Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 19 (6.3.1884)
- Date
- 1884-03-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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319 retten, mit der Art die Wand eiuzuschlageu versucht, aber vergeblich. Dieses. Vorgehen bedeckte lediglich Rettungsversuche, den ominösen Gang schätzt Zeuge auf höchstens 8 Zoll. Eine Klarheit darüber ist nicht zu erzielen. Sensationell wirkt bas Erscheinen deS als Hauptbelastungszeugcn aus Köslin bekannten Lehrers Viper. Auch er will, gleich Lehrer Hübner, erst eine Rede halten, worin er verspricht, enau Alles so auszusagen wie früher. Der Präsident untcrricht ihn mit der Bemerkung, die früheren Aussagen intercssir- 1m das Gericht zunächst nicht. Dann beginnt Piper seine Erzählung von der Schulstunde, während deren er und einzelne seiner SLüler den Beginn deS Synagogcnbrandes beobachteten. Diese Aussagen decken sich mit dem Resultat seiner Vernehmungen zu Köslin, besonders bezüglich Lcsheims u: d Sohn. Die wiederholten Versicherungen Pipers, er sage nur die Wahrheit und kein Wort mehr, unterbricht der Präsident mit dem Aussprmb, das sei selbstverständlich und eine spezielle Betheuerimg höchst unnöthig. Die Geschichte mit dem Stuhl,, auf welchem stehend Lesheim senior seinem Sohn einen Fensterflügel der Synagoge herabgereicht haben soll, bleibt so anlklärungsbedürflig wie zuvor. Außer Piper und seinen Schuljungen weiß merkwürdigerweise Niemand etwas von diesem Stuhl. Piper erzählt deS Breiten, daß er aris dem unangeinessenen Benehmen des Lesheim gegen ihn auf die Schuld derselbe» geschloffen habe. Der Präsident weist diese Schlußfolgerung zurück. Auch die Thatsache, daß Piper 1V4 Jahre lang von semen Verdachtsmomenten, trotz behördlicher Aufforderungen, nichts verlantbart, findet wiederum die schon bekannte Aufklärung: Die Frau des Zmgm hatte es ihm verbotm, „sonst Hetze er sich die Juden auf dm Hals." — Präsident: Aber sagen Sie, kehrt man sich denn in solchen Dingen an die Frau? Hatten Sie Furcht vor ihr oder geschah es aus Liebe? Zeuge schweigt. — Später hat er mit dem Lehrer Hübner über die Sache gesprochen., und der brachte die Wahm'hmungen Pipers zur Anzeige. — Präsident: Also zunächst hat der Respekt vor Ihrer Frau, um mich so auszudrücken. Sie veranlaßt , mit Ihren Wahrnehmungen zurückznhaltcn: dann aber auch die Angst vor der Staatsanwaltschaft, wie aus den Akten ersichtlich. Sie haben sich, laut Protokoll, durch angebliche Drohungen des Staatsanwalts Pinoff „bedrückt" gefühlt und um Schutz gegen denselben gebeten. Zeuge muß das, allerdings sehr bedinge, zugeben. Die bekannte Angelegenheit mit dem Verweise, den Piper wegen beleidigender Ausdrücke gegen biblische Helden in einer Religionsstunde von seiner vorgefetztm Behörde bekommen, spitzt sich hochdramatisch zu. Dr. Sello regt die Frage an, ob Piper einen derartigen Verweis erhalten, Zeuge weicht der Frage wohl zwanzig Mal unter nichtigen Vorwänden aus. Erst will er wissen, von wem er einen Verweis erhalten haben soll, und laßt bezüglich sämmtliche Behörden, Regierung, Schulinspektor und Konsistorium, einzeln stageil. Seine Antwort lautet stets: Ich weiß es nicht. Dann will er präzise formulirt haben, wegen welcher Acußerungen er disziplinirt fein soll. Als ihm auch dies prazisirt wird, schützt er abermals Gedächtnißschwäche und Nichtcrinnern vor. Dieses Verirspiels müde, ermahnt der Präsident den Zeugen aufs Emsteste, sich nicht unglücklich zu machen und der Wahrheit die Ehre zu geben. Sein ganzes Benehmen zeige ja deutlich, daß ' er in der That einen Verweis bekommen. Piper erklärt noch immer, sich der'Sache nicht mehr zu entsinnen. Endlich beginnt der Präsident mit Strenge: „Sie stehen unter der Pflicht des Zeugeneides. Ich will unbedingt eine klare Antwort. _ Haben Sie eine Disziplinarstrafe erhalte» o',er nicht?" Piper fängt an zu zittern und wird bleich. Gerichtsdiener springen mit einem Stuhle mld einem Glase Waffer zu. Der Präsident unterbricht das Verhör.und setzt die Fortsetzung auf Montag an. Die Erregung unter den Geschworenen und im Auditorium ist eine außerordentliche. Nach kurzer Unterbrechung wird Kontrolenr Dahlitz aus-, gerufen, einer der Zeugen, die kurz nach Ausbruch des Brandes vor dem Tempel erschienen. Obschon Dahlitz keinen der LcsheimS direkt beteiligt gesehen, will daS unruhige Wesen der Beiden und ihr ganzes Benehmen aus ihn einen so irngünstigen Eindmck gemacht haben, daß er sie sof»rt verhaftet' haben würde, wenn er Polizeibcamter gewesen wäre. Der Präsidc>lt meint, das wäre doch ctivas schnell fertig. Zeuge hat überhaupt nicht aus Kenntniß bestimmter Thatsache», sondern nur zaus seinem „Gefühl" die Ncbcrzengung gehabt, daß die Juden ihren Tempel selbst angestcckt. — Präsident: Es herrscht also wohl in Neustettin eine gewisse Mißstimmung zwischen Inden und Ehristen? Zeuge: Das kann mail nun eigentlich nicht sagen. — Präsident: ■hüh, wenn man sich gegenseitig der Brandstiftung beschuldig», so scheint man sich doch nicht gerade gut zu sein. - Rechtsanwalt Maibaner konstatirt, daß Zeuge Dehlitz große Anstrengungen gemacht, Zeugen gegen die Angeklagten in Neustettin zu werben und dem Landrathsamte zuzuführen. Auf wiederholten Antrag Dr. Scllos erfolgt jetzt die Verlesung deS schon erwähnten Artikels der „Nordd. Presse" vom 30. November I SSO, in welches cs u. A. (angeblich Lüthersches Eitat) heißt: „Was sollen wir thun mit diesen verfluchten und verrotteten Juden? I) Daß man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke und vernichte:c. x." (Fortsetzung in nächster Nummer.) ZeitungSuachricHte» u»dEorrefpv»den;e». De u t s ch l a n d.; Fürth Dem Jahres - Bericht der Gabriel Ricßer'schen Stipendim-Stiftung in Fürth für das Jahr 1882/83 entnehmen wir: Die diesjährige Vercheilung, die 17. feit Bestand der Stiftung, mußte am 20. April 1883 vorgenoinmen werden. . Für dieselbe hat ein Gönner der Stiftung nebelt seinem Jahresbeitrag noch weiter 100 M. zur Verfügung gestellt, mit der Bestimmung, diesen Betrag dem würdigsten Bewerber znzuwcnden. Für die Verthcilung standen uns, ungerechnet diese 100 M., im ganzen 1950 M. zur Verfügung. Bewerbungen sind diesmal 26 eingelanfen, nämlich eine von einem au einer Universität stndirenden Rabbinatscanditatcn, drei von Studireuden der Rechte, fünf von Studireuden der Medicin, drei von sonstigen Universilätsstudirenden, fünf von Studirenden der technischen Hochschule, sechs von Schullehrerscminaristen, eine von einer Seminaristin, eine von einem Musikschüler, eine von einem. Schullehrerpräparanden. > Erhalten haben ein Nabbinatscändidat 120 M., drei Stndircnde der Rechte 420 M., vier Studirende der Medicin 440 M., 1 Studircndcr der Philologie 200 M., 3 Studirende der technischen Hochschule 580. M., 4 Seminaristen 240 M., eine Seminaristin 50 M. Die besondere Znwenduna von 100 Mk. hat ein ausgezeichnet qualisicirter Studirender der technischen Hochschule als Zulage zu einem Stipendium erhalten.