: Ich werde den Bumke sofort telegraphisch laden." All demselben Tage erschienen die Geladenen. „Es ward dann nochmals Steinsetzer Beyer aufgeruscn und ihm vom Präsidenten in eindringlichster Weife Vorhaltung darüber gemack't, weshalb er nicht früher mir seiner Bekundung hcrvorgctreten. — Beyer: Mein Gewissen drängte mich. — Präsident: Hat Ihnen Jemand etwa gesagt: „Sagen Sie das aus, es wird Ihr Schaden nicht sein? — Zeuge: Nein. — Maurer Prunke: Kurz nach dem Kösliner Prozeß arb itetc ich mit dem Arbeitsmann Dobberstein zusammen. Da erzählte mir Letzterer: „Buchholz hat zu mir einmal gesagt: Wenn du den Judentcmpel ansteckcn willst, so kann du IÖ Thaler verdienen und so viel Schnaps erhalten, wie du willst."" — Präsident: Weßhalb haben Sic das nicht früher gesagt? — Zenge: Ich wußte nicht, daß cs darauf ankommt. — Arbeiter Dobberstein: Buchholz sagte mir einmal vor dem Brande, genau kann ich

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