Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 20 (10.3.1884)
- Date
- 1884-03-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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340 in seinen Angen Gnade gefunden hätte. Eben deshalb uIut gilt die rubbinischc Norm ,^'rr u'rr-> r<7 :<"> und ist darum beim Fällen tiiur» allgemeinen Urthkils die größte Vorsicht geboten. Ploni. Skalitz, den 5. Mär.;.' Hier iu unserer ruhigen Fön. Freistadl, wo die jüdischen und christlichen Bewohner im besten Ginlicrnehmcn lebten, erregte eilt Vorfall alle Geinniher, ein Vorfall, der säe uns sehr verhängnisvoll zu werden drohte, doch wurde die Gefahr miypzur Zeit von uns abgcwcndet. Im Hanse der hiesigen Insassin Frau Mirjam Ghrcnstein war ciri 17-jShrigcs Mädchen evangelischer Konfession bedicustct, welches verschiedenartige Betrügereien und Diebstähle znm Nachthcilc ihrer Herrin'verübte. Die gnlmnthigc Frau verzieh ihr alle Vergehungen gegen das Versprechen, nie wieder in ihre Fehler znrnckzufallcn. Nichtdestoweniger begab sich das Mädchen zu einer Freundin und Nachbarin ihrer Dicnstgcberiu, um bei derselben für ihre Frau ein Ansehen zu contrahiren. Die Nachbarin aber mochte Lunte gerochen haben, erklärte den Geldbetrag sofort selber zu überbringen, was sie auch Ihat. Frau Ehrcustein aber wußte nicht, was die gute Nachbarin mit dem Gclde wolle, das sie ihr cingehändigt, bis die Nachbarin W. erklärte, daß sie das Geld gebracht, welches sie durch das Dienstmädchen zu leihen gewünscht habe. Hierauf rief die Frau das Mädchen herbei, um cs mit der Nachbarin zu eousronlireu wegen des erneuerten Betruges. Allein das Mädchen war verschwunden und konnte seither — es sind seitdem 1 Wochen verflossen — trotzallen eifrigelt Euchens nicht aufgesundcn worden. In anderen normalen ZeitverlMnisseu wäre das Verschwinden des Mädchens, welches offenbar die von Seite ihrer Herrin angcdrvhte polizeigerichtliche Anzeige sürchtcte, nicht ausgefallen. Nicht so in unserer reaktioärcn und antisemitischen Zeitstromnng. Die ungnalisicierbarstcn Eombinationen wurden ausgehcckt, um das Verschwinden der Magd zu erklären. Die fabelhaftesten Märchen durchschwirrtcu die Luft. Die Eitlen, behaupteten, das Mädchen wäre von den Juden zu den bevor stehenden Ostern aufbcwahrt worden, die Anderen wollten gar gehört haben das Wimmern des Mädchens, als es von Juden abgeschlachtet wurde, wieder Andere wollten bemerkt haben, wie die Leiche des Mädchens in Kisten verpackt "Nachts von Inden wcgspeditirt worden wäre und des dummen Zeuges noch mehr. Die Situation fing an recht unheimlich, ja peinlich und besorgnißcrrcgend zu werden, umsomehr als selbst Personen, die sich bisher als liberal und vornrthcilsfrei gerirtcn mtd zur Jntelligcrz sich zählten, offen erklärten, man müsse doch die Juden, meiden, da sie erwiesenermaßen^) Ehristenmädchen verschwinden lassen.(!) Znm Glück wurde das Mädchen vor 3 Tagen auf dem Dachboden des Hauses ihrer Dienstgeberin tief im Heu verborgen in höchst desolatem Zustande zufällig atlfgcsnnden und unter Znsammcnlanf einer großen Volksmenge zur Polizeibehörde geleitet. Schreiber dieser Zeilen begab sich als Ortsrabbiner zu den Behörden und bat in Anbetracht der verbreiteten die Israeliten dieser Stadt ehrverletzendsten mtb kränkendsten Gerüchte, mit die strengste Untersuchung, welche auch cingclcitet und noch immer fortgesetzt wird, aber kein anderes Resultat ergab, als daß das Mädchen in dem Momente, als die Nachbarin iu das Haus ihrer Herrin trat, dasselbe voraussctzend daß ihr neuer Betrug entdeckt werden wird, verließ und in der Gegend sich umhcrtricb; jedoch nach einigen Tagen wieder hierher znrückkehrte, eines Abends sich in das Haus ihrer Dienstgeberin schlich und aus den Dachboden sich begab, von wo sie jede stacht heruntcrsticg, um beim Brunnen mit. Wasser sich zu laben und mit de» aufgelesenen Speiseüberrcsten, die im Hofraume für Hund und Katze zu finden waren, sich zu nähren. Dieses Manöver führte sie, cs scheint fast unglaublich, 3 Wochen hindurch fort. DieAerzte gaben die Erklärung ab, daß das Mädchen, angesichts ihres geschwundenen Krästczustandes diese Operation nur noch wenige Tage hätte mitmachen können und wäre gewiß iu 10 bis 12 Tagen dem Hungertyphus erlegen. Es ist eine sichtbare Fügung der göttlichen Vorsehung r."ü"pn 72, v-ion rem 2-0, daß das Mädchen noch lebend aufgefnnden tvurde und nun lut Spital ihrer vollkommenen Wiederherstellung cntgegeugeht. "Wenn die Magd später, leicht möglich, schon als Leiche aufgefunden worden wäre, wir hätten gewiß einen TiSza- Eszlarcr Prozeß in erneuerter und vielleicht auch „verböscrter Auslage" erlebt. Dank und Preis dem allgütigen Gott, der uns Helfer war und ist in der Noth. n"2 D7'> 72' trpea O'iirp} hsjp rrsm nn pi D7*y -y. A. Friedmann Rabbiner Pesih. In der Iosephstadt fanden in den lctztcir Tagen antisemitische Versammlungen statt, welche der Polizeibehörde nicht angemcldct worden waren. In Folge dessen wurden die Personen, die an btefeu Versammlungen thcilgenonnuen haben, gestern vom Stadthauptmann Urs vorgeladen und zu Geldstrafen von 25—100 Gulden, zusammen 0 Personen mit ÜOO fl., eventuell zn entsprechenden Arrcststrafen vernrthellt. Zwei Abgeordnete, die ebenfalls unter den Thcilnehmcrn waren, konnten mit Stück sicht auf ihre Immunität nicht vorgeladcn werden.