Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 20 (10.3.1884)
- Date
- 1884-03-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449406-2449427--19756-2509255- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
342 Leitung der Gemeinde kann nur jedem orthodoxen Rabbiner von eminentem Werthe sein!" „O, wie erhaben und erschütternd war Ihre Predigt!" rief Löwenstein aus, welcher sich durch die mich umstehende Menge durchgedrängt, um mir die Hand zn - schütteln. Fröhlich's gefolgt und mein Herz pochte laut bei der Erwägung, daß der hiesige Amtsrichter doch mein Bruder sein könnte, zu welchem heute mein Herz geredet, und der durch meine Worte sichtlich gerührt war. -^Dieses Muttermal kann nur meinem „Es freut mich, daß sie Ihren Beifall gesunden." „Mein Gott für so schlecht halten Sie mich!" versetzte Löwenstein. — „Da müßte ja mein Herz von Stein und keiner edlen Regung mehr fähig sein, wollte ich behaupten, daß Ihre herrlichen Worte keinen liefen Eindruck auf mich gemacht haben! Ja, ja bester Herr Doctor. Nicht bloß bei mir haben Ihre begeisternden Worte diese Wirkung hervorgernfen, sondern sie brachten auch das Blut des Herrn Amtsrichter Stein in Aufwallung, welcher nach dein On dit ein getaufter Jude sein soll. Sein Fuß hatte noch nie zuvor die Synagoge betreten, und heute war er durch Ihre Predigt so erschüttert^ daß er mehreremat laut aufgeschluchzt hat. Erst kurz vor dem Schluffe derselben, verließ er geräuschlos und doch schwankenden Schrittes die Synagoge." „A propos, Herr Doctor" — mengte sich Hornstein plötzlich in das Gespräch. — „Ich wollte Sie schon gestern fragen und vergaß immer! Ist der Amtsrichter vielleicht verwandt mit Ihnen? Er heißt ebenfalls Stein!" „Ich weiß es nicht!" gab ich wehmnthig zur Antwort. „Eigeuthümlich!" murmelte Eantor Fröhlich, welcher in meiner Nähe stand, indem er bedenklich seinen Kopf schüttelte, vor sich hin. — „Ja, sehr eigenthnmlich! In der That auffallend! — Ja sehr auffallend! —" „Was ist denn auffallend, lieber Herr Fröhlich" — srug ich gepreßt und erwartungsvoll. . „In der That auffallend und eigeuthümlich!" — wiederholte Fröhlich, wie abwesend. — „Ich stand während der Predigt in der Nähe des Amtsrichters, da bemerkte ich, wie er mit großer Aufmerksamkeit Ihre ganze Gestalt musterte. Ich folgte seinem Blicke und war nicht wenig überrascht, wahrzunehmen, daß seine ganze Aufmerksamkeit dem Muttermale an Ihrem rechten Ohr gewidmet war. Etwas erstaunt wandte ich mich nach ihm um, da hörte ich, wie er vor sich hinmurmelte: „Sollte eres in der That fein?" — Ist es nicht sonderbar?" Mt athenckoser Spannung bin ich dem Berichte Bruder bekannt sein! „Er ist es! Er ist mein Bruder!" jubelte ich laut auf, als ich in dem Vorzimmer der Synagoge meinen Talar ablegte. — „Ich erkenne ihn an dem lauten Pochen meiner Brust, an den schmerzlichen, aber doch süßen Gefühlen, welche mein Inneres bei seinen: Anblicke freudig und zugleich erschreckend durchströmten. O, wie freue ich mich, daß er noch mit dem Judenthum nicht ganz gebrochen, vielleicht gelingt es mir. in seinem Herzen Gefühle der Liebe für die Wahrheit unserer heiligen Religion zn wecken! Ach, wie werden sich meine Mutter und Schwester freuen, wenn ich den längst verschollen geglaubten Sohn, und Bruder als einen geläuterten und gebesserten Menschen in ihre Arme führe!" „Armer, einfältiger Narr!" — entfuhr es nach einigem Besinnen seufzend meinen Lippen. — „Sind es nicht Illusionen, die Dein Gemüth bewegen? — Ist es nicht die Einbildung, die Hoffnungen in Deinem Busen erregen, welche in einer Unmöglichkeit gipfeln? Ist nicht ein Lustschloß in Deiner Phantasie entstanden, das bei dem milden Lichtglanze der Wahrheit in Nichts zerfließen muß? — Ja, hemme die Schleusen Deiner Entzückung, Einfältiger! damit Du später über Deine Enttäuschungen nicht zn klagen hast! — Entferne jeden Gedanken an ein freudiges Wiedersehen mit Deinen! Bruder ans Deinen! Herzen, damit Dn nicht ans einem wüsten Traum einer frendenlofen Wirklichkeit zurückgegeben, erwachst! — Aber das Muttermal an meinem Ohr-, welchem er seine ganz besondere Aufmerksanikeit gewidmet haben soll, und die Worte, die er dabei gesprochen? — Pa! Ersteres kann vielleicht ein Frennd von ihm gemeinschaftlich mit mir haben oder ihm sonst anfgefallen sein. Letzteres, kann Herr Fröhlich mißverstanden oder gar nicht recht gehört haben. — Siegfried hieß mein Bruder nicht! — Und wenn er doch mein Bruder wäre? — Nun bin ich denn überzeugt, daß ich ihn als einen Bruder in meine Arme schließen darf? — (Fortsetzung folgt.) Die Fortsetzung der Erzählung „Nur standhaft" erscheint in der nächsten Nummer. Hierzu vier Beilagen. VkköniiSörNichr Redartron: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition dkZ .ZZraelit' große Bleiche 45, Z. Got tSleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).