Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 20 (10.3.1884)
- Date
- 1884-03-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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336 Erneute Verhandlungen des Prozesses wegen des Aenstettiner Synagogenörandes. Könitz, 3. März. Pipers Vernehmung wird zunächst nicht fortgesetzt, weil thatsächliche Erhebungen durch andere Zeugenaussage» seitens der Vertheidignng beantragt sind. Piper hat nämlich vor längerer Zeit gegen einen ihm in der Beförderung angeblich vorgezogenen Lehrer eine Denunziation wegen mit eine»» Lchulmädchen vorgenommener unsittlicher Handlungen eingereicht, und diese Denunziation wurde als unbegründet zurückgewiesen. Dem betressenden Schillmädchen aber hat die Frau des Piper Zucker gegeben und Kleider versprochen »nd Ihr dabei nahe gelegt, zu Nngunsten des dennnzirtcn Kollegen ihres Mannes auszusagen. Den Beweis über diese Thalsachen hält der Staatsanwalt für unerheblich, die Vertheidignng besteht ans ihrem Anträge, die betressenden Zeugen zu laden.' Der Gerichtshof beschließt nach längerer Berathnng dem Anträge der Vertheidignng gemäß. Schuhmacher Engser, anscheinend schwachsinnig, mit dessen Vereidigung der Präsident die größten Schwierigkeiten hat, ver- , wickelt sich in die unlösbarsten Widersprüche. Erst will er der Erste ans der Brandstätte gewesen sein, dann hat er bereits, mehrere Leute ans der Brandstätte getrossen. Im Allstrage des Bürgermeisters sei er in die Heidemannsche Wohnung gegangen und habe dort auf dem Dache bemerkt, daß die Balken des Hauses inweitdig am Giebel schweelten, während die Synagoge noch gar nicht hell brannte Zeuge meldet sich mit dieser überraschenden und ganz neuen Mittheilung seht zum ersten Male, und zwar hat er vor dem Kriminal-Kommissar Höst ans Berlm, der in voriger Woche in Neristetlin Erheb ringen pflog, diese Aussagen zuerst gemacht. Sachverständiger Duscke erklärt die Darstellnirg des Zeugen Engfer für eine irrthümliche. Der Präsident ermahnt den Zeugen Eiigscr wiederholt ansS Eindringlichste, bei der Wahrheit und „aus gutem Wege'' zri. bleiben. Engfer hält seine, mit allen übrigen" Zeugenaussagen und dem Sachverständigen-Entachteii auch des Regiernngsbäuralhs Benoit im Widerspruche stehende Aussage , ausrecht. Zerige kommt dann plötzlich, ohne gefragt zn sein, ans das „Spind," das nur ein einflügeliges gewesen sei. Präsiderit: Ja, wie kommen Sie denn daraus, darüber sind Sie ja gar nicht gefragt! Die ganze Erzählung des Zeugen macht den Eindruck ebenso wohl des Eingekernten. wie des Konfusen; der Mann ist ossenbar, wie and) der Präsident ihn nennt, ein „unklarer Kopf." Maurergeselle Katleske, tritt jetzt zum ersten Male mit seiner Aussage hervor. Zenge ist nach 12 Uhr ans dem Brandplatze erschienen und Hai den Befehl erhalten, mit einem Eimer Wasser den schweclendeii Eiebel des Heidentamlschen Hauses zu löschen; dabei soll Heideliiann sen. ih«n gesagt haben: „Was wollett Sie, taffen Sie das doch brennen!" Heidemann bestreitet das entschieden. Das Jener im Heidemannsche« Hanse ist nach Ansicht des Zeugen durch den Brand der Synagoge entstanden. Feldman» Zwick hat den alten Heidemann in der frag licheu Zeit nicht im brennenden Hause gesehen. Frau Sonnenberg erzählt von dem vielgenannten brennendeit Spind; sie ist der Ansicht, daß das Spind heil war und das Fetter im Innern desselben angesegt war. Heidemaitn jim. fragt, ob die Zeltgin ihre Wahrnehmungen gemacht habe, bevor sie ihm Mehl gestohlen habe, oder nachher. Zeugin muß zugeben, daß ihr während des Brandes Maurer einige Metzen dem Heidemamt gehöriges Mehl „geschenkt," das Seminarist Sange bleibt strikte bei seinen Köskner Anssagen betreffs des Spindes; da? Feuer kann nach seiner Ansicht «llr im Innern des Spindes angelegt sein. - | Tischler Kopelke hat im Innern der Synagoge zuerst eine Art Feuerherd wahrgenommen. Das Eine weiß Zeuge ga-z genail: erst hat der Tempel lichterloh gebrannt, dann erst ist in Folge der Hitze das Heidemannsche Hans angcbrannt. Betreffs des Spindes wiederholt Zeuge, was er in Köslin gesagt: das Spind war schlecht, hatte Lücken nnb Fugen, eine Leiste war eingedrückt, so daß leicht ein Feuerfnnkc Hineinsliegen konnte. Bertheidiger Mai bau er ersucht den Präsidenten, die Zeugin Sonnrnberg zu fragen, ob sie schon bestraft sei, da dies dock» aus ihre Gandwürdigkeit-Einfluß habe» tonne. Zeugin muß zngeben, wegen Kuppelei bestraft;u sein. Pastor K lamrvt h deponirt ganz kon'orm seine Kösliner Anssagen betressS des Feuers im Spinde. Er verquickt, wie er cs in Köslin gethan, T Hatsachen mit Raisonnements, wirb aber vom Präsidenten wiederholt unterbrochen, namentlich dann, ats er Zeitrmgsberichte über die .Nosliner Verhandlungen korrigiren will. Tie Vertheidignng regt hier an, daß Tischlermeister Kopelke mehrfach seitens anderer Zeugen, schon unmittelbar nach der Kösliner Verhandlung und auch hellte wieder, seiner Aussage tvegen corawirt imb bedroht worden sei. Besonders wird Schmiedemeister Winnegge genannt. Vorgernsen, denimn» sich der Letztere ziemlich rabiat, erzählt immer von Kost n und . seiner Schmiede. ES wird die Frage angeregt, ob Zeuge uickck etwa betrunken sei. Aus die Frage, ob Zeuge den Buchholz kenne und ob dieser trinke, meint er: I» wovon sollte denn der trinken 'i Präsident:?!un, wovon Sie trinken, oder heute bereits getrunken haben. Staatsanwalt Schlingmann beantragt. den Zeugen behnss Ernüchterung sechs Stunden einznstecken. Der (Gerichtshof kann-sich von der totalen Betrunkenheit nicka überzeugen, und der Präsident vermahnt den Zeugen anss Ernsttichste, sich nüchtern zu halten. Die Geschworenen, meint der Präsident weiter, würden sich ja schon beim Anblick derartiger Zeugen ein Nrtheil zu bitden verstehen. Rektor Westphal deponirt über das Spind, das „grangelb," einflügelig nitd in gutem Zustande war nnd von dem stark zitternden Heidemann senior geöffnet witrde. Sodann glaubt er sich in seinem Gewissen verpflichtet, noch etwas hinzu zu sägen, dessen er sich erst jetzt entsinne: er sei nämlich Frau Heidemann junior gleich nach 11 kkhr begegnet, und die habe ihm exaltirt zngernfen: „At'ein <^ott, mein Gott, der Tempel brennt, was sotten wir thnn!" Die Aenßenmg in Verbindung mit der rhatsache, daß Frau Heidemann dann ihrem Mädchen den Allstrag gab, nach den Spritzen zn laufen, sei ihm sehr verdächtig erschienen (Sensation im (Gerichtshof nnd der den Geschworenen.) Präsident: Sie sehe», meine Herren, wie schwer es ist, Thatsachen m>d Raisouilemeuts auseinander zn halten. Ich sollte doch meinen, der erregte Zuslaitd einer Frau in solcher Lage sei ebenso erklärlich wie der Auftrag, den sie dem Mädchen gab — nnd daraus schließt der Zeuge sofort ans die Schulr» des Angeklagten. Frau Westphal deponirt über das „grauaelbe" Spinde ebenso wie ihr Gatte. Das Heidemann sche Dienstmädchen Be tha Hilger weiß tmr von einem zweiflügeligen Spinde, in dem S achen schweelten nnd brannten. Zeugin sagt auch aus, daß Heidemann senior schon damals stark an Gliederziuern gelitten habe*, eine Thatsache, die, wie der Präsident konstalirt, heute von teiner Seite mehr bezweifelt wird. Die (Geschworenen mrd der Staatsanwalt stimmen dem zu. Heber die Identität und Besibajjenheit des Spindes dehnen sich die Vernehmungen endlos hin, ohne Klarung zil bringen: es steht hier Atlssage gegen Aussage. Schuhmacher Trojan ns wiederholt seine Kösliner Ans' jagen bezüglich des Spindes. Zeuge hat gesehen, wie Heivemann im Innern de» Hauses das Spind zuschloß, bevor es mtjrS» sNf» aiti« t>S*r invitfmrin. wm